Konzerte & Party

Hans-Peter Lindstrшm spielt auf der Club Transmediale

Hans-Peter LindstrшmEinst ist die Clubmusik mit dem Anspruch der ständigen Innovation, der pausenlosen Weiterentwicklung angetreten. Auf das nächs­te große Ding wartet man aber schon seit fast einem Jahrzehnt. Es wirkt, als sei alles ausprobiert, jeder Weg beschritten.
In dieser Situation gilt originellen, persönlichen Außenseiterpositionen ein besonderes Interesse. Eine solche Son­der­stellung nimmt Lindstrшm aus Oslo ein. Der eigen­sin­ni­ge Charakterkopf besinnt sich auf den einen klassischen Dis­­co-Sound, den er mit schwelgerischen, melodiösen Klangwelten verbindet. Seinen Musikstil nennt man Cosmic Disco, Space Disco oder Beardo House. Dass die gängigen Spielarten von Techno und House an Grenzen stoßen, ist für Lindstrшm eine Gelegenheit, in die Zeit vor der Clubmusik zurückzublicken und sich dort inspirieren zu lassen.
Lindstrшm ersetzt das monotone Hämmern oder Pumpen aktu­el­­ler House-Sounds durch lo­cke­re, weiträumige Disco-Grooves. Jenseits der Beats werden nicht nur einzelne Akzente gesetzt, son­dern ausladende Synthesizer-Epen entwickelt. „In meiner Musik soll es nicht nur Getrommel und Percussions geben“, sagte er in einem Interview für das Online Portal prefixmag.com.
Für Lindstrшms Musikverständnis sind die 70er Jahre entscheidend. Seine Musik solle aber „auch nicht wie progressive Ambientmusik aus den 70er Jahren klingen, die überhaupt keinen Rhythmus hat“, erzählt er im gleichen Interview. „Bei klassischen Discoplatten aus den 70er Jahren liegt der Focus natürlich auf den Grooves, aber gleichzeitig passiert viel in den Akkorden und Melodien. Eine solche Harmonie strebe ich an.“ Einen Gegenwarts­im­pe­rativ gibt es in Lindstrшms Musik nicht, allenfalls auf einer emotionalen Ebene. In seinen Stü­cken ist eine Sehnsucht nach einer bestimmten Gelöstheit spürbar, es gilt, den antagonistischen Gegensatz zwischen Groove und Melodie aufzuheben. In seiner Ignoranz gegenüber den aktuellen Moden der Clubmusik liegt ein Kalkül: Der Multiinstrumentalist hatte, bis er 25 war, überhaupt keinen Kontakt mit elektronischer Tanzmusik. Mit ihr setzte er sich erst auseinander, als er sie selbst produzieren wollte. Bis dahin spielte er Klavier in einer Gospelgruppe, Gitarre in einer Deep-Purple-Revival-Band und setzte sich intensiv mit Folkmusic auseinander.
Vor fünf Jahren wurde er mit Tracks bekannt, die die Disco-Grooves der 70er Jahre mit Akkordfolgen des Fusion-Sounds und Art-Rock dieser Zeit kombinierten. Trotzdem hat seine Musik nichts von der Megalomanie der Monsterstudios der Zeit, vielmehr verkörpert sie einen charmanten, persön­lichen Autorengestus. Der Charme von Lindstrшms Musik liegt darin, dass seine futuristischen Discohymnen aus seinem Schlafzimmer stammen: Im Untergrund der Musik spürt man den persönlichen Gestus eines Songwriters.
Im letzten Jahr ist Lindstrшms viel beachtetes Debütalbum er­schie­nen. Dort wendet er sich von dem Funktionalitätsprinzip der Club­musik noch entschiedener als bisher ab, zeigt sich als Komponist bedächtig ausgearbeiteter Space­dis­co-Epen. „Where You Go I Go Too“ besteht aus drei langen, mächtigen Tracks, die Titelnummer dauert fast eine halbe Stunde. Lindstrшms Arsenal sphärisch-utopischer Sounds scheint unerschöpflich, immer wie­­­der werden die Klänge in neue, kom­plexe Konstellationen gebracht. Er zeigt sich als meisterlicher Arrangeur: In Momenten, in denen andere die Struktur des Tracks öffnen würden und zur Improvisation übergehen, ent­wickeln Lindstrшms Kompositionen sich über die gesamte Dauer der Stücke. In dieser Musik gibt es keine Auflösungsmomente, sondern allein die Über­set­zung und Weiterführung in eine neue Harmonie: Genüsslicher kann man in einem klanglichen Paradies nicht schwelgen. Verschrobenheit und Eleganz, Nachdenklichkeit und Partyspaß – niemand setzt diese Pole besser in Beziehung.

Text: Alexis Waltz

Club Transmediale mit Lindstrшm, Black Devil Disco Club, The Emperor Mashine; Maria am Ostbahnhof, Sa 24.01., 23 Uhr, VVK: 12 Euro.

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