Konzerte & Party

Hauschka im Radialsystem

Hauschka

Immer wieder stößt man ?bei ihm auf geografische Song-Namen. Für sein neues Album „Abandoned City“ hat er sich ungewöhnliche Orte ausgesucht: Es geht um Geisterstädte.

tip Sie sind als Pianist bekannt geworden, der das Instrument mit Fremdkörpern präpariert. Das können Holzstäbe, Filzkeile oder Tischtennisbälle sein. Welcher Gedanke steckt dahinter?
Volker Bertelmann Ich hatte Lust, mein Klavier zu benutzen, wollte dabei aber nicht Musikinteressierte verstoßen, die andere Vorlieben haben. Ich mag ja selbst auch Indie-Rock und elektronische Musik, das wollte ich mit einbeziehen. Der Klang eines präparierten Pianos hilft mir dabei. Über mögliche Reaktionen habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich spielte auch noch in der Band Music AM mit Stefan Schneider von To Rococo Rot und Luke Sutherland von Long Fin Killie. Da war die Erwartungshaltung höher. Hauschka sollte mehr ein Seitenprojekt sein. Aber dann gab es für Hauschka mehr gute Reaktionen und Konzertangebote als für Music AM. 2007 habe ich 80 Konzerte gegeben, es nahm mehr und mehr zu.

tip Ein Jahr später erschien das Album „Ferndorf“, das nach der Stadt im Siegerland benannt ist, in der Sie aufgewachsen sind. Wie haben Sie es geschafft, aus so einem unscheinbaren Ort Inspiration für ein ganzes Album zu schöpfen?
Volker Bertelmann In einer ländlichen Umgebung wird man schnell mit Zwewifeln konfrontiert. Ich fragte mich, ob ich ohne Ausbildung Musik nach Art der klassischen Komponisten machen könnte. Meine Familie und meine Bekannten waren oft verwundert. Sie meinten, ich solle besser etwas Ordentliches machen. Es war eine aufgeladene Kindheit, aber sie hatte auch viele tolle Seiten. Ich war viel in der Natur unterwegs und hatte alle Freiheiten. Ich lernte, dass das ganze Leben eine große Erkundung sein kann.

tip Es fällt auf, dass Ihre Songs oft nach Orten oder Plätzen benannt sind. Sie heißen „Alexanderplatz“, „Union Square“, „Kamogawa“ oder „Madeira“. Warum ist das so?
Volker Bertelmann Ich suche in meiner Musik ständig eine Balance. Einerseits fühle ich mich zu einem kunstkonzeptionellen Aspekt hingezogen, andererseits halte ich auch die Frage des Gefühls für entscheidend. Wenn man Gefühle zulässt, hört man nicht nur weißes Rauschen, sondern auch eine Melodie. Am leichtesten fällt es mir, eine Emotionalität über Orte und Erlebnisse zu erzeugen. Wenn ich komponiere, kommen mir oft automatisch Bilder von Städten oder Landschaften in den Sinn.

Hauschkatip Auf „Abandoned City“ beschäftigen Sie sich mit Geisterstädten. Was fasziniert Sie daran?
Volker Bertelmann Die Musik war bereits fertig, als ich mich um den Inhalt kümmerte. Ich habe dann eine Metapher für das Gefühl gesucht, das entsteht, wenn ich mich intensiv mit etwas beschäftige. Ich spürte auch eine Traurigkeit über die Vergänglichkeit bestimmter Elemente des Seins. Ich suchte dafür ein Bild und erinnerte mich an ein Foto in der Wohnung eines Freundes, auf dem ein totes Viertel in Las Vegas zu sehen ist. Das war der Auslöser. Es gibt ungefähr 2.500 verlassene Städte auf der Welt. Ich habe mir eine Liste mit denen zusammengestellt, die ich spannend finde.

tip Agdam ist ein finster anmutender Ort in Aserbaidschan. Die Stadt ist von Armeniern besetzt worden. Die Gebäude wurden zum Teil zerstört, damit die geflohenen Einwohner nicht zurückkehren. Der Song hört sich im Vergleich dazu fast feierlich an. Da fragt man sich: Wie passt das zusammen?
Volker Bertelmann Zu jeder verlassenen Stadt lassen sich leicht Aspekte finden, die nicht schön sind. Man rutscht da leicht ins Kriegs- und Katastrophenmilieu rein. Ich wollte mich aber nicht auf die Ursachen des Verfalls konzentrieren. Das wäre zu eindimensional und auch zu voraussehbar. Mir geht es mehr darum, eine Vorstellung davon zu entwickeln, was jetzt in diesen Städten passiert. Wie die Natur in alle Fasern vordringt und ihre Spuren hinterlässt. Ob es Hoffnung gibt, dass alles doch wieder aufgebaut und bewohnbar wird.

tip Sie haben auch Thames Town und Sanzhi Pod City ausgewählt. Wollten Sie damit einen Gegenpunkt setzen, in dem mehr Leichtigkeit steckt?
Volker Bertelmann Ja, diese kuriosen Fallbeispiele sind wichtig. Thames Town hat keine Einwohner, weil die Chinesen nicht in einer Stadt leben wollen, die nach englischem Muster gebaut worden ist. Nach Thames Town gehen nur Hochzeitspaare, die einen pittoresken Bild-Hintergrund suchen. Sanzhi Pod City finde ich super. Ich würde am liebsten sofort in diese Gebäude einziehen, die wie in einem alten Science-Fiction-Film oder wie Kaffeemaschinen aus den Sechzigern aussehen.

tip Wie setzen Sie das alles live um?
Volker Bertelmann Meine Shows sind nicht auf die Veröffentlichung eines Albums ausgerichtet. Etwa 80 Prozent des Programms besteht aus Improvisation. Ich entscheide beim Soundcheck, in welche Richtung es geht. Erst da weiß ich, auf welchem Flügel oder Klavier ich spiele. Die Instrumente und die Akustik unterscheiden sich oft sehr voneinander, darauf muss ich mich einstellen. Es ist schon so, dass es bestimmte Abbilder des Albums geben wird. Programmatische Konzerte, bei denen alles nach Plan abläuft, finde ich aber langweilig. Viele Besucher haben mir erzählt, dass sie während meiner Konzerte das Gefühl für die Zeit verlieren. Das finde ich sehr ermutigend.

Interview: Thomas Weiland

Fotos: Mareike Foecking

UM:laut: Hauschka, ?Radialsystem, Sa 22.3., 20 Uhr, ?Restkarten für 23 Euro an der Abendkasse 

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