Konzerte & Party

Im Gespräch mit Anna Loos

Anna-Loostip Frau Loos, kennen Sie den Film „Rock Star“?
Anna Loos Nein, den kenne ich nicht.

tip Mark Wahlberg spielt darin einen Fan, der von seiner Lieblingsband angeheuert wird, nachdem der ursprüngliche Sänger ausgestiegen ist. Die Geschichte erinnert an Ihre Karriere mit Silly …
Loos Stimmt, ich war schon immer ein Riesenfan von Silly. Bei uns in Brandenburg gab es einen kleinen Plattenladen. Dort habe ich meine erste Platte gekauft. Im Osten war es ja so, dass man sich automatisch angestellt hat, wenn sich irgendwo eine Schlange gebildet hat, denn dann gab es meistens was Besonderes. Bei einer Schlange vorm Plattenladen war klar: Heute gibt es irgendein Import-Produkt, ein Beatles-Album oder sowas. Doch eines Tages standen die Leute wegen „Bataillon d’Amour“ Schlange, und ich dachte: Geiles Cover, jetzt hab ich sowieso angestanden, ich hol‘ ich mir das Ding. Zu Hause habe ich die Scheibe gleich aufgelegt, war ja alles noch Vinyl damals, und seitdem bin ich Fan.

tip Was hat Ihnen an Silly so gut gefallen?
Loos Die waren damals schon sehr speziell. Auch musikalisch gehörten Silly zu den interessantesten Bands, aber das Herausragende waren die Texte. Wie die Tamara gesungen hat – man hatte das Gefühl, sie spricht einem aus der Seele. Diese Wut, die man im Osten unterschwellig hatte, haben Silly unglaublich gut zum Ausdruck gebracht. Sie haben sich zwar nie mit Tagespolitik beschäftigt, aber sie haben immer die Gesellschaft reflektiert und dich irgendwie dazu gebracht, dich auch selbst zu reflektieren. Ich bin ja später abgehauen aus dem Osten, und ich glaube, dass die Auseinandersetzung mit Silly und ihren Texten einer der Gründe dafür war, warum ich irgendwann zu mir gesagt habe: Ich nehme jetzt mein Leben selber in die Hand, weil mich das hier alles ankotzt.

tip Im Kulturbetrieb der DDR gehörten Silly aber nicht gerade zu den Underdogs, im Gegenteil, sie waren eine etablierte Band.
Loos Sie waren aber auch nicht so eine Parteitagsband wie die Puhdys.

tip Aber immerhin waren Silly so privilegiert, dass sie im Westen spielen und aufnehmen durften.
Loos Später dann, ja, aber das haben sie sich auch hart erkämpft. Es war ja nicht so, dass Silly einfach überall hinfahren durften. Als sie zum ersten Mal die Zusage bekamen, im Westen zu spielen, hatten sie das schon hundertmal beantragt, und hundertmal war der Antrag abgelehnt worden. Irgendwann hat die Tamara dann gedroht, einen Ausreiseantrag zu stellen. Nach der ganzen Biermann-Arie hat man sie dann fahren lassen. Aber dem Gitarristen Uwe Hassbecker, dem haben sie das Visum verweigert, und es hieß: Dann müsst ihr eben mit einem anderen Gitarristen spielen. Und das einen Tag vor Beginn der Tournee! Erst als die ganze Band mit dem Ausreiseantrag drohte, hat Uwe sein Visum bekommen. Das war schon ziemlich krass damals.

tip Tamara Danz ist vor 14 Jahren gestorben. Wenn eine Band ihren Sänger oder ihre Sängerin verliert, dann bedeutet das meistens ihr Ende. Zu den wenigen Gegenbeispielen gehört AC/DC, die mit einem neuen Sänger noch erfolgreicher geworden sind …
Loos Stimmt, bei denen hat es funktioniert. Aber wenn Ihr mich vor ein paar Jahren gefragt hättet: Kann aus Silly mit einer neuen Frontfrau noch mal was werden? Dann hätte ich auf jeden Fall gesagt: Unvorstellbar, auf gar keinen Fall! Tamara war die Seele der Band, sie hat die Texte ja regelrecht verkündet.

