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Hot Chip: In Our Heads

Hot Chip: In Our HeadsBei Hot Chip – britisch, blassnasig und mit Erstsemester-Brillen – sah es lange so aus, als hänge ein dickes Augenzwinkern über ihrem tanzbaren Discocugel-Funk und Alex Taylors engelsgleichem Soulfalsett. Dabei ging es den einstigen Schulfreunden beim Rückgriff auf ihre schwarzen Lieblings-Stile von Prince über Detroit-Techno bis zu R’n’B doch nie ums ironische Zitat, sondern stets um den perfekten Popsong. Da wirkt es fast demonstrativ, wenn die Londoner auf ihrem fünften Album heilige Gerätschaften einsetzen, sozusagen „the real thing“ beschwören. Auf dem Mischpult der verstorbenen Krautrock-Ikone Conny Plank wurde „In Our Heads“ produziert, betagte Keyboards sind zu hören, die schon Human League benutzten.
Die elf neuen Songs kommen ohne erkennbare Brechungen aus; was besonders für Taylors Gesang gilt, der mehr denn je im Mittelpunkt der Songs thront. Die leise Melancholie, die in seinem androgynen Tonfall liegt, ergibt eine knisternde Verbindung mit der sonstigen Euphorie, die einem schon im Aufmacher entgegenplatzt: „Motion Sickness“ ist ein tanz-seliger Partysong mit funky Percussion, Synthie-Fanfaren und eingängigem New-Romantics-Chorus. Und selbst, wenn Hot Chip ihre Lust an der 80er-Pop-Ära in vollen Zügen ausspielen – so in der weich gezeichneten Disco-Träumerei „Let Me Be Him“ samt eingeblendetem Kinderlärm –, dann bewahrt die schöne Melodie den Song sicher vor jeder Trash-Niederung. Im Zweifel hat immer die Melodie Vorrang, ob Taylor sie in Oktaven а la Hall & Oates singt oder sich von weiblichen Chören umgarnen lässt wie im sonnigen Finale „Always Been Your Love“.
In Zeiten, wo es sich in den Top Ten nur noch um Images und pompösen Zutatenpop aus den Händen einer Riege Star-Produzenten zu drehen scheint, gelingt Hot Chip ein lupenreines Popalbum, in dem aber ein erfreulich warmer Puls schlägt.

Text: Ulrike Rechel

tip-Bewertung: Hörenswert

Hot Chip, In Our Heads (Domino)

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