Festival A L’Arme!

Erforschung von Klang, Lärm und Improvisation

Zu den Waffen! Das Musikfestival A L’Arme! geht in die sechste Runde. Was anfangs als Sammelbecken für Free Jazz galt, erweist sich längst als erste Adresse für die Erforschung von Klang, Lärm und Improvisation. „Störung aus Prinzip“ lautet das Selbstverständnis. Eröffnet wird das Programm im Radialsystem mit einem ­gemeinsamen Konzert von Freidenkerin Laurie Anderson und dem „Kollisionsmusiker“ Bill Laswell.
Im Interview spricht Anderson über ihr Verhältnis zu Jazz, den USA und dem Buddhismus

Foto: Ebru Yildiz

Frau Anderson, Sie scheinen zu Berlin ein besonderes Verhältnis zu haben. In einem Interview der „Spex“ sagten Sie vergangenes Jahr, dass Ihnen die Offenheit des Himmels gefällt. Wie beeinflusst das die Dinge, die Sie am Boden erleben?
Laurie Anderson Berlin fühlt sich offen an. Man schaut hoch – die Richtung in Berlin ist nach oben. Und die Stadt hat einfach diese besondere Geräumigkeit. Ich habe viel über dieses Gefühl geschrieben, es ist eine Art „­viskoser“ Himmel, daher fühle ich mich in Berlin sehr zu Hause.

Zuletzt sind Sie im vergangenen Jahr in Berlin aufgetreten. Aktuell sind Sie mit einem neuen Projekt zurück: Wie oft werden wir Sie in näherer Zukunft hier erleben können?
Ich hoffe noch ein bisschen öfter. Ich plane ein paar Projekte in Berlin, die vielleicht irgendwann verwirklicht werden. Wer weiß?

Sie eröffnen mit Bill Laswell das „A L’Arme!“-Festival, das man als Jazzfestival begreifen kann. Heißt das auch, dass Sie eine normale Violine spielen werden?
Was ist eine normale Violine?

Sagen wir: eine traditionelle akustische ­Geige.
Oh nein, akustische Violine kann ich gar nicht spielen! Doch bei musikalischen Kategorien ist es ohnehin so, dass ich sie gern über­springe. Es scheint mir sinnlos zu bestimmen, was Jazz und was experimentell ist, da sich Kategorien auf interessante Weise verschränken. Während manche Jazzer, mit denen ich zu tun habe, sich so stark in ihr Jazzvokabular vertieft haben, dass ich nicht daran teilhaben kann, ist es für mich leichter, mit Leuten zu spielen, die offen mit dem Genre umgehen. Wir treffen uns dann in der Mitte und machen Musik, die sich nicht kategorisieren lässt. So ist es auch, wenn ich mit Bill Laswell spiele. Wir kommen aus einer ähnlichen Richtung, haben später jedoch unterschiedliche Abzweigungen genommen. Wenn wir uns zusammenfinden, ist das für mich immer faszinierend. Ich kann mein Ding machen, justiere es aber ein wenig.

Dann scheint die Ausrichtung des „A L’Arme!“-Festivals gut zu Ihren Vorstellungen von Jazz und Improvisation zu passen.
Was für eine Ausrichtung hat das Festival denn?

Es geht nicht um Jazz im herkömmlichen Sinn, berücksichtigt werden auch Dinge wie Improv oder freiere elektronische Musik.
Prima, darauf freue ich mich!

Wie werden Sie Ihre Stimme einsetzen?
Das weiß ich nicht. Ich muss schauen, ob es Platz dafür geben wird. Wenn man Stimme und Text verwendet, geht das Ganze oft in eine andere Richtung.

Ihrem jüngsten Album mit dem Kronos Quartet, „Landfall“, liegt ein strenges Konzept zugrunde. Wählen Sie für Ihr Konzert mit Bill Laswell und seiner Band Methods of De­fiance auch einen konzeptuellen Ansatz?
Mal sehen. Die „defiance“, der Trotz, scheint mir derzeit sehr wichtig zu sein. Auch wenn ich mich selbst nicht als trotzige Person betrachte. Ich bediene mich eher der List, was womöglich zum Trotz dazugehört. Ich versuche immer noch herauszufinden, wie man in dieser Zeit des absoluten Chaos Künstler sein kann und bemühe mich, nicht mit meinem Panik-Modus zu reagieren.

Sie meinen die aktuelle Lage im Allge­meinen?
Ja, genau. In den USA ist es extrem, doch ich bin viel gereist und weiß, dass es chaotische Situationen überall gibt und es sehr wichtig für Künstler und Musiker ist, ihre Ansichten frei zu äußern. Warten wir mal ab, welchen politischen Gehalt unser Konzert haben wird. Bestimmte Worte zu sagen, ist für mich nicht so wichtig, so lange man in der Musik frei ist. Die Farbe Blau kann Freiheit für mich manchmal besser zum Ausdruck bringen als ein ­Manifest zur Freiheit.

Im vergangenen Jahr haben Sie bei Ihrem Berliner Transmediale-Auftritt gesagt, dass Sie Ihre Heimat nicht wiedererkennen …
… tue ich auch nicht …

… und dass Ihr Land von Psychopathen regiert wird.
Dazu stehe ich.

Was würden Sie heute dazu anmerken?
Ich würde hinzufügen, dass es nicht bloß Psychopathen sind, sondern herzlose Psychopathen. Ich war in Australien, als die Nachricht über die Käfige mit den mexikanischen Kindern kam. Ich fühlte mich sehr weit weg und begann mit Freunden an einem Projekt zu arbeiten, das wir „Reunite“ nennen. Es ist eine Website, über die man Kinder mit ihren Eltern in Kontakt bringen kann. Denn es ist einfacher, sein FedEx-Paket zu finden als sein Kind.

Dem Wahnsinn des Alltags begegnen Sie in Ihrer Arbeit oft mit einem ebenso scharfen wie humorvollen Blick.
Dieser Tage ist es sehr wichtig, dass die Leute nicht in Panik geraten. Das wäre die reflexartige Reaktion. Und wenn man Angst hat, tut man alles, um sich wieder sicher zu fühlen. Daher ist es wichtig, dass man nicht all die Freiheiten aufgibt, die wir erreicht haben. Ich bin froh, im Moment Künstlerin zu sein, denn wenn man kein Ausdrucksmittel hat, während sich um einen herum die Dinge überschlagen, ist das wie Folter und man verzweifelt daran.

Oft weiß man tatsächlich nicht, wie man sich dazu verhalten soll.
Ich denke, das passiert nicht zum ersten Mal. In der Vergangenheit finden sich Beispiele von Mut im Angesicht des Faschismus. Das Wort benutze ich nicht leichtfertig, aber wir sehen uns in den USA mit einer faschistischen Situation konfrontiert. Wir können uns von Leuten anregen lassen, die sich in der Vergangenheit für den Widerstand entschieden haben und überlegen, ob wir so etwas selbst versuchen.

Wie hilft Ihnen dabei der Buddhismus?
Was ich sehr hilfreich finde, ist die Idee: Je schwieriger die Dinge werden, desto mehr kann man sich ihrer bedienen, um etwas zu verändern. Vielleicht ist es ja doch nicht ganz so schlimm, dass die Lage so mies geworden ist.

Radialsystem, Holzmarktstr. 33, Friedrichshain, Mi 1.–Sa 4.8., Programm und Infos: www.alarmefestival.de

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