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Interesse an Experimenten: Nils Petter Molvaer und Steven Wilson in Berlin

Steven Wilson

Auf den ersten Blick mag man sich fragen: Was können der Mastermind einer Progrock-Band und ein norwegischer Trompeter, der Jazz mit Elementen elektronischer Musik verbindet, gemeinsam haben? Die Antwort liegt in den aktuellen Alben von Steven Wilson und Nils Petter Molvжr.
Steven Wilson feiert als Frontmann und Songschreiber der britischen Rockband Porcupine Tree seit Anfang der 1990er-Jahre wachsende Erfolge. Die Alben der Band erreichen inzwischen weltweit hohe Chartpositionen und selbst die Royal Albert Hall füllt das Quintett gleich an mehreren aufeinanderfolgenden Abenden. Die dadurch entstandene finanzielle Unabhängigkeit erlaubt Wilson, sich unter eigenem Namen in Stilrichtungen auszutoben, die mit der Stammband nicht möglich sind. „‚Insur­gentes‘ war für mich ein wichtiger Schritt in eine neue Richtung“, erklärt der Multi­instrumentalist und fügt hinzu, dass sein neues Album noch „experimenteller und vielseitiger“ ist. In der Tat hebt sich die Doppel-CD „Grace For Drowning“ noch weiter vom Porcupine-Tree-Sound ab, als es „Insurgentes“ im Jahr 2009 bereits getan hat. Inmitten großer, ausufernder Rocksongs wimmeln nun eindeutige Jazz-Elemente. Mal flimmert eine Querflöte durch die Gitarrenwände, hier und da wimmert eine Klarinette und mal erinnert ein Saxofon an das inspirierende Element der Improvisation. Über die neuen Elemente in seiner Musik sagt Wilson: „Für mich waren die goldenen Zeiten der Musik die späten 60er und frühen 70er, als das Album der wichtigste Ausdruck eines Künstlers war, als Musiker sich von den Drei-Minuten-Popsong-Formaten frei machten und anfingen, Jazz und klassische Musik einfließen zu lassen, um kombiniert mit dem psychedelischen Spirit eine Soundreise zu kreieren.“ Für den Briten ist sein Album eine Hommage an diese Zeit und die Art und Weise. Spielerisch schlägt er den Bogen von Retro-Ansätzen ins Jahr 2011 und lässt den Zuhörer in fremde Traumwelten eintauchen, die auch beim zehnten Durchlauf des fast neunzigminütigen Doppel-Albums immer wieder neue Elemente zum Vorschein bringen. Eine gelungene Weiterentwicklung in Richtung Rock-Jazz-Fusion. „Tatsächlich“, so Wilson, „habe ich diesmal mit ein paar Jazz-Musikern gearbeitet, die Idee dazu stammt von meiner Arbeit an den Remixen der King-Crimson-Alben.“
Nils Petter MolvaerDer Jazz ist eine Welt, in der sich Nils Petter Molvжr bestens auskennt. War der Norweger bisher jedoch eher dafür bekannt, seine hauchzarten Trompetenklänge mit Elementen elektronischer Musik zu unterlegen, geht er auf seinem neuen Album „Baboon Moon“ nun einen erkennbaren Schritt in Richtung Rockmusik. Geholfen haben ihm dabei Madrugada-Drummer Erland Dahlen und Saitenmann Stian Westerhus, Mitglied der Post-Rockband Jagga Jazzist. Ein mächtiges, oft bewusst schleppendes Schlagzeug gibt den Ton an, E-Gitarren und Tieftöner, die ihren Namen auch verdienen, verdichten sich mit den sphärischen Bläserklängen von Molvжr zum ultimativen Soundtrack einer langen Autofahrt durch die Einsamkeit Skandinaviens. Schwer und kalt, umgeben von der Dunkelheit der Polarnacht, der Sonne entgegen, die am Horizont die erste Wärme des Frühlings verspricht. Selten wurden Tristesse und