Pop-Kultur

Hendrik Otremba über Literatur und Musik

Bei der diesjährigen Pop-Kultur, dem dreitägigen Festival in der Kulturbrauerei auf dem die wesentlichen Aspekte zeitgenössischer Popkultur ausgelotet werden, untersucht die Reihe „Typewriter-Klangwelten“ das Verhältnis von Literatur und Musik. Der Berliner Schriftsteller Hendrik Otremba hat das Projekt konzipiert, wir sprachen mit ihm über die Beat Generation, Laurie Anderson, Fehlfarben, Performance vs. Theorie und die Höhepunkte im „Typewriter“-Programm

Foto: Fine Sträter

tip: Herr Otremba, Jack Kerouac hat man einst nachgesagt, er würde so schreiben, wie Charlie Parker Saxofon spielt. Ließe sich sagen, dass die Beat Generation die Weichen für das Verhältnis von populärer Musik und Literatur gestellt hat?
Hendrik Otremba: Ob da Weichen gestellt wurden, kann ich nicht einschätzen, wohl aber gab es starke Impulse – ich denke auch, dass spätestens die heutige Wertschätzung der Beat Generation mit dafür sorgt, dass ein Schubladendenken überholt wird. Was mich an Texten dieser Zeit begeistert, ist ihr Rhythmus, und ja, ein Stück weit auch, dass man meint, beim Lesen den Jazz zu hören. Schön zusammen findet das etwa in Cronenbergs Filmadaption von Burroughs »Naked Lunch« – der Score von Howard Shore und Ornette Coleman bilden eine krasse Symbiose mit den Bildern des Films, was eine starke Stimmung erzeugt. Der Soundtrack eignet sich übrigens auch ganz hervorragend zum Schreiben – eine Erfahrung, die letztendlich zum Konzept von Typewriter-Klangwelten führte.

Natürlich reicht die Verschränkung beider Genres historisch viel weiter zurück, dennoch ist nach den beatniks dann durch Songwriter wie Bob Dylan und Leonard Cohen, die sich stets auf Literatur berufen, aber auch in Arbeiten von Avantgardisten wie Laurie Anderson, die Interaktion von Text und Klang immer weiter ausgelotet worden. Wie stehen Sie zu dieser Historie?
Ich denke auch, dass das ein viel länger währender Prozess ist – aber er wird greifbar durch seine prominenten Protagonisten. Laurie Anderson ist da ein sehr gutes Beispiel, weil ihre Arbeit nicht klar einzuordnen ist: handelt es sich dabei um eine Erzählung, die klanglich unterstützt wird? Sind es Pop-Songs mit Spoken Word-Charakter? Nein. Es sind Stücke von Laurie Anderson. Darauf möchte ich hinweisen: das Verhältnis von Literatur und Musik lässt sich theoretisieren, klar – mit Typewriter-Klangwelten aber will ich vielmehr durch performative Experimente die Facetten dieses Verhältnisses ausloten. Es geht also mehr um das Erleben.

Ihre Reihe „Typewriter-Klangwelten“, die im Rahmen des Festivals Pop-Kultur stattfindet, forscht nach „offenen Schnittstellen von Literatur und Musik und neuen hybriden Formen“. Wie sehen solche Hybriden Formen 2017 aus?
Ich bin auf die Idee gekommen, weil ich selbst beim Schreiben Musik gehört habe und zudem natürlich im Musizieren auch literarische Einflüsse entdecken konnte, sie zum Teil forciert habe. Dass so etwas vielerorts eine Rolle spielt, war mir bewusst, das eigene Erleben und Ausprobieren hat mich dann aber weiter sensibilisiert. Erst wollte ich einen Sampler machen mit einer ‚Musik zum Schreiben’ – daraus wurde dann letztendlich eine Festival-Konzeption und schließlich Typewriter-Klangwelten. Es gibt unzählige Spielarten, wie das heute aussehen kann. Peter Glaser hat mal gesagt: „Der beste Roman 1981 ist eine Schallplatte: »Monarchie und Alltag von den Fehlfarben«.“ Zuletzt habe ich es vor ein paar Tagen bei Patti Smith in der Zitadelle in Spandau gesehen: sie trug ein langes, impulsives Gedicht vor, eine Hommage an den russischen Filmemacher Andrej Tarkowski, ihre Band spielte ein Stück von Sun Ra. Das war keine Musik, keine Literatur, sondern vielmehr beides, ohne Hierarchie. Wahnsinn!

