Konzerte & Party

Im Kiez mit K.I.Z.

K.I.Z.

Wir haben die Band einen Tag lang begleitet und sind mit ihnen dahin gegangen, wo alles angefangen hat: nach Kreuzberg. Zuerst aber wollten die vier Jungs noch kurz zum Strich an der Kurfürstenstraße.

13.30 Uhr: Posen am Straßenstrich

„Ob wir gerade im Geld schwimmen oder Geldsorgen haben, wir sind immer hier“, sagt Tarek am U-Bahnhof Kurfüstenstraße. Das K.I.Z.-Logo ist ein erigierter Notenschlüssel-Penis, in ihren Texten wimmelt es nur so von Schwänzen, Nutten und Gewaltfantasien. Klar, dass der Strich an der Kurfürstenstraße ihr Lieblingsort ist, die vier haben schließlich ein Image zu bewahren.

Deswegen müssen sie auch einen Spruch nach dem nächsten bringen: „Sollen wir uns nicht mit nackten Ärschen fotografieren lassen?“, schlägt einer vor. Die anderen lachen sich kaputt. Dann spielen sie Zuhälter und Prostituierte und wollen unbedingt, dass das auch fotografiert wird. Gefeiert wird ihre Musik als intelligenter HipHop, der die harte Sprache benutzt, um gängige Rap-Klischees vorzuführen und zu kritisieren. Das ist sicher richtig und K.I.Z. sind in der deutschen HipHop-Landschaft auch sicher einzigartig.

Doch manchmal wirkt ihr Getue schlicht postpubertär. Sie gefallen sich in der Rolle böser Jungen, die Gangsta im Ghetto spielen und schlimme Worte sagen. Dennoch konnte ihnen und vielleicht auch dem deutschen Rap nichts Besseres passieren, als dass sie das als K.I.Z. ausleben dürfen.

 

K.I.Z.14.45 Uhr: Kindheit im Prinzenbad

Vorm Prinzenbad erinnert sich Sil-Yan, 26, an früher: „Wir sind immer mit der ganzen Familie über’n Zaun gestiegen. Wir hatten ja kaum Geld.“ Dann zeigt er in Richtung Urban-Krankenhaus: „Da wurde ich geboren.“ Sil-Yan, Maxim, 26, und Nico, 27, sind in Berlin aufgewachsen. Tarek, 24, kommt aus Freiburg, hat länger in Spanien gelebt und ist vor ein paar Jahren nach Berlin gezogen. Auch die anderen erzählen Geschichten von nächtlichen Einbrüchen ins Freibad: „Wir hatten immer voll Schiss, angeblich soll es da ja einen Wachhund gegeben haben“, sagt Maxim. „Gesehen hat den aber niemand.“

Mittlerweile wohnen die vier Rapper alle in Kreuzberg, ihr Studio ist im Wrangelkiez. Was in ihrem Kiez auf den Straßen los ist, wissen sie ganz genau. „Gestörte Kids, für die wir Mucke machen. Die Mütter verbuddeln Frühchen im Blumenkasten. Wie? – Es gibt kein deutsches Ghetto? Wir ham das Ghetto nur erfunden?“, beginnt der Titelsong ihres neuen Albums. „An Berliner Schulen Salami-Verbot. Auf den Pausenhöfen gilt Alarmstufe Rot“, heißt es weiter.

Von der Verrohung vieler Jugendlicher, die mit Pornos groß werden und ihr erstes Mal auf Video ins Netz stellen, haben sie nicht durch die Medien erfahren. „Lass uns auf’s Klo gehen, heiraten“, rappen sie in einem ihrer neuen Songs.

15.30 Uhr: Gentrifizierung von unten

Auf dem Weg vom Freibad am Landwehrkanal entlang zur Kottbusser Brücke – dort wollen sie Tauben füttern, auch das tun echte Rapper hin und wieder – treffen die vier am Statthaus Böcklerpark einen alten Kumpel. „Boa Alter ey, bist du breit geworden. Anabolika, oder was?“, sagt der zu Tarek. „Nee ey, einfach so. Ich trainiere halt viel“, antwortet Tarek. Sie beginnen über Männer zu diskutieren, die im Fitnessstudio vorm Spiegel mit ihren Muskeln protzen. „Das ist doch peinlich“, sagt Maxim. „Ich mach’ das nur, wenn keiner hinguckt.“ Früher haben K.I.Z. im Böcklerhaus geprobt.

Und Rap-Workshops für Kinder gegeben. „Als Schüler haben wir immer am Ufer abgehangen“, sagt Maxim. „Viele, die hier aufgewachsen sind, mussten wegziehen. Sie können sich die Mieten nicht mehr leisten“, sagt er. „Wir von K.I.Z. verdienen natürlich gut. Wir können uns die Mieten in Kreuzberg leisten.“ Er grinst, dann fügt er hinzu: „Wenn ich Milliardär wäre, dann würde ich hier ’nen fetten Plattenbau hinsetzen und extra billige Wohnungen an Vorbestrafte, Dealer und Familien-Clans vermieten.“

K.I.Z.17 Uhr: Currywurst und Pommes

Abendessen gibt’s bei Curry 7 in der Schlesischen Straße. Wie jeder hippe Berliner oder Tourist essen sie Currywurst und trinken Bionade. Von einer Band, die bei Konzerten auf der Bühne grillt und sich gerne mit Bergen von Fleisch fotografieren lässt, hätte man ein exzessiveres Gelage erwartet. „Das ist langweilig geworden, das haben wir zu oft gemacht“, sagen sie dazu knapp.

Zum Essen kommt Juju, die Freundin von Tarek, mit einer Freundin und deren kleinem Sohn vorbei. Der Kleine wird von den Gangsta-Rappern mit High-Five begrüßt. „Na, wart ihr heute im Prinzenbad schwimmen?“, fragt Tarek. Der Junge nickt.

K.I.Z.18 Uhr: Bier an der Höllenpforte

Nach dem Abendessen mit Limo, Wurst und Pommes geht’s zum Trinkteufel; „Das Tor zur Hölle“ wird die Kneipe in der Naunynstraße auch genannt. Ab 13 Uhr wird hier unter der Woche Bier und Schnaps ausgeschenkt, am Wochenende ist durchgehend geöffnet. Der Trinkteufel ist die Stammkneipe von K.I.Z. Viel los ist an diesem frühen Dienstagabend nicht. Draußen ist es noch hell, drinnen ist es düster, der Geruch von altem Zigarettenqualm hängt in der Luft. Man bestellt Bier und Jägermeister. Ein Kumpel und Tareks Freundin Juju sind auch dabei.

Juju stößt mit dem Kumpel der Band an. „Ey Alter, deine Freundin hat mir nicht in die Augen geguckt“, ruft der quer über den Tisch. „Das heißt sieben Jahre schlechter Sex. Haste gehört?“ Tarek zuckt mit den Schultern: „Ey Mann, das steht und fällt mit mir.“ Nicht jedes Rapper-Klischee wird ironisch gebrochen, erst recht nicht im Trinkteufel in Kreuzberg.

Text: Katharina Wagner

Fotos: Oliver Wolff

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