Konzerte & Party

Herbert Grönemeyer und seine neue CD „Schiffsverkehr“

Herbert Grönemeyer (c) Anton Corbijn

Bei Herbert Grönemeyer wird eigentlich immer noch jedes Wort, jede Textzeile, jedes Statement auf die Goldwaage gelegt. So ist das nun einmal, wenn man eine mächtige Bugwelle Leben vor sich herschiebt: privates Leid, öffentliche Anerkennung und eine unprätentiös vorgebrachte Intelligenz, wegen der man ihn auch immer wieder gerne zum Sprachrohr macht – seiner Generation, seines Landes, seiner Hörer. Bei so viel Erhöhung allerdings windet sich Grönemeyer abwehrend im Sessel. Und beim Interview im Hotel de Rome kommt dann auch dieser Satz, den man sehr oft von arrivierten Künstlern aus aller Welt kennt, die um ihren öffentlichen Stellenwert wissen, die die Zeit des ehrgeizigen Erfolgsstrebens längst hinter sich gebracht haben und die nun nach neuen Zielen, nach Motivation suchen: „Dieses Aufnehmen und der Prozess im Studio, muss ich sagen, gehört jetzt auch nicht zu meinen größten Freuden im Leben“, so Grönemeyer. „Ich gehe lieber raus und spiele. Und das Ganze mache ich eben, damit ich irgendwas zum Spielen habe.“
Grönemeyer:Das Ganze, das sind die elf Stücke seines neuen Albums, die nach Jahren des Experimentierens („Bleibt alles anders“), der Einkehr und Trauerarbeit („Mensch“) und Orientierungssuche („12“) nun stellenweise mächtig nach vorne drängen, und die auch textlich nach Aufbruch klingen, pragmatischen Optimismus verbreiten.
Grönemeyer hat seit seinem letzten Studioalbum 2007 bereits wieder eine Menge Zeit mit seinem langjährigen musikalischen Partner, dem Engländer Alex Silva, beim Basteln neuer Songs verbracht. Ein kleines Studio haben sie dafür schon vor Jahren im Gebäudekomplex des Hansa-Studios, ganz nahe am Potsdamer Platz, eingerichtet. Ein Raum, der ihnen Tag und Nacht offensteht, wo man Ideen schnell umsetzen kann. Hier entstanden die Skizzen für das neue Album, nachdem man zuletzt bereits am Soundtrack von Anton Corbijns Spielfilm „The American“ gearbeitet hatte.
Irgendwann waren dann genügend Lied-Skizzen da und auch ein immer stärker werdendes Gefühl: „Wir müssen einfach mal raus.“ Raus aus dem kleinen Klangbastelraum, aber letztlich auch wieder raus auf die Bühne. Ein schwedischer Kollege vermittelte sie an Benny Andersson. Der einstige ABBA-Pianist hat sich mit seinem Aufnahmestudio direkt in Stockholm auf einer kleinen Halbinsel niedergelassen. „Da fahren diese Riesenkreuzfahrtschiffe quasi mitten durch die Stadt. Die fahren da wie an den Ku‘damm, dann werden die Leute ausgeladen, dann gehen die einkaufen, dann steigen die wieder auf ihr Schiff und fahren wieder raus. Wir hatten einen traumhaften Sommer auf dieser Halbinsel.“ Dort entstand „Schiffsverkehr“, und da wundert einen dann auch nicht mehr der maritime Einschlag, obwohl am Ende doch wieder das Intime überwiegt.
Mit dem Titelsong hat Grönemeyer einen wuchtigen Einheizer geschrieben, dessen  Glamrock-Drums und das selbst beschwörende „Es gibt kein Damals mehr, es gibt nur ein Jetzt, ein nach Vorher“ die Grundstimmung vorgeben. „Fernweh“ und „Kreuz meinen Weg“ stürmen und drängen weiter, dann schwenkt der Künstler um ans Piano: der bedächtige Grönemeyer, mit Liedern über die verstorbene Frau („Zu Dir“) und die ihm durch Alzheimer entschwindende Mutter („Deine Zeit“).

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 08/11 auf den Seiten 68-69.

Text: Hagen Liebing

Foto oben: Anton Corbijn

Herbert Grönemeyer, Olympiastadion, So 5.6, 19 Uhr, VVK: ab 52 Euro

Mehr über Cookies erfahren