Konzerte & Party

„Heroines of Sound“ im Radialsystem V

Heroines Of Sound

Um den Ursprüngen der elektronischen Musik genauer auf den Grund zu gehen, reicht es nicht, wenn man mit 1970, dem Gründungsjahr von Kraftwerk, beginnt. Man muss schon etwas weiter ausholen und auf die Zeit der ersten Forschungslabors blicken. Eines der bekanntesten war der 1943 von Pierre Schaeffer ins Leben gerufene Club d’Essai in Paris. Der Geburtsort der Musique concrиte diente Pierre Henry, Pierre Boulez oder auch Karlheinz Stockhausen als Betätigungsfeld.
An solchen geschichtsträchtigen Orten sind auch die Veranstalter des diesjährigen Heroines of Sound Festivals interessiert, und zwar ausschließlich an solchen, an denen Musikerinnen ihre Spuren hinterlassen haben. Dazu gehört das 1962 gegründete San Francisco Tape Music Center, in dem neben Terry Riley und Steve Reich auch Pauline Oliveros experimentierte und komponierte. In „Time Perspectives“ arbeitete sie mit einer Bandmaschine und zur Erzeugung von Effekten mit Pappröhren, Badewannen und Küchengeräten. Oliveros hat sich über die Jahre mehr auf meditative Musik und das „deep listening“ konzentriert, aber ihre frühen Versuche genießen weiterhin hohes Ansehen. Das gilt auch für Alice Shields und Pril Smiley, die beide in New York am Columbia-Princeton Electronic Music Center gearbeitet haben. Shields hat sich neben ihrer Tätigkeit als Komponistin auch als Opernsängerin einen Namen gemacht. Smiley war Lehrerin am Institut, hat aber mit „Eclipse“ und „Kolyosa“ zwei bahnbrechende Stücke aufgenommen, in denen Naturgeräusche eine große Rolle spielen.   
Heroins of SoundAuch die Briten waren an der Entwicklung der elektronischen Musik nicht unbeteiligt. Eine besondere Rolle spielte der von 1958 bis 1995 in Betrieb befindliche Radiophonic Workshop der BBC. Dessen primäre Aufgabe bestand darin, die Fernsehproduktionen des Hauses mit eigener Musik zu versorgen. Eines der bekanntesten Werke ist das von Ron Grainer komponierte und von Delia Derbyshire finalisierte Titelthema der Serie „Doctor Who“, das seit 1963 alle Staffelepisoden eröffnet. Eine weitere wichtige Mitarbeiterin des Hauses war Daphne Oram, die sich mit ihren Oramics ein eigenes Standbein geschaffen hatte: Sie zeichnete Symbole auf ein Blatt Papier und zog dieses dann durch eine Maschine, die alle Zeichen in Klänge umwandelte. Der Workshop hatte auch Einfluss auf das Geschehen in der Rockmusik. Pink Floyd haben sich schon in ihrer Anfangszeit mit Syd Barrett am Klangrepertoire des Studios bedient und sich bei der Produktion von „The Dark Side of the Moon“ weiter darin vertieft.  
KyokaMan muss es den Veranstaltern des Festivals Heroines of Sound hoch anrechnen, dass sie sich mit ihrem Programm nicht an der Veröffentlichungsaktualität orientieren, sondern es vorziehen, die Sound-Art der Vordenkerinnen der elektronischen Musik vorzustellen. Dazu gesellen sich Liveauftritte von Künstlerinnen, die heute einen innovativen Anspruch haben. Am Samstag werden Nic Endo von Atari Teenage Riot und die Japanerin Kyoka auftreten, die im letzten Jahr mit „Is (Is Superpowered)“ ein Album vorgelegt hat, das sich in puncto Beats und Soundgebrauch stark vom Standard unterscheidet. Einen Tag darauf spielen mit Antye Greie, kurz AGF, und Gudrun Gut zwei langjährige Vertreterinnen der elektronischen Szene der Stadt, die unter dem Namen Greie Gut Fraktion auch schon zusammengearbeitet haben. Auch deren Hunger auf Neues ist noch lange nicht gestillt.

Text: Thomas Weiland

Foto oben: Peter Gannushkin

Foto mittig: BBC

Foto unten: Sylvia Steinhaeuser 

Heroines Of Sound, Radialsystem V, Holzmarktstr. 33, Friedrichshain, ?Fr 10.–So 12.7., verschiedene Anfangszeiten, Tagesticket 18 Euro, Festivalticket 42 Euro

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