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Mensch-Maschine

Holly Herndon erforscht die musikalische Dimension der künstlichen Intelligenz

Auf ihrem dritten Album „Proto“ widmet sich die in Berlin lebende Künstlerin Holly Herndon der Frage, welches Potenzial künstliche Intelligenz für unsere Menschlichkeit hat
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Manchmal müssen auch echte Menschen ran: Herndon (2.v.r), Foto: Boris Camaca

Dieser Freitag in Berlin ist kein normaler. Überall Kinder, in ihren Händen Plakate. Ein Wort, das darauf immer wieder zu lesen ist: Zukunft. Die Fridays-For-Future-Initiatorin Greta Thunberg ist heute hier und gefühlt alle Kinder Berlins wollen gemeinsam mit ihr protestieren. Nur eines ist nicht dabei. Deswegen muss seine Mutter in einem Hotelzimmer in Westberlin jede Menge Fragen zu ihrem Nachwuchs über sich ergehen lassen. „Wenn’s denn sein muss“, grinst sie. Es muss, weil es abseits des Treibens auf der Straße ebenso um die Zukunft geht. Denn die Zweijährige, Spawn genannt, ist nicht irgendein Kind – sondern eine künstliche Intelligenz. Holly Herndon hat sie gemeinsam mit ihrem Partner Mathew Dryhurst mit der Hilfe von Entwickler Jules LaPlace aus frei verfügbarer Software erschaffen – und sie zusammen mit anderen großgepäppelt. Sie mit Gesang, Sounds und Beats gefüttert, bis Spawn singen lernte.

„Proto“ heißt das Album, das Herndon und Dryhurst komponiert haben und das neben der von Spawn noch eine Vielzahl von anderen Stimmen zu Wort kommen lässt. Es ist das dritte, das unter Herndons Namen erscheint. 1980 im US-Bundesstaat Tennessee geboren, hat Holly Herndon schon als Teenagerin während ihrer High-School-Zeit jahrelang die Berliner Technowelt für sich entdeckt, auf einem ziemlich langen Schüleraustausch. Seitdem hat sie immer wieder viel Zeit hier verbracht, wohnt inzwischen fest hier.

Auf „Movement“ erforschte Herndon 2012 den Zusammenhang zwischen dem Körper und elektronischer Musik; der Nachfolger „Platform“ widmete sich 2015 den Dynamiken des Internets und handelt davon, wie Google, Facebook und Co. sich in unserem Leben breit machen. Seit „Platform“ sind vier Jahre vergangen, und die Welt hat sich weitergedreht. Herndon verweist auf die Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff und ihren Bestseller „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“: „Zuboff spricht darüber, wie künstliche Intelligenz diese neue Hyperversion des Plattformkapitalismus ermöglicht, in welcher unsere Daten zum Brennstoff einer ganzen Maschinerie werden.“ Quasi der Link zwischen „Platform“ und „Proto“.

Herndons Umgang mit dem neuronalen Netzwerk von Spawn richtete sich nach Leitfragen, welche in den Debatten um künstliche Intelligenz zentral sind. „Wenn etwas automatisiert ist, welche Freiheiten gewinnen wir dadurch? Es schafft Zeit und Raum – aber für was?“, erklärt Herndon ihren Ansatz. „Mein Ideal von dem, was uns Technologie ermöglichen kann, ist, dass wir menschlicher miteinander umgehen, gefühlvoller. Anstatt Technologie nur als Werkzeug zu betrachten, das uns voneinander entfremdet.“ Kurzum: es geht um die Zukunft der Menschheit, vor allem aber der Menschlichkeit.

„Das Stimmengewirr auf „Proto“ wird nicht allein von Spawn geprägt. Tatsächlich machen deren Stimmeinsätze nur etwa ein Viertel oder sogar weniger aus, schätzt Herndon, die kürzlich eine Dissertation zu künstlicher Intelligenz in der Musik vorgelegt hat. Auch die splitterigen Beats und hochglänzenden Soundflächen dieses stilistisch heterogenen und konzeptuell doch so geschlossenen Albums wurden von menschlicher und nicht etwa von Maschinenhand arrangiert. Herndon bezeichnet Spawn als „nicht-menschliches Ensemblemitglied“. Zu diesem Ensemble, das sich unter anderem zu öffentlichen Trainingssessions im Gropius Bau getroffen hat, gehören noch viele Andere. Von einem menschlichen Kind, das über sanften Ambient-Klängen über dezentralisierte Netzwerke fachsimpelt, hin zur Produzentin Jlin, die Spawn mit ihren unkategorisierbaren Rhythmen fütterte: „Proto“ ist ein im Kern gemeinschaftliches Werk sehr verschiedener Menschen mit sehr verschiedenen Haltungen.

Volksbühne Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Fr 14.6., 20 Uhr, 31,90 €

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