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Hurts im Kesselhaus der Kulturbrauerei

Hurts

Leugnen ist zwecklos. Auch wenn Sänger Theo Hutchcraft und sein Kollege Adam Anderson in jedem Interview immer wieder betonen, dass die 80er-Jahre für ihr Projekt Hurts keineswegs so bedeutend sind, wie Hörer und Kritiker annehmen, spricht ihr Debüt „Happiness“ für sich: Cleaner Kitsch wird mit Synthesizern in Szene gesetzt, zu eingängigen Melodien sitzt jede ihrer Posen. Hurts wurden von Bands wie Tears For Fears inspiriert, verweisen modisch mit akkurat gegelten Haaren aber auch auf den klassischen Chic der Goldenen Zwanziger. Andererseits erinnern sie in ihrer Besetzung mit einem exzentrischen Sänger im Vorder- und einem introvertierten Instrumentalisten im Hintergrund vor allen Dingen an 80er-Popacts wie Erasure oder die Pet Shop Boys.
HurtsHurts, der Legende nach bis vor Kurzem noch arbeitslos in Manchester, wurden mit ihrem Hit „Wonderful Life“ im Zeitraffer zu Stars. Was als englische Vinyl-Veröffentlichung mit geringer Auflage Ende letzten Jahres begann, endete diesen Sommer noch lange nicht mit einem Auftritt im deutschen Frühstücksfernsehen. Dem Begriff One-Hit-Wonder werden sie schon insofern nicht gerecht, als auch ihr Album direkt auf Platz 2 der Charts einstieg. Zudem ist ihre aktuelle Deutschland-Tournee ausverkauft, eine weitere bereits für das Frühjahr geplant. Dabei sind die beiden Twens mit ihrer stringenten Ästhetik en passant zu Sexidolen avanciert – für Frauen und Männer. Doch Hurts haben sich mit ihren Songs und ihrem Auftreten, das mit vermeintlich elitärer Arroganz spielt, nicht nur Freunde gemacht. Im Gegenteil, selten nur gibt es einen Act, der sein Publikum mit solch einer Trennschärfe in zwei Lager spaltet. Die einen halten Hurts’ Musik für eine große Hommage, ein Extrakt des Besten aus den 80ern. Die anderen hingegen sehen in ihnen ein gelacktes Pseudo-Phänomen, ein Baukastensystem primitivster Effekte, gepolt auf den größtmöglichen Erfolg. Immerhin: Zu Hurts hat jeder eine Meinung, schwarz oder weiß, Grautöne gibt es bei ihnen nur auf den Pressefotos.
Im Gegensatz dazu setzte ein bizarres Intermezzo der Popkultur vor rund fünf Jahren auf grelle Farben. Initialzündung dafür war maßgeblich eine junge Band aus England, die von den simplen Mechanismen der Medien- und Mode-Industrie zu profitieren wusste: Der Hype um die Klaxons und deren Debüt „Myths Of The Near Future“ schwappte von der britischen Halbinsel direkt nach Berlin-Mitte. „New Rave“ wurde zum großen Coup, obwohl eigentlich alles altbekannt – insbesondere aus den 80ern. Referentiell ging dabei einiges durcheinander: Electro, Madchester, Rock und Pop – die neonfarbenen Kleider-Kodizes der Kids haben alles irgendwie miteinander vereint und sind immer noch latent in den Oufits vieler Großstädter vertreten. Kurz vor den Klaxons hatten schon Synthie-Rock-Bands wie die Killers oder The Bravery prominente Bezüge zur 80er-Musikkultur hergestellt. Aber die Trophäe des besten Tributes an besagtes Jahrzehnt geht an den Produzenten Stuart Price und seine Arbeit für das Debüt von Zoot Woman im Jahr 2001: So gut wie darauf waren die 1980er noch nie zuvor und besser werden sie wohl niemals klingen.
HurtsDoch bei all der Skepsis, mit der man solchen Revivals entgegentreten mag: Das Prinzip der Wiederholung ist bekanntlich Bestandteil der Kultur. Wetten, dass die Schlaghosen bald wieder ihre triumphale Rückkehr feiern? Und sind nicht auch die Kings Of Leon die neuen Stones, genau wie es die Strokes einmal waren? Allerdings hat sich so offensichtlich und hartnäckig wie die 80er-Jahre noch keine Dekade immer wieder selbst geloopt. Was ist so faszinierend an dieser Epoche? Wahrscheinlich ist es die Tatsache, dass dem Sound der 80er genau das zugrunde liegt, was Pop im engen Sinne ausmacht: eine unpolitische Eingängigkeit und ein hoher Wiedererkennungswert, gerne auch eine präg­nante Oberflächlichkeit. Das unterscheidet die 80er beispielsweise von der Hippie-Kultur oder der komplexen Geschichte des Rap. Insofern wird man im wahrsten Sinne des Wortes von den 80ern ganz bestimmt noch lange hören. Sogar die Synthie-Oldies von Alphaville werden im November nach sieben Jahren Pause mit „Catching Rays On Giant“ ein neues Album veröffentlichen, als würde ihre Vergangenheit „Forever Young“ bleiben. Auch Orchestral Manoeuvres In The Dark hatten als OMD („Enola Gay“) ihre große Zeit eigentlich längst hinter sich gebracht. Dachte man zumindest. Aber nach einer Auszeit von vierzehn Jahren klingen Andy McCluskey und Paul Humphreys heute noch fast wie damals – und erreichten in der letzten Woche mit ihrem Comeback-Album auf Anhieb Platz 5 der deutschen Charts. Den fast schon zynischen Titel für ihr Werk hätten sie mit „History Of Modern“ kaum besser wählen können.

Text: Jan Schimmang

Fotos: Laurence Ellis

Hurts, Kesselhaus, Mo. 18.10., 21 Uhr, ausverkauft

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