Konzerte & Party

IAMX im Astra Kulturhaus

IAMX aka Chris Corner

Wenn Chris Corner von seinem Studio spricht, nennt er es sein „Spielfeld“. Es ist der Ort, den der Songschreiber vor bald zehn Jahren beim Radfahren im Grünen vor den Toren Berlins entdeckte: ein still gelegtes Wasserkraftwerk aus DDR-Zeiten. Seither hat der frühere Kopf der Londoner Downbeat-Pioniere Sneaker Pimps viel Zeit in den Ort gesteckt. Hier, im „Turmwerk“, feilte der Wahlberliner im Lauf von fünf Alben an seinem dramatischen dunklen Pop-Entwurf, den er unter dem Alias IAMX verkörpert.
Für sein jüngstes Album holte sich der notorische Alleinarbeiter erstmals Gesellschaft ins Studio: Star-Produzent Jim Abbiss, sonst gebucht von Arctic Monkeys oder Adele – Corners Stammgefährte noch aus Sneaker-Pimps-Zeiten. „Ich wollte, dass jemand anderes dazukommt, ­damit ich mich wieder mehr öffne. Ich bin nach so vielen Jahren einfach aus der Übung, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten“, erzählt der einstige Student der Astrophysik. Das Gemeinschaftswerk sollte sich als hartes Stück Arbeit für Corner erweisen, der doch selbst ein versierter Produzent und Klangtüftler ist und sich als „Kontrollfreak“ ­bezeichnet. Doch die Reibung erwies sich als produktiv. Hinter dem gefühlsprallen Glamourpop von „The Unified Field“ eröffnen sich vielschichtige Soundtexturen; programmierte Klänge mit Industrial-Infusion treffen auf warme, teils überraschende In­strumente wie Klavier, Blockflöte, Vibrafon oder auch mal eine virtuos solierende Zigeunergeige. Und auch der Studio-Eremit selbst traute sich auf klangliches Neuland. „Jim brachte mich dazu, Instrumente zu spielen, die ich nie gespielt hatte, ob Vibrafon oder Ce­leste. Und er trieb mich an, viel mehr live einzuspielen und zu singen. Ich vertiefe mich sonst eher ins Programmieren und in die Psychologie der Musik.“
Stärker als zuvor ist das Album von weichen Stimmungen geprägt. Das sanfte, von Akustikgitarre geprägte „Quiet The Mind“ etwa oder das improvisiert wirkende „Under Atomic Skies“ mit jazzgefärbtem Schlagzeug. Auf der anderen Seite findet auch die für IAMX charakteristische Theatralik ihr Ventil. Der pumpende Elektrorocker „I Come with Knives“ etwa, in dem Corners eleganter Dandy-Tenor sich grandios überschlägt, drängt auf die Tanzfläche. Zieht der Songschreiber wie früher in London Inspiration aus Berlins Clubleben? „Nichts könnte mir ferner liegen, ich gehe nie aus. Ich lebe wie ein Mönch“, bekennt er. Partynächte, das Loslassen auf der Tanzfläche, was der 37-Jährige einst intensiv auskostete, betrachtet er heute aus der Entfernung. „Ich brauche das nicht mehr. Für mich ist die Bühne der Ort, um meine Energien rauszulassen. Dann tanze ich auch zu meiner Musik und genieße sie eigentlich auch erst. Auf der Bühne übernimmt mein inneres Tier das Ruder.“
Für seine energiegeladene, verführerische Bühnen-Persona als androgyner Gothic-Dandy lieben ihn die Fans. Sie waren es auch, die das neue Album freigiebig mitfinanzierten, wofür Corner im Herbst eine Crowdfunding-Kampagne gestartet hatte, die sich als eine der größten Erfolgsstorys des Portals PledgeMusic erweisen sollte. Viele der Spendierfreudigen werden sich das exklusive Berliner Konzert von IAMX nicht entgehen lassen. Zu erwarten ist eine glamouröse, herrlich überdrehte Show. Denn bei aller Menschenscheu – langweilig wird es nicht werden, dafür liebt Corner doch den großen Auftritt zu sehr.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Danny Drysdale

IAMX, Do 11.4., 20 Uhr, Astra Kulturhaus, VVK: 25 Euro

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