Konzerte & Party

Hörenswert 2009

gainsbourg… hat die Musik nur wenige Paukenschläge in diesem Jahrzehnt hervorgebracht. Trends und Bewegungen, wie sie über Jahrzehnte die Jugendkultur vorantrieben, die halfen zu positionieren und zu polarisieren, sind kaum mehr aus­zumachen. Dazu bräuchte es sowohl Dringlichkeit als auch Nachhaltigkeit – in der Netzwelt der allzeit verfügbaren Down­loads und hysterisch rotierenden Facebook-Verweise ist dies jedoch kaum mehr gegeben. Denn wie dringlich oder nachhaltig kann der Einfluss einer Platte oder eines Künstlers noch sein, wenn deren Vergessen nur einen Klick entfernt ist? Wie einflussreich kann Musik noch sein, wenn sie jenseits von kulturellen oder zeitlichen Zusammenhängen konsumiert wird; irgendwie, irgendwo, irgendwann?

Die Digitalisierung 40 Jahre alter Beatles-Aufnahmen erhielt dieses Jahr mehr Aufmerksamkeit und durch Spielkonsolen auch breiteren Einfluss, als jede neue Band des Jahres 2009. Die komplette Aufarbeitung noch der letzten Favela-Klänge oder Garagenrock-Marginalien zum historischen Musikfundstück füllt nicht nur Datenbänke und CD-Regale, sie betrügt sogar unser Gedächtnis, weil Petitessen wie The Monks, Schwabinger Beats und alte italienische Kinosoundtracks dank des Eifers ihrer ambitionierten Liebhaber selbst im Feuilleton plötzlich eine Aufmerksamkeit genießen, die sie zeitlebens (und oft zu Recht) nicht hatten. Im Internet stehen Led Zeppelin und Kasabian längst gleichberechtigt auf einer Benutzeroberfläche. Im Lido tanzen Pop-Studenten zu „Are You Gonna Be My Girl“ von Jet genauso wie zu „Have Love Will Travel“ von den Sonics. Schön. Schöner noch wäre es, wenn jemand ihnen auch vermitteln könnte, dass 40 Jahre mit einigen interessanten musikalischen Entwicklungen zwischen diesen beiden Songs liegen.

Da braucht es Orientierung, Kompass, Hilfe. Doch gerade jetzt, wo die Musik meist für sich allein im Netz steht und es drumherum so viel zu erklären gäbe, stellt „Spex„, vom eigenen Selbstverständnis her das Zentralorgan der künstlerischen Aus­einandersetzung mit der Popkultur, im neuen Jahr seine Plattenkritiken ein und ersetzt sie durch „Briefings“ nach Vorbild von Facebook-Quickies und Radio-Plaudereien. „Wir entlasten die Autoren von der Aufgabe, die allgemeingültige Meinung zu einer Veröffentlichung zu liefern“, begründet Chefredakteur Max Dax diesen Schritt in die falsche Richtung. Der tip denkt da anders: Wir haben (siehe unten) unsere Autoren gezwungen, uns den einen großen Moment zu nennen, der für sie das Jahr 2009 hörenswert gemacht hat. Und wir werden auch weiterhin da­rauf bestehen, dass sie sich ganz verbindlich mit den Platten, Konzerten und Künstlern dieser Welt auseinandersetzen.

Text: Hagen Liebing

Hörenswerte Musik 2009

SteveWislonSteven Wilson ,Insurgentes‘. So hört sich das an, wenn die Fantasie wie ein Gaul einfach durchgeht: großes Kino in Musik. Dunkle Wälder, singende Elfen, und mittendrin Wilson mit einem Brett von Gitarre. Immer wieder gut, um der Welt zu entrücken.“ Martin Zeising

 

Archives Album ,Controlling Crowds‘ beglei­tete mich stetig und pulssenkend durch die Stadt, auf der Autobahn, am Meer, und wieder zurück.“ Ulrike Rechel

Song_for_joy„Das ,Song For Joy‘-Projekt des Gorki Theaters bietet auf der Bühne und auf Platte charmante Soul-Beat-Schlager mit teils begnadeter Amateurpoesie: Hildehaft herbe Appelle (,Wann strahlst du?‘), gereimte Ornithologie (,Mauersegler‘) und frohgemute Sittenstudien der End-Nuller-Jahre (,Kathrin & Lars‘) sorgen für ein Langzeitlächeln.“ Markus von Schwerin

„Highlight war für mich im Juni 2009 das Konzert von Peter Fox in der Berliner Wuhlheide: 17.000 Leute, die in Berlin mit einem Berliner auf der Bühne sein Album über Berlin feiern – besser geht’s nicht!“ Nadine Kleber

„Charlotte Gainsboug (Foto), die sich mit Beck für ihr Album „IRM“ eine klasse Muse und Produzenten zugelegt hat und so das Genre Singende Französische Schauspielerinnen beeindruckend vom üblichen Downtempo-Gesäusel in alle Richtungen des Indie-Pop-Universums ausgedeht hat.“ Hagen Liebing


Weitere musikalische Highlights des Jahres 2009 unserer Autoren/innen finden sie in der aktuellen Ausgabe des tip 01/10.

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