Können Sie dafür Beispiele aus dem Programm benennen?
Julia Lans Nowak, eine Dichterin aus Los Angeles, hat mit dem dänischen Avantgarde-Musiker Loke Rahbek ein Stück namens »Translator« entwickelt, das eine Interaktion von live gesprochenem Text und Musik mit zuvor aufgenommenen Elementen ausprobiert, um die Grenzbereiche von Möglichkeiten der Kommunikation auszuleuchten. Was abstrakt klingt, fragt eigentlich ganz einfach: Inwiefern entspricht uns eine Sprache, wenn wir die Worte anderer Menschen benutzen? Ich bin sehr gespannt, wie die beiden dies umsetzen werden.

Wie heben sich solche Projekte von einer szenischen Lesung bzw. einer Literatur-Performance ab?
In dem sie sich solchen Zuschreibungen entziehen: Gibt es bei den genannten Beispielen immer eine Art Hauptmedium, das dann von einer weiteren Ebene unterstützt wird, verlassen wir bei Typewriter-Klangwelten den Versuch der Fokussierung. Nichts steht hier im Vordergrund, vielmehr suchen wir Symbiosen.

Wie sehen Sie die Entwicklung von Literatur und Musik in der Zukunft, wenn man die Digitalisierung, soziale Medien, non-lineare Erzählformen etc. berücksichtigt?
Es gibt ja schon zahllose Versuche, auf die digitale Evolution zu reagieren und bei vielen scheint nach wie vor das Medium die Botschaft zu sein. Diese Entwicklung bedeutet dann oft, klassische Formate wie Album oder Roman zurückzulassen, worin sicher viel Potential steckt. Ich persönlich hänge aber sehr an Büchern und Platten, gleichzeitig versuche ich also, diese Entwicklung in neue Erzählformen zu übersetzen, die dann wieder in klassischen Trägermedien stattfinden können. Zum Beispiel: Wie lässt sich das Fragmentarische in der heutigen Kommunikation in einem Buch fassen, das wiederum im Umfang begrenzt ist? Nicht linear vorzugehen ist da natürlich eine Möglichkeit, die aber auch schon in zuvor genannter Beat Generation, etwa im Cut-up, stattgefunden hat. Ein moderneres Beispiel: Annika Henderson und Raoul Sanders tun sich bei Typewriter-Klangwelten mit einer Maschine zusammen, einem ‚Writing Robot’, der ihnen Befehle gibt, die sie in Klang und Text umformen – letztendlich so etwas wie eine Dekonstruktion der Mensch-Maschine.

Verraten Sie uns zum Abschluss Ihre persönlichen Highlights bei der Pop-Kultur?
Ich hoffe meinen Freund Max Rieger mit seinem Projekt ‚All diese Gewalt’ sehen zu können, außerdem bin ich großer Fan der Musikerin Jessica Pratt – am meisten freue ich mich jedoch auf den Workshop, den ich mit Philipp Hülsenbeck und Fabian Altstötter im Zuge von Typewriter-Klangwelten geben werde – mit drei Autor*innen und drei Musiker*innen werden wir während des Festivals eine Performance zwischen Musik und Literatur entwickeln, die dann am Freitag zweimal vom Nachwuchs aufgeführt wird. So etwas mag ich: einer Idee folgen, ein paar Fragen vielleicht, um dann zu schauen, was sich im kreativen Miteinander daraus entwickeln lässt.

Alle Veranstaltungen der Typewriter-Klangwelten und das Programm der Pop-Kultur finden Sie hier

Pop-Kultur Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36, Prenzlauer Berg, Mi 23.–Fr 25.8.

 

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