Klassische Musik

Hintermond-Seligkeit beim Crescendo-Festival

Unter Pianist Markus Groh startet das crescendo neu durch – und mit ihm hoffentlich die ganze Universität der Künste

Foto: Matthias Heyde

Das Musikleben Berlins platzt aus allen Nähten, sodass man nur eine Chance hat: nicht nach Inhalten zu gehen – sondern nach Häusern! Überlebenswillige Konzertgänger suchen sich die Abendziele nicht unbedingt danach aus, was sie gern hören, sondern welches Haus gut für sie erreichbar ist. So leben die meisten Konzertsäle von der Stamm-Klientel. Aber Obacht: Das Glück lauert oft da, wo man es nicht erwartet.

Seit 15 Jahren existiert an der Universität der Künste – unschöner: an der „UdK“ – eine jährliche Talentarena, die auf den (gleichfalls wenig aparten) Namen „crescendo“ hört. Auch weil es sich bei der UdK um die größte Kunsthochschule Europas handelt, ist die hohe Trefferquote bei den Ausführenden unausbleiblich. Allein die Liste ehemaliger Lehrkräfte von Artur Schnabel über Paul Hindemith bis zu Aribert Reimann ist erschütternd.

Trotzdem assoziiert man heute mit musikalischer Spitzenausbildung in Berlin nicht die UdK, sondern eher die Hanns-Eisler-Hochschule. „Viele denken, wir haben gar keine Musikabteilung“, so Klavier-Professor Markus Groh. Was dafür spricht, dass man in Mitte hübsch angemessen in die Offensive gegangen ist, um das eigene Image rauszuputzen. Während die UdK bis heute in einem West-Berliner Dornröschenschlaf auf den eigenen Lorbeeren ruht.

Jetzt hat der Pianist Markus Groh (gemeinsam mit Konstantin Heidrich, dem Cellisten des Fauré Quartetts) das crescendo-Festival neu übernommen. Sie haben die Eintrittspreise auf Null gesetzt (mit wenigen Ausnahmen wie dem Eröffnungskonzert). Das Festival dauert nur noch zwei Wochen und ist auf ein Thema, „GründerZeit“, fokussiert (mit Brahms, Albéniz, Debussy, Grieg und Ysaÿe u.a.). Man erinnert an den 100. Geburtstag des ehemals hier lehrenden Komponisten Isang Yun. Er wurde einst vom südkoreanischen Geheimdienst aus West-Berlin entführt, weil er sich für die Wiedervereinigung Koreas ausgesprochen hatte (wohin er familiäre Beziehungen hatte). Sein wichtigster Schüler Toshio Hosokawa widmet Yun einen Themenabend (So 7.5., 18 Uhr).

Mit dem Joseph-Joachim-Konzertsaal in der Bundesallee 1-12 verfügt das Festival über einen der am meisten unterschätzten Kammermusiksäle von Berlin. Mit 400 Plätzen ist er intimer als andere, und bietet genauere Hör-Blicke bei kleinen Besetzungen. Es ist ein Saal, so Markus Groh, „um den uns andere Hochschulen beneiden“. Zu Recht.

Auch dem Jahrhundert-Dirigenten Dimitri Mitropoulos, ehemals Professor am Haus, wird mit einem Fokus-Konzert gehuldigt (Di 16.5., 19.30 Uhr). Mit dem cresc.CLUB (Sa 13.5., 21 Uhr) überschreitet man hüftbetont die Grenze zur Latin-Szene. Dass zum Auftakt ausgerechnet Wagners „Ring ohne Worte“ (in der Kommerz-Einrichtung durch den US-Dirigent und Großverdiener Lorin Maazel) Wiederauferstehung feiert, wollen wir einer gewissen Hintermond-Seligkeit West-Berlins zugute halten. Ist nicht bös’ gemeint. Kann noch besser werden.

Konzertsaal der UdK Fr 5.5., 20 Uhr (weitere Veranstaltungen bis 20.5., meist Konzertsaal Bundesallee), Karten 12, erm. 8 € (andere Veranstaltungen meist frei)

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