Anna_Loostip Nun wollen Silly es mit Ihnen als Sängerin doch noch einmal wissen. Wie kam es dazu?
Loos Es fing damit an, dass ich auf einer Lesung von T.C. Boyle von einem Freund der Band angesprochen wurde: Silly will wieder Musik machen, und ob ich mir vorstellen könnte, als Gastsängerin dabei zu sein. Ich dachte: Okay, das ist ein Schnacker, der will mich nur kennen lernen. Außerdem spielte ich damals gerade Theater und hatte sowieso keine Zeit. Bei meiner letzten „Cabaret“-Vorstellung in der Bar jeder Vernunft stand dieser Typ dann auf einmal zusammen mit Ritchie Barton, einer meiner persönlichen Ikonen, vor mir. In diesem Moment wusste ich: Okay, das war ernst gemeint. Ein paar Tage später habe ich die Band in einem Bauernhaus in Münchehofe getroffen, das mal den Eltern von Tamara gehörte und zum Studio ausgebaut wurde. Das war ein wirklich überwältigendes Erlebnis für mich. Ich hatte das Gefühl, ich kenne die drei schon ewig. Die kamen mir total vertraut vor – als hätte ich etwas wieder gefunden, was mir total gefehlt hat, ohne dass ich’s wusste.

tip Was denn?
Loos Ich wollte ja immer Musik machen. Ich hab’s auch oft versucht, ich hatte sogar mal eine Single und einen Platten-Deal, aus dem ich mich dann rausgeklagt habe, weil ich merkte, dass es keinen Grund gibt, mit irgendwelchen Musikern auf die Bühne zu gehen und Lieder zu singen, die nicht meine eigenen sind. Aber auf diesem Bauernhof dachte ich auf einmal: Das sind meine Jungs, das ist mein Zuhause, das ist meine Musik, das muss ich machen.

tip Die Band wollte Sie aber zunächst nur als Gastsängerin anheuern.
Loos Ja, die Band suchte damals keine neue Frontfrau, sondern arbeitete ihre alten Stücke mit ständig wechselnden Gastsängern auf. Da waren Leute wie Anna R. von Rosenstolz, Steffi von Silbermond, Dirk Zöllner, Toni Krahl, IC Falkenberg, Joachim Witt und Wolfgang Niedecken dabei. Alles tolle Sänger, aber dieses Gefühl von früher, das hat sich bei mir nicht eingestellt, als ich das gesehen habe. Jeder durfte einen Song singen, wie auf einem Flohmarkt der Eitelkeiten. Deshalb habe ich beim nächsten Treffen einmal tief durchgeatmet und gesagt: Also Jungs, passt auf, ich würde das gerne machen, aber ich will es alleine machen.

tip Wie haben Sie es geschafft, die Musiker davon zu überzeugen, dass Sie die Richtige sind?
Loos Die waren schon beeindruckt, als wir uns zum ersten Mal im Probenraum getroffen haben, weil ich alle Texte auswendig wusste und die Lieder auf Zuruf singen konnte. Die anderen Gastsänger mussten die Texte erst lernen, aber ich hatte das ja alles als Jugendliche rauf- und runtergehört. Die Band war trotzdem vorsichtig. Eine gute Stimme zu haben und als Frontfrau aufzutreten, das sind zwei verschiedene Dinge. Und ich wusste auch nicht, ob ich das kann. Deshalb hat die Band gesagt: Jetzt entspann dich mal, komm erst mal mit als Gast, und dann schauen wir mal, wie es weitergeht. Das Gefühl auf beiden Seiten war dann irgendwie so gut, dass wir die Auftritte mit mir  allein als  Sängerin fortgeführt haben, zunächst auf Stadtfesten und in kleinen Theatern.

tip In Berlin haben Sie den Admiralspalast gefüllt, das ist nicht gerade ein kleines Theater.
Loos Eigentlich hatten wir an die Probebühne gedacht, doch dann war die Nachfrage so groß, dass wir auf die große Bühne ausweichen mussten. Das war meine große Bewährungsprobe, das erste Mal ganz alleine, den ganzen Abend mit den Jungs.

tip Bei diesem Konzert schien das Publikum zunächst sehr skeptisch.
Loos Ja, ganz schlimm, die Leute saßen mit verschränkten Armen da und so einem Blick: Hm, da wollen wir mal gucken, was die so macht. Ich konnte das gut verstehen. Ich hätte am Anfang wahrscheinlich genauso dagesessen, wenn ich Zuschauer gewesen wäre. Doch es hat nur ein paar Songs gedauert, und dann war das Publikum echt ent­zündet.

