Konzerte & Party

Indie-Bildwelten in Berlin

A Winged Victory For The Sullen

Dustin O’Halloran zählt zu jenen Menschen mit einer seltenen Abweichung im Wahrnehmungsapparat. „Synästhesie“ heißt das Phänomen, bei dem sich Sinnesreize sonderbar vermischen. Beim Betrachten eines Bildes etwa können gleichzeitig akustische Sinne angekurbelt werden. Seine aparte Abweichung von der Norm fiel dem kalifornischen Pianisten auf, als er 2009 eine Ausstellung mit Gemälden des Modernisten Wassily Kandinsky betrachtete und sich in seinem Kopf Töne formten: ein individueller Soundtrack während des Gangs durch die Ausstellung. Es mag an dieser automatischen Verschaltung von Hör- und Sehfeld liegen, dass er selbst Musik macht, die starke Bildkräfte entfaltet.
Damit steht O’Halloran für ein rege gedeihendes Subgenre der Indiesphäre. Zum Überraschungserfolg wurde 2011 sein Bandprojekt A Winged Victory For The Sullen (Foto oben) mit Elektronik-Klangschichter und Drone-Ästhet Adam Wiltzie. Die wortlose Platte erinnert in ihrem schwebend verlangsamten Duktus um Klavier und ätherische Streicher an moderne Minimalisten wie Arvo Pärt, Philip Glass oder Erik Satie. Dass Projekte wie dieses vor allem unter Pop-sozialisierten Zuhörern Anklang finden, liegt an der Vorarbeit populärer Grenzgänger wie Sigur Rуs, Godspeed You! Black Emperor oder auch Björk: Unkonventionelle Klangmaler an der Schwelle zwischen Popabstraktion und moderner Klassik.
The Kilimanjaro Darkjazz EnsembleStilbildend sind auch junge Indielabels wie Denovali oder Erased Tapes. Das Berliner Ein-Mann-Unternehmen etwa hat sich einen Namen gemacht mit seinen klavierzentrierten Veröffentlichungen. Zum fünfjährigen Jubiläum hat das Label ein Minifestival im Radialsystem kuratiert: Neben A Winged Victory For The Sullen gastieren dann auch Label-Schöngeister wie Уlafur Arnalds und Nils Frahm. Der Berliner Pianist hat zu einer faszinierend eigensinnigen Auslegung des Ambiente-­Begriffs gefunden. „Felt“ – „Filz“ – heißt sein jüngstes Album, auf dem normalerweise unhörbare bis unerwünschte Nebenklänge ins Bewusstsein rücken. Durch extreme Mikrofonierung wird sonst Ungehörtes zentral, etwa das Luftholen beim Spielen, das Knirschen von Parkettboden oder auch das leise Schnaufen, wenn Klaviersaiten auf abdämpfenden Filz treffen. Beim Zuhören schärfen sich die Sinne, fast meint man, bis ins Innere des Klaviergehäuses vorzudringen.
Das wesensverwandte Label Denovali nahe Bochum schickt derzeit seine Entdeckung The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble (Foto links) auf ein paar wenige Gastspiele. Auch bei den spannungsvoll belebten Soundscapes der Band aus Utrecht dreht es sich ums Ankurbeln innerer Bildwelten mittels eines gemischten Klangkorpus um Piano, Trompete, Kontrabass, Gesang und elektronische Sounds. Filme standen am Anfang der Bandgeschichte: Als studierte Medien-Gestalter verdienten sich die Bandgründer Jason Köhnen und Gideon Kiers zunächst ihr Geld mit dem Schneiden und Zusammenstellen neuer Soundtracks für Klassiker der Stummfilm-Avantgarde. Immer häufiger verselbstständigten sich aber ihre musikalischen Einfälle – bis aus den Bildgestaltern selbst Bandleader wurden. Im Vergleich zur lichten Musik von Dustin O’Halloran wirken die unheimlich animierten Szenerien der Holländer eher wie eine Begegnung der finsteren Art – für elegante Albträume etwa unter der Regie eines David Lynch oder Lars von Trier.

Text: Ulrike Rechel

Foto oben (A Winged Victory For The Sullen): Adam Wiltzie

The Kilimanjaro Darkjazz Eensemble, Festsaal Kreuzberg, So 21.10., 20.45 Uhr, VVK: 13 Euro zzgl. Gebühr

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