Konzerte & Party

Im Gespräch mit Anna Loos – Teil 2

Anna-Loostip Wenn man Teil einer DDR-Musiklegende ist, wird man da automatisch auch zum Anwalt der Ostdeutschen?
Loos Ich finde nicht, dass man sich beweisen muss, nur weil man aus dem Osten kommt. Aber man muss auch verstehen, dass Zeitschriften wie die „Super-Illu“ nun unsere Herkunft aufgreifen. Silly war schließlich die einzige Band, die erst im Osten bekannt war und dann auch im Westen Erfolg hatte. Und heute stehen wir wochenlang in den Top 10. Bestimmte Medien heben das hervor, um zu zeigen, dass Künstler aus dem Osten es auch schaffen können. Wenn ich jetzt sagen würde, dass mich das nervt, hätte ich mich innerlich nicht gut vorbereitet. Es war total klar, dass beim ersten Album die ganze Vergangenheit hochkommt. Die Band ist ja auch stolz auf ihre Geschichte. Aber ich glaube, dass man beim zweiten Album nur noch über die Musik reden wird, weil all die anderen Fragen dann beantwortet sind.

tip Verkauft sich die Platte im Osten besser als im Westen?
Loos Das haben wir erwartet, aber unsere Plattenfirma hat ja für alles Statistiken. Interessanterweise ist es fast gleich, minimal mehr im Osten, aber der Westen holt langsam auf. Damit haben wir auch nicht gerechnet. Aber wir hätten auch nicht gedacht, dass wir von null auf drei in die Charts einsteigen und unsere Tour fast ausverkauft ist …

tip Sie nehmen ein Album auf und gehen auf Tournee. Sie arbeiten als Schauspielerin. Ihr Ehemann Jan-Josef Liefers ist ebenfalls ein gefragter Schauspieler und macht auch Musik. Sie haben zwei Kinder …
Loos … und einen Hund.

tip … und einen Hund. Wie bekommen Sie das alles unter einen Hut?
Loos Wir haben uns in den letzten Jahren einfach gut organisiert. Meine Eltern sind beide Rentner, und die helfen uns sehr. Ohne Oma und Opa könnten wir das alles so nicht machen. Silly bedeutet mir einfach sehr viel. Wir sind uns passiert, das kann man jetzt nicht mehr ändern. Und nun fragen die Veranstalter, ob wir im Sommer große Open Airs spielen wollen. Das ist für uns ein wichtiger Schritt, also werde ich in diesem Sommer keinen Film annehmen, wir müssen uns ja vor­bereiten. Ich möchte auch nicht, dass mein Mann und meine Kinder zu kurz kommen.

tip Ihr Mann musste sein Konzert verschieben, weil Silly am gleichen Tag jetzt ein Zusatzkonzert in der Zitadelle Spandau geben.
Loos Wir haben die Termine getauscht, sonst hätten wir beide am gleichen Tag gespielt, da haben die Veranstalter gesagt: Hey, das geht gar nicht. Uns hätte das nicht gestört. Aber ich freue mich natürlich, dass Jan zu unserem Konzert kommen kann.

tip Stehen Sie als Schauspieler und Musiker miteinander in Konkurrenz?
Loos Gar nicht, im Gegenteil. Wenn der eine einen Erfolg hat, freut sich der andere. Das ist ja nicht nur Spaß. Die letzten Jahre waren harte Arbeit, auch für Silly. Jan weiß genau, wie viel da drinsteckt. Er kennt meine Geschichte. Immerhin sind wir seit zehn Jahren zusammen.

tip Sind Sie beide auf einem Nenner, was die Musik betrifft?
Loos Ja, total. Wir haben einen ähnlichen Geschmack, sowohl in Sachen Musik als auch in Sachen Einrichtung. Also wenn bei uns mal einer nicht da ist und der andere ein neues Sofa kaufen muss, weil der Hund das alte zerstört hat, dann ist die Gefahr nicht so groß, dass es dem anderen nicht gefällt.

tip Das ist ja erfreulich. Und Ihr Mann ist auch nicht nervös, weil Uwe Hassbecker und Ritchie Barton beide schon mal mit der Sängerin von Silly liiert waren.
Loos (lacht) Nein, wir sind doch alle in festen Beziehungen. Und ich weiß schon genau, was ich an meinem Mann habe.

tip Sie haben ja schon öfter zusammen vor der Kamera gestanden. Gibt es eine Chance, dass Sie einmal gemeinsam auf der Bühne stehen werden?
Loos Das haben wir schon, aber da hat sich noch keine Sau drum gekümmert, sag ich mal so. Vor acht oder neun Jahre sind wir mit seiner Band bei Rock am Ring aufgetreten, allerdings im Nachmittagsprogramm. War nicht voll, aber lustig. Wir haben auch noch eine alte Wette am Laufen. Wir haben gesagt: Wenn einer von uns mal einen Top-10-Hit hat, dann singen wir ein Duett miteinander.

