Konzerte & Party

Hallogallo 2010 im Admiralspalast

Michael Rother

Michael Rother, der Namen wird vielen nicht auf Anhieb etwas sagen. Doch seine Bands Kraftwerk, Neu! und Harmonia rufen garantiert Erinnerungen wach. An die kosmische Musik der frühen 70er-Jahre, an erste Experimente mit elektronischer Klangerzeugung und die Überwindung der Gesetze des Rock’n’Roll. Als Vorbote des Techno wird er in Fankreisen gepriesen, ein Visionär, der mit Brian Eno Platten aufnahm und ihm den Weg zum Ambient und „Music for Airports“ ebnete und selbst David Bowie begeisterte, der ohne Rother vielleicht seinen Sound für die Berlin-Alben „Low“ und „Heroes“ so nicht gefunden hätte. Rother agierte in einer Zeit, als Popmusik in Deutschland tatsächlich neue Wege beschritt.
„Klaus Dinger und mir ging es mit Neu! um die Idee dessen, was die Engländer ‚motoric‘ nennen, um sehr dynamische Musik, die nach vorne treibt und sich nicht mit Klein-Klein aufhält, sondern mit dem Blick zum Horizont sehr frei und offen ist“, erklärt Rother sein für damalige Verhältnisse revolutionäres Konzept. Inspiriert von den indischen Ragas, die scheinbar ins Unendliche münden, aber auch von den neuen Möglichkeiten, die die Synthesizer boten, bewegte sich Rother ab 1971 konsequent darauf zu. Als er bei Kraftwerk einstieg war der gebürtige Hamburger, den es schon früh mit seiner Familie nach Düsseldorf verschlug, erst 21. Dort blieb er nur kurz. Die großen Tage der Roboter und Autobahnen sollten erst kommen, Rothers eigener Weg führte ihn geradewegs zu Schlagzeuger Klaus Dinger, der ebenfalls kurzzeitig bei Kraftwerk mitspielte. Sie gründeten Neu! und veröffentlichten zwischen 1971 und 1975 drei mit dem berühmten „Neu!“-Logo versehene Alben mit psychedelisch-monotonen Stücken, die sie „Negativland“, „Für immer“ oder „Hallogallo“ nannten.
Michael RotherNoch während seiner Zeit bei Neu! begann Rother gemeinsam mit den Elektronik-Pionieren Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius, die es bereits als Cluster zu einiger Bekanntheit gebracht haben, ein weiteres Bandprojekt, das um einiges experimenteller und elektronischer was als Neu!. „1973 hatte ich die Idee, die Cluster-Musiker zu fragen, ob sie nicht Neu! bei einer Englandtournee unterstützen wollten. Das hat allerdings dazu geführt, dass ich mit den beiden Harmonia gründete, weil es mir nach den ersten Sessions als noch wesentlich interessanter erschien“, sagt Rother und verweist auf die Tatsache, dass Neu! kaum live spielen konnten. „Wir haben einige Versuche unternommen, mussten aber einsehen, dass wir die Musik einfach nicht aufführen konnten. Mit einer Gitarre und einem Schlagzeug klang es zu dünn und die Verwendung von einem Kassettenrekorder wurde vom Publikum als Verrat angesehen“, erklärt Rother. Daran, aber auch an persönlichen Differenzen zerbrach Neu! und verschwand anschließend für über 20 Jahre in der Versenkung.
Rother produzierte Soloalben, Dinger gründete La Düsseldorf, 1986 gab es noch einmal den Versuch einer Reunion, die jedoch scheiterte. Der perfektionistische ­Rother und der chaotische Dinger kamen nicht überein, weder musikalisch noch geschäftlich, vor allem wenn es um die Wiederveröffentlichung der alten Neu!-Alben ging, obwohl Labels wie Mute und Universal Interesse zeigten. „Das ist an Klaus gescheitert, er misstraute allen und hatte eine sehr egozentrische-paranoide Grundstimmung ausgestrahlt“, erinnert sich Rother. Erst Herbert Grönemeyer, der Neu! für sein Label Grönland Records gewinnen wollte, brachte beide Ende der 90er an einen Tisch und machte ihnen ein Angebot, das sie nicht ausschlagen konnten.
Michael RotherDie Tonträger waren wieder auf dem Markt, Neu! zählten neben Bands wie Faust, Can und Amon Düül zu den Pionieren einer eigenständigen deutschen Rockmusik, doch live konnte man die Musik nach wie vor nicht hören. Ein mögliches Comeback gestaltete sich weiterhin als äußerst schwierig und als Dinger im März 2008 starb, als unmöglich. Rother reaktivierte Ende 2007 mit Moebius und Roedelius Harmonia, trennte sich aber bald wieder von seinen alten Weggefährten und widmete sich dem Projekt „Hallogallo 2010“, bei dem jüngere Musikerkollegen beteiligt sein sollten. Schnell sorgte es für Verwirrung. „Es sind ja nicht Neu!, die da spielen werden“, macht Rother deutlich, „die Veranstalter verkürzen die Headline ganz gerne, das verstehe ich, aber in der Ankündigung steht: „Michael Rother and friends perform the music of Neu!, Harmonia and Rother’s solo albums“. Unterstützt wird er von dem Sonic-Youth-Schlagzeuger Steve Shelley, der seit Langem zu den Bewunderern von Neu! gehört und den Rother über den ebenfalls involvierten Toningenieur ­Aaron Mullen in New York kennenlernte. Bei einigen Konzerten in den USA waren außerdem der ehemalige Gitarrist der Red Hot Chili Peppers John Frusciante und Benjamin Curtis von School of Seven Bells eingebunden.
Mit dem Live-Projekt will Rother eine Auswahl dessen präsentieren, was ihm in den letzten 38 Jahren musikalisch durch den Kopf gegangen ist, mit einem besonderen Schwerpunkt auf die vorwärtstreibenden und rhythmischen Stücke. „Das ist keineswegs ein nostalgischer Trip, den ich damit verfolge. Die Musik, die ich mit Neu! in den 70ern gemacht habe, ebenso mit Harmonia, ist seit dem Teil meiner musikalischen Identität. Es ist nichts, was in der Vergangenheit einen Abschluss fand und jetzt in einem Rückgriff wiederbelebt wird. Vielmehr ist es eingeflossen in die Farbpalette meiner musikalischen Ausdrucksform.“

Text: Jacek Slaski

Fotos oben und mittig: Hadley Hudson

Foto unten: Roberta Accettulli

Hallogallo 2010, Michael Rother and Friends perform the music of Neu!, Harmonia and from Rother’s solo albums, Admiralspalast, Do 23.9., 20 Uhr, VVK: 36,90 Euro

Verlosung
Wir verlosen 5 x 2 Freikarten an unsere Leser. Mail bitte an [email protected]. Kennwort: Hallogallo. Einsendeschluss: 23.9., 13 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Mehr über Cookies erfahren