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Achtung!!! Verschoben: Icona Pop im Postbahnhof

Icona Pop

Wie reagiert man sich so richtig ab, wenn man sich von einem Partner getrennt hat? Icona Pop haben da eine Idee. Man rast mit dem Auto in eine Brücke und sieht sich in aller Ruhe an, wie es abbrennt. Danach wirft man die Fäkalien dieser Person in eine Tüte und lässt das Ganze die Treppe herunterpurzeln. Das bereitet eine helle Freude, auch wenn es etwas verrückt ist. Aber was soll’s. „I don’t care, I love it“, jubeln Aino Jawo und Caroline Hjelt in ihrem bisher erfolgreichsten Hit „I Love It“. Ihm werden demnächst weitere folgen. Auf ihrem im November erscheinenden Debütalbum „This Is … Icona Pop“ singt das Duo wie Agnetha und Frida nach einer Elektro-Therapie. Anspielungen auf Abba sind nie verkehrt, wenn man es als Pop-Act wirklich wissen will. Man muss sich dann schon etwas zutrauen und nicht übertrieben auf Coolness setzen. An diesem Fehler sind schon viele Vorgängerinnen von Icona Pop gescheitert.

Die Vorläuferinnen
Wie man es nicht macht, wissen Jill Bryson und Rose McDowall nur zu gut. Die beiden Schottinnen fielen zu Zeiten des Punk zuerst als Art-Groupies in der Glasgower Szene auf, bändelten mit Orange Juice und Bill Drummond an und präsentierten sich am Ende wie Gruft-Girls mit Vorliebe für bunte Schleifchen und punktierte Polka-Dot-Kleider. Mitte der Achtziger lief es für Strawberry Switchblade, wie sich Bryson und McDowall nannten, anfangs gut. In ihrem einzigen Hit „Since Yesterday“ steckt eine brillant funktionierende Mischung aus Melancholie und Bubblegum-Pop. Nicht so gut behandelten die Damen Dolly Partons Klassiker „Jolene“. Zu so einem Song passen weder tuckernde Synthesizer noch klebrige Streicher. Danach nahm das Duo keiner mehr ernst. Das war schlimm. Dass es noch schlimmer kommen kann, mussten Jacqueline Blake und Caroline Askew erfahren. Sie hatten von vornherein nicht die Spur einer Chance, obwohl sie unter dem Namen Shampoo (Foto links) mehr auf Rock setzten. Die beiden Krawall-Barbies waren zuerst als Herausgeberinnen eines Fanzines über die Manic Street Preachers aufgefallen. Böse und sexistische Brit-Beobachter sahen in ihnen aber bloß eine schlechte Version der Brummie-Gören We’ve Got A Fuzzbox And We’re Going To Use It. In ihrem einzig nennenswerten Hit „Trouble“ plärrten Blake und Askew wie rebellierende Teenies im Kinderzimmer. Sieben Jahre lang hielten sie ihnen entgegengebrachte Feindseligkeiten aus, dann warfen sie das Handtuch. Es half ihnen noch nicht einmal, dass die Macher der Spice Girls ausgerechnet den Titel des zweiten Shampoo-Albums „Girl Power“ als Konzeptthema für ihre Mädchenband übernommen hatten.
ShampooEbenfalls in den Neunzigern versuchte Creation-Chef und Oasis-Entdecker Alan McGee, das Projekt seiner Frau Kate Holmes an den Start zu bringen. Ganz im Gegensatz zu McGees sonstigen Protegйs liebte die Gattin den Synthesizer über alles. Aus ihrer Band Technique wurde am Ende nichts, weil McGee den Creation-Betrieb einstellte und es mit dem Nachfolge-Label Poptones nicht weit brachte. Holmes zwängte sich daraufhin mit Sarah Blackwood (ehemals Dubstar) in Stewardessen-Kostüme und stürzte sich mit ihr unter dem Namen Client auf einen Kältekammer-Pop, der vor allem in Deutschland angenommen wurde. Weniger erfolgreich lief es für artverwandte ausländische Musikerinnen, die sich in Berlin niedergelassen hatten und von hier aus ihr Glück versuchten. Sue Denim und Dee Plume waren mit Robots In Disguise zur Stelle, als zu Beginn des neuen Jahrtausends eine frische Electro-Punk-Szene entstand. Produziert wurden sie von Chris Corner (Sneaker Pimps, IAMX), was ihnen aber ebenso wenig auf die Sprünge half wie die Mitwirkung in der schrulligen britischen Fernsehserie „The Mighty Boosh“. Vor elf Jahren gründete die aus den amerikanischen Südstaaten stammende Nicole Morier ihre Band Electrocute, die mit grellen Kostümen, sexuellem Innuendo und Girl-Pop-Melodien einen regelrechten Zirkus aufführte. Nach dem Album „Troublesome Bubblegum“ kam es kaum noch zu Vorstellungen. Ähnlich schnell bergab ging es für die beiden Finninnen von Le Corps Mince De Françoise. Sie fanden trotz Unterstützung durch das angesehene englische Label Heavenly Records und Happy-Mondays-Einflüssen keinen großen Anklang.

Worauf es ankommt
Letztendlich braucht man Songs, die direkt sind und zur Not auch nerven. In diesem Punkt übertreffen Icona Pop die genannten Kolleginnen schon jetzt um Längen. Auf ihrem Debüt hört man einen potenziellen Hit nach dem anderen. Auch auf der Bühne halten sich Jawo und Hjelt nicht zurück. „Live arbeiten wir mit Plattenspielern, Ableton Live, Pads, Effekt-Pedalen und vier Mikrofonen. Wir wollen diesen wuchtigen Sound kreieren und elektronische Musik lebendiger machen“, werden sie auf der „Pitchfork“-Seite zitiert. Das trifft es ziemlich präzise. Beim letzten Greenville-Festival hüpften die Schwedinnen wie aufgescheuchte Hühner über das Parkett und ließen sich dabei selbst durch zwischenzeitliche technische Probleme nicht irritieren. Was soll schon passieren? Wer bereit ist, sein Auto zu zerstören, hält einiges aus.

Text: Thomas Weiland

Foto Icona Pop: Fredrik Etoall

Foto Shampoo: 1994 Food Ltd.

Icona Pop, ?Postbahnhof, verschoben von Sa 19.10. auf Fr 14.03.2014, 20 Uhr, ?VVK 21 Euro zzgl. Gebühr

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