Anna-Loostip Dann wissen wir ja, worauf wir uns beim Konzert im August freuen können.
Loos Ich weiß nicht, ob wir das so schnell hinkriegen. Das machen wir mal ganz in Ruhe. Das muss sich entwickeln.

tip Wenn Sie heute die alten Lieder von Silly singen, bedeutet das für Sie auch eine Auseinandersetzung mit Ihrer Jugend und den Erlebnissen von damals?
Loos Nein, es ist nicht so, dass bei mir ein Film ablaufen würde. Aber es ist schon toll, dass die alten Nummern so schön rollen, weil wir sie schon lange spielen. Ich bin echt stolz, dass die alten Songs jetzt auch meine Songs sind. Manchmal denke ich mir: Hey, kneif mich mal und weck mich.

tip Uwe Hassbecker hat gesagt, Sie seien eine Duracell-Frau.
Loos Ja, die Jungs von der Band sagen immer, ich hätte noch ein paar Akkus im Gepäck. Ich war aber schon immer so. Mir macht das Leben nicht so viel Spaß, wenn ich rumhänge. Jammern ist auch nicht mein Ding, ich bin eher der Meinung: Okay, wenn es schlimm ist, dann lass es uns doch besser machen. Ich weiß das natürlich nur aus Erzählungen, aber ich glaube, Tamara war so ähnlich drauf. Sie hat die Band auch immer angeschubst und gesagt: Wir müssen das machen, jetzt hör doch mal damit auf, und jetzt komm doch mal, ihr müsst pünktlich sein …
Jetzt haben sie wieder so jemanden gekriegt, und das haben sie auch verdient. Die brauchen das.

tip Das Filmgeschäft und die Musikindustrie, das sind ja auch zwei unterschiedliche Milieus, in denen man mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und Strukturen zu tun hat. In welcher Welt fühlen Sie sich eher zu Hause?
Loos Ach, ich fühle mich eigentlich in beiden Welten zu Hause. Das Filmbusiness kenne ich inzwischen wirklich gut. Mit Silly ist das was anderes, da bin ich gleich oben eingestiegen und stand relativ schnell in der Wuhlheide vor 17.000 Leuten. Beim Film hab ich mich ganz langsam rangearbeitet, es war ein langer Weg, bis ich Hauptrollen gespielt habe und bis jemand seinen Dreh um zwei Wochen verschoben hat, damit ich die Rolle spielen kann. Aber ich glaube schon, dass mir in diesem Filmleben ein Selbstbewusstsein erarbeitet habe, mit dem ich heute sagen kann: Okay, ich weiß, was ich drauf habe. Ich weiß, wo meine Grenzen sind. Ich weiß, wie weit ich gehen kann.

tip Wir haben gelesen, dass Sie in Steglitz wohnen. Haben Sie sich gezielt für diesen Bezirk entschieden?
Loos Wir wollten uns ein Haus kaufen, seit Jahren schon. Wir haben lange gesucht, weil wir gesagt haben: Es muss zu unserem Portemonnaie passen,  wir wollen keine Serien drehen, um uns das leisten zu können. Es muss kein Palast sein, aber es muss zu uns passen. Wir wollten eigentlich nach Potsdam, ein bisschen näher zu meinen Eltern, aber das war nicht unsere Kragenweite, einfach zu teuer. Und dann stand da dieses Haus in Steglitz und das war es.

tip Gefällt es Ihnen in Steglitz?
Loos Am Anfang waren wir nicht sicher, ob wir da so gut aufgehoben sind. Aber mittlerweile ist es total genial. Wir wohnen direkt an einem Park und haben ein Schwimmbad um die Ecke. Unsere Nachbarn wohnen da alle in der fünften Generation und scheren sich überhaupt nicht darum, wer wir sind und was wir machen. Da kann man jederzeit hingehen und nach Zucker fragen.

tip Gelingt es Ihnen, Ihr Privatleben von der Öffentlichkeit abzuschotten?
Loos Ja, das geht ganz gut. Man muss die Leute ja nicht anlügen, aber man muss ihnen auch nicht erzählen, wie es zu Hause im Schlafzimmer aussieht. Über bestimmte  Dinge reden wir einfach nicht, und das ist ja auch okay für die meisten.

tip Sie sind in Brandenburg an der Havel aufgewachsen, inzwischen sind Sie dort schon zweimal mit Silly aufgetreten. Das war doch bestimmt auch für Sie etwas ganz Besonderes.
Loos Ja, das war Wahnsinn. Beim ersten Mal haben wir im Stadttheater Brandenburg gespielt, und die ganzen Freunde und Verwandten hatten schön die ersten vier Reihen gebucht. Mutti, Papi, Schwester – ich konnte die ganzen Gesichter genau sehen. Da habe ich gleich mit der Anmoderation angefangen: Okay, ich singe hier, meine ganze Familie hat sich in den ersten Reihen postiert. Wenn ihr glaubt, ihr könnt mich fertig machen, dann habt ihr euch geirrt (lacht). Das war schon toll.

