Konzerte & Party

Ihno von Hasselt im Interview

Jazzfest Berlin

tip Herr von Hasselt, Sie sind 1969 zu den Berliner Jazztagen gestoßen. Was haben Sie anfangs dort gemacht?
Ihno von Hasselt?Ich kam nach Berlin und wohnte in einer WG, einer meiner Mitbewohner war bereits Fahrer bei den Berliner Jazztagen, wie sie damals noch hießen. Jazzfest Berlin heißt das Festival erst seit 1981. Dieser Freund nahm mich mit, und so wurde ich auch Fahrer dort. Für mich war das ein Studentenjob, es gab 80 Mark am Tag und ein Essen in der Kantine vom Hotel Schweizer Hof.

tip 1964 hat Joachim-Ernst Berendt, einer der renommiertesten Jazzkenner in Deutschland, die Jazztage gegründet und leitete diese bis 1972. Sie haben ihn noch erlebt, welchen Eindruck hat er auf Sie gemacht?
Ihno von Hasselt Abgehoben. Am Ende des Festivals kam er zu den Fahrern und bot seine neuen Schallplatten als Bonus an, er war ja auch Produzent für das Label MPS. Ich habe von ihm unter anderem eine LP des Schweizer Pianisten George Gruntz bekommen, der später auch lange das Jazzfest leitete.

Jazzfest Berlintip Wie beurteilen Sie die damalige Bedeutung des Festivals für Berlin?
Ihno von Hasselt Das war eine international unglaublich bedeutende Veranstaltung. Die englische Musikzeitschrift „New Musical Express“ hat Leserreisen nach Berlin organisiert. Selbst in den USA hat man es wahrgenommen, auch weil in den ersten Jahren der Newport-Organisator George Wein Partner des Festivals war.

tip Sie haben die ganz Großen des Jazz erlebt. Miles Davis, Charles Mingus, Gil Evans. Spielten die Stars gerne hier?
Ihno von Hasselt Klar. Miles Davis habe ich 1983 und 1985 dann selbst veranstaltet und davor vermutlich auch gefahren. Die Stars kamen alle gerne hierher, mit der Philharmonie gab es einen tollen Spielort, und das Geld stimmte auch. Es gab viele unglaubliche Konzerte. Don Ellis mit der Berlin Dream Band, einer All-Star-Big-Band, oder der 1978er Auftritt von Fela Kuti.

tip Der nigerianische Saxofonist muss im grauen West-Berlin für Furore gesorgt haben. Er soll damals seine 27 Ehefrauen mitgebracht haben.
Ihno von Hasselt Das war mein Initialerlebnis. Fela Kuti kam mit seinen 27 Queens, seiner Familie, seinem Beraterstab und den Musikern. Zusammen etwa 75 Leute. Die Lufthansa wollte sie nicht fliegen, man hatte da wohl schlechte Erfahrungen gemacht. Also flogen wir sie von Lagos mit der Interflug ein, der Fluggesellschaft der DDR. Sie landeten in Schönefeld, wo sich herausgestellt hat, dass sie kein Visum für West-Berlin hatten. Der reine Wahnsinn.

tip Vermutlich kennt niemand das Festival so gut wie Sie. Wie sehen Sie dessen Entwicklung?
Ihno von Hasselt Ich bin so eine Art Leitfossil dieses Festivals. Erst als Fahrer, dann, ab 1981, als Produktionsleiter. Es gab in der Geschichte natürlich immer Phasen, die stark vom künstlerischen Leiter abhingen. Nils Landgren oder Albert Mangelsdorff haben als Solisten anders eingeladen als, sagen wir, der Pianist George Gruntz oder die Journalisten Peter Schulze oder aktuell Bert Noglik.

tip Es wird Ihr letztes Jazzfest als Produktionsleiter werden. Sie treten im Jubiläumsjahr ab. Was wird jetzt aus Ihno von Hasselt?
Ihno von Hasselt Nominell bin ich ja schon seit drei Jahren in Rente. Ich fand es aber gut, zum 50. Jazzfest aufzuhören. Das ist ein schöner Abschluss. Ab jetzt höre ich nur noch Country … und Western.

Interview: Jacek Slaski

Foto oben: Grzegorz Drygala

Foto links: Ihno von Hasselt 1979 im Fahrstuhl mit Taj Mahal und Band – (c) Patrick Hinely

Jazzfest Berlin, Haus der Berliner Festspiele und andere Orte
u.?a. mit Elliott Sharp, Jasper van’t Hof & Benny Golson, WDR Big Band und dem Fire! Orchestra, ?Do 30.10.–So 2.11., Orte und Termine unter www.berlinerfestspiele.de

Neuer Mann
Richard Williams leitet ab 2015 das Jazzfest Berlin
Breaking News Wer Ihno von Hasselt als Produktionsleiter folgen wird, wissen wir nicht. Aber Bert Nogliks Ära endet. 2015 übernimmt der 1947 geborene englische Journalist Richard Williams die künstlerische Leitung des Jazzfests. ?Er war Redakteur bei „Times“, „Independent“ und „Guardian“ und betreibt den Internetblog www.thebluemoment.com.

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