tip Inzwischen spielen Sie nicht nur in Berlin und Leipzig, sondern auch in Köln und Hamburg vor ausverkauften Häusern. Kann man sagen, dass sich die Leute im Osten Silly mit ihrer neuen Sängerin ansehen, und die Leute im Westen eher wegen Anna Loos kommen, die jetzt eine Band hat?
Loos Auf beiden Seiten gibt es beides: Manche kommen wegen Silly, andere wegen Anna. Bei unserem Auftritt in Saarbrücken war es zum Beispiel so, dass wir für die meisten eine völlig neue Band waren, die sie im Radio gehört haben. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass viele Leute bereit sind, 25 Euro plus Kosten für Fahrt und Babysitter dafür auszugeben, einer Schauspielerin beim Singen zuzugucken.

tip Als Schauspielerin sind Sie gewohnt, Menschen darzustellen. Stellen Sie auf der Bühne eine Sängerin dar, oder ist das was anderes?
Loos Als Schauspieler sollte man in der Lage sein, einen Sänger zu spielen, klar, das ist unser Beruf. Für die Frontfrau von Silly reicht es aber nicht, etwas darzustellen. Das wäre gehaltlos und oberflächlich. Es ist kein Job, bei Silly zu singen, sondern eine Lebensaufgabe. Da hab ich mir echt was mit eingefangen.

tip Für die neuen Songs wurde der alte Silly-Texter Werner Karma reaktiviert. Warum?
Loos Im Laufe der vier Jahre, in denen ich jetzt bei Silly singe, habe ich mich mit einigen richtig guten Textern getroffen. Heinz Rudolf Kunze hat uns was geschickt, oder auch Michael Bodenski von Subway to Sally. Das waren tolle Texte, aber nicht für Silly. Ich hab’s auch selbst versucht, ich bin auch gar nicht so doof, was das angeht. Ich hatte am Ende einen Riesentextfundus, und hab dann da drüber gesessen und gesagt: Jungs, das ist es nicht, wir müssen den Werner anrufen. Und alle so: Der macht das nie! Tamara und Werner sind ja damals im Streit auseinandergegangen. Er ist halt ein Poet, sehr scheu. Aber ich dachte, hey, was soll’s, ich rufe ihn an und frage ihn! Er hatte nie ein Konzert von uns gesehen, und er war auch sehr skeptisch. Aber irgendwann, nach vielen Gesprächen, ist er aufgestanden und hat gesagt: Okay, Anna, ich versuch’s. Und dann kamen die ersten Texte angeflogen und alle dachten: Das ist es.

tip Karma hat offensichtlich seinen Teil dazu beigetragen, dass sich eine sanfte Melancholie durch das ganze Album zieht.
Loos Silly stand immer für eine Mischung aus Melancholie und Wut, gepaart mit ein bisschen Ironie. Vielleicht klang die Band früher wütender als heute, was sicher auch daran lag, dass Tamara ein wütender Mensch war. Werners Texte haben immer mehrere Ebenen. Der Titelsong „Alles Rot“ ist auf der ersten Ebene ein Song über eine Frau, die verlassen wird und ganz gut damit klar kommt. Gleichzeitig ist der Song programmatisch für die Band, die sich nach 14 Jahren zurückmeldet: „In mir drin ist alles rot, das Gegenteil von tot. Mein Herz – es schlägt sich noch ganz gut.“ Auf der dritten Ebene handelt der Song vom Älterwerden und von den Beulen, die man dabei abbekommt.

tip Macht Silly Musik für Leute, die vom Leben enttäuscht sind?
Loos Das würde ich so nicht sagen. Die Musik soll einen dazu bringen, sich selbst zu reflektieren – so wie es mir damals mit Silly ging. „Erinnert“ ist zum Beispiel ein Song, der davon handelt, dass das Leben wie ein Hamsterrad ist. Es dreht sich immer schneller, du hast deinen Job und deine Kinder und musst dich um alles kümmern und guckst dabei immer weniger nach links und rechts und auf dich selbst schon mal gar nicht nicht. Doch dann gibt es immer wieder Ereignisse, eine neue Liebe oder irgendein Naturerlebnis, manchmal auch einfach nur ein Film oder ein Song oder ein Bild, die dich auf einmal da rausholen und dich daran erinnern, wer du eigentlich bist.

tip Wenn man Teil einer DDR-Musiklegende ist, wird man da automatisch auch zum Anwalt der Ostdeutschen?

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