Konzerte & Party

Hagen Liebing kommentiert: Coming of Age

Hagen Liebing

Es ist schon verblüffend: Blättert man durch aktuelle Musikmagazine und Konzertprogramme, so finden sich zunehmend Elogen auf Künstler, die vor ein, zwei, ja manchmal sogar vor drei Jahrzehnten bereits als BOFs, als boring old farts, abqualifiziert wurden, oder die, wie etwa Neil Diamond, hierzulande gar niemals irgendeinen Grad von Coolness besaßen. Klassiker des Blues, Rock, Soul und Folk, denen man in den frühen 80ern allenfalls noch ein Bühnenplätzchen bei Joe am Ku’damm einräumte oder die auf RS2-Oldie-Nächten dem Sonnenuntergang entgegenschunkelten, werden nun auf ausgiebigen Tourneen regelrecht hofiert, füllen als Headliner mit Legendenstatus  Kesselhaus, Tempodrom oder gar größere Hallen – auch wenn sie ihrem musikalischen Werk in der langen Zeit nicht unbedingt etwas Bleibendes hinzugefügt haben. Und nicht bei allen kann man das Comeback mit dem goldenen Handauflegen von Rick Rubin erklären, wie es einst überraschend Johnny Cash widerfuhr. Mir scheint für diesen späten Ruhm vielmehr entscheidend, dass nicht nur diese Künstler eine sehr weite Wegstrecke hinter sich gebracht haben, sondern vor allem auch ihr Publikum älter geworden ist. Und nach dem Jugendwahn früherer Jahre empfinden die Hörer und Zuschauer nun ganz vehement das Glück, immerhin nur alt, aber noch nicht tot zu sein. So wird das rüstige Durchhalten bei den noch viel Älteren wie Bob Dylan, den Stones oder unseren Blues- und Soul-Senioren flugs zur vorbildlichen Tugend erklärt, die einem ordentlich Mut machen kann.

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