tip Sie haben Brandenburg schon vor der Wende verlassen und sind in den Westen gegangen. Hat sich die Stadt seither zum Guten oder zum Schlechten verändert?
Loos Zum Guten. Nach der Wende hatte Brandenburg ein paar traurige Jahre, weil die ganzen jungen Leute abgehauen sind. Nach zehn Jahren fingen aber viele an, zurückzukommen und Cafйs aufzumachen oder den Laden ihres Vaters zu übernehmen, weil es woanders auch nicht besser war. Brandenburg sieht mittlerweile auch viel schöner aus als früher. Die grauen Fassaden sind weg, die Häuser sehen auch von innen gut aus, und die Leute sind auch relativ entspannt. Die große Depression, das Gefühl auf der Strecke zu bleiben – das ist schon lange vorbei. Die Leute gehen ihren Weg.

tip Und gehen sie auch selbstbewusster mit ihrer DDR-Vergangenheit um?
Loos Auf jeden Fall. Ich kann mich noch erinnern, dass viele Leute, die nach der Wende in den Westen kamen, ein Problem damit hatten, zu sagen, dass sie aus Halle oder Leipzig sind. Sie haben sich lieber assimiliert und abgewartet, wie es so läuft. Das hat sich schon geändert.

tip Zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls gab es letztens eine regelrechte Rückbesinungs- und Aufarbeitungswelle. Sie selbst haben in zwei Fernsehfilmen mitgespielt, zu einem in „Lilys Geheimnis“, in dem sich ein gescheiterter Fluchtversuch tief in die Biografien der Beteiligten eingegraben hat, und zum anderen in „Böseckendorf“, in dem ein ganzes Dorf rübermacht, als die Grenze zugemacht wird. War die Arbeit an diesen Filmen für Sie eine Art von Vergangenheitsbewältigung?
Loos Ein bisschen schon. Im Osten ist man ja zwangsweise mit Verrat in Berührung gekommen. Meine Schwester wurde mal von der Stasi abgeholt, weil ihre beste Freundin abgehauen war und sich in einem Eiscafй mit ihr über ihre Fluchtpläne unterhalten hatte. Dabei waren sie belauscht worden, und meine Schwester bekam richtig Ärger dafür. Andererseits haben wir in einer relativ heilen Welt gelebt. Ich bin in einem großen Haus aufgewachsen, ich hatte gute Klamotten, ein ausgefülltes Freizeitleben und ganz viel Liebe von meiner Familie. Die Kiwis haben mir auch nicht gefehlt, uns ging’s eigentlich super. Und dann passiert so etwas und du denkst: Hey, wo leben wir eigentlich? Und dann bist du fertig mit der 10. Klasse und willst dein Abitur machen, und dann heißt es: Ja, gute Noten, aber nein, so geht das nicht, Sie könnten Bekleidungsfacharbeiterin oder Krippenerzieherin werden. Und dann sagst du dir: Das will ich aber nicht, seid ihr doof, oder was? Deshalb bin dann ja abgehauen. Ich hatte mir ja meinen Plan gemacht, aber das hat alles nicht so funktioniert.

tip Sie sagen, dass es nicht so geklappt hat, wie es eigentlich geplant war, aber im Nachhinein sieht es bei Ihnen so aus, als hätte es gar nicht anders laufen können.
Loos Das ist ja immer so. Ich glaube, dass es immer so kommt, wie’s sein muss. Das ist jedenfalls meine Einstellung (lacht).

Interview: Heiko Zwirner und Hagen Liebing
Fotos: David von Becker


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Silly + Tim Bendzko im Huxleys, So 30.5., 20?Uhr, ausverkauft. (Nachholtermin für den 15.5.)
Silly in der Zitadelle Spandau, Fr. 27.8., 19 Uhr, VVK: 30?Ђ. 

Info:
Anna Loos wurde 1970 in Brandenburg an der Havel geboren. 1989, noch vor dem Mauerfall, verließ sie die DDR und absolvierte anschließend eine Schauspielausbildung in Hamburg. Neben zahlreichen Fernsehrollen („Tatort“, „Böseckendorf“) wurde sie einem breiten Publikum vor allem durch ihre Rolle in dem Kinofilm „Anatomie“ (2000) bekannt. Seit 2004 ist Anna Loos mit dem Schauspieler Jan Josef Liefers verheiratet, sie leben mit den beiden Töchtern in Berlin. Seit 2006 hat sie neben der Schauspielerei auch die Nachfolge der bereits 1996 verstorbenen Sängerin Tamara Danz bei der Band Silly übernommen. Das erste gemeinsame Album von Silly mit Anna Loos, „Alles Rot“, ist Anfang April auf Platz 3 der deutschen Albumcharts eingestiegen.

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STREITGESPRÄCH ZWISCHEN RAMONA POP (GRÜNE) UND THOMAS HEILMANN (CDU)

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