Crossover

„Ich remixe auf Papier“ – Gespräch mit Max Richter

Der Komponist Max Richter hat Musik zum Oscar-prämierten Sci-Fi-Drama „Arrival“ beigesteuert. Letztes Jahr hat er mit „Sleep“ Menschen im Berliner Kraftwerk in den Schlaf hypnotisiert.
Jetzt zerlegt er auch noch Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Geht’s ihm ansonsten gut?

Foto: Yulia Mahr

tip Ist Ihnen einsam zumute, Herr Richter? Gerade sind Sie von Berlin nach Oxford gezogen. Und stilistisch sind Sie weder bei den Electro-Musikern noch bei den Neo-Klassikern so richtig zu Hause.
Max Richter Einsam? Ja, schon, aber es stört mich nicht. In Kategorien und Genres gepackt, geht’s mir nicht gut. Ich lasse meinem musikalischen Material lieber die Freiheit, in viele Richtungen zu wachsen; und folge dorthin, wohin sich die Materie bewegt. Als Electro- oder Klassik-Komponist habe ich mich sowieso nie gesehen. Wenn doch, wäre ich Zensor meiner selbst.

tip Gerade spielt das Wetter in Berlin verrückt. Und dann zerschlagen Sie auch noch „Die vier Jahreszeiten“ – das einzige Stück Klassik, das fast jeder kennt. Hat Sie Vivaldis Original so schlimm angeödet?
Max Richter Nein, gar nicht. Mein Grund für die Re-Komposition hat mit meiner persönlichen Beziehung zum Stück zu tun. Als Kind habe ich Vivaldis Original geliebt. Ich war ganz aus dem Häuschen wegen der Formalien, der ­Geschichten und des Dramas. Als ich später Musik studiert habe, hab ich erst verstanden: Die vier Violinkonzerte sind radikal, waghalsig und bahnbrechend. Und doch wird man mit ihnen bombardiert: in Fernseh-Werbespots, in Aufzügen, in Telefon-Warteschleifen. Irgendwann habe ich sie gehasst. Bei meiner Re-Komposition ging es mir also darum, wiederzuentdecken, was ich einst so sehr geliebt hatte daran.

tip Und wie bitte haben Sie das angestellt?
Max Richter Da ich Komponist bin, ist es mein natürlicher Instinkt, meine Probleme wegzukomponieren. Meine Probleme mit dem Stück in diesem Fall. Wenn Sie jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit durch die Berge der Provence fahren, wird das mit der Zeit die langweiligste Route der Welt. Ich mache meinen Roadtrip in der altbekannten Landschaft, aber off-road, abseits der vielbefahrenen Straßen. Um mich wieder in „Die Vier Jahreszeiten“ zu verlieben. Es ist doch so: Man stumpft leicht ab und ist schnell von etwas angewidert, das man zu gut kennt.

tip Ja schon. Aber haben Sie dazu Aufnahmen gehört oder die Noten durchgeackert?
Max Richter Als Komponist träume ich, wenn ich in Partituren blicke. Ich hab mir noch einmal sehr genau die Konstruktionen angeschaut. Und dann habe ich sozusagen einen Parallel-Text geschrieben, ein Palimpsest, das über dem Vivaldi-Stück besteht und auch mit ihm inter­agiert – und es manchmal auch völlig überlagert. Eigentlich wie bei einem Remix: zerschneiden und neu collagieren; Sachen auf den Kopf stellen, rückwärtsfahren, Geschwindigkeiten ändern. Remixe auf Papier, die nun wieder zu Klang kommen.

tip Alles klar. Sie schreiben auch Filmmusik. Für das grandiose Sci-Fi-Drama „Arrival“ haben Sie Ihr Stück „On the Nature of Daylight“ für Vor- und Abspann freigegeben. Schon Martin Scorsese kaufte das für seinen Psycho-Thriller „Shutter Island“.
Max Richter Geschrieben hatte ich es schon 2003. Für mich war es von Anfang an ein Proteststück gegen die Vorbereitungen zum Irak-Krieg. Musik ist sozial, ist politisch. Wir Musiker sollen uns nicht abschotten, sondern auf die Welt einlassen. Ich habe das Stück begonnen mit Kompositionstechniken aus der Renaissance: strenge Kontrapunkte. Dazu kommen elek­tronische Infraschall-Sequenzen am Rand des Hörbaren. Somit ist es ein Hybrid. Außerdem habe ich viele Symmetrien drin versteckt, was übrigens auch gut zum Film „Arrival“ passt. Immer wieder haben Regisseure es verwenden wollen. Bei „Arrival“ hat mich der Anruf aber überrascht. Jóhann Jóhannsson hatte ja schon einen orchestralen Soundtrack geschrieben mit Avantgarde-Vocals der Sängerin Joan La Barbara. Ich war voller Zweifel. Bis mir klar wurde, dass der Film ein Antikriegsfilm ist.

tip Die Aliens sind dort keine hemmungslosen Monster, sondern rätselhafte Wesen, mit denen, wenn auch äußerst schwierig, Gespräche möglich werden. Apropos Sprache. Was bedeutet Ihnen Literatur? Sie haben zu Kafka, T.S Eliot, Haruki Murakami  komponiert – und jetzt mit dem Ballett „Woolf Works“ auch zu Virginia Woolf.
Max Richter Nun, ich liebe Geschichten. Menschen sind Geschichtensammler. Wir erzählen sie einander, aber auch uns selbst. Und auch Musik ist Storytelling. Mich reizt das Gespräch. Und meine Art zu sprechen ist das Komponieren.  Für mich ergibt sich das von selbst, dass ­jemand, der sich für Musik begeistert, auch ein Faible für Literatur hat. Ist doch klar.

tip Und deshalb verweben Sie auch Spoken-Word-Elemente in Ihren Kompositionen, etwa die Stimme von Tilda Swinton?
Max Richter So ist es. Ich liebe Klänge. Die menschliche Stimme betrifft uns wie kein anderer Klang.

tip Wir sind Geschichtensammler, sagen Sie – aber doch auch aufmerksamkeitsgierige Narzissten. Künstler sowieso. Wie kommen Sie eigentlich damit klar, dass die meisten Menschen Ihr 8-Stunden-Stück „Sleep“, wie letztes Jahr im Berliner Kraftwerk, verschlafen? Immerhin die längste Komposition, die jemals aufgenommen wurde.
Max Richter Ach, wissen Sie, das erfüllt mich mit Glück. Für „Sleep“ habe ich absichtlich so viele tiefe Frequenzen eingesetzt, die einen gut in den Schlaf entgleiten lassen – in etwa solche Töne, wie Embryos sie im Mutterleib hören. Schlafen ist doch eines der wichtigsten Dinge, die wir tun. Zumal in unserer 24/7-Unkultur. Schlaf strukturiert. Schlaf gibt uns Aufschluss über uns. Eine Welt ohne Schlaf wäre trostlos.

Kammermusiksaal Herbert-von-Karajan-Str. 1, Tiergarten, Do 4.5., 20 Uhr, ausverkauft

Mehr über Cookies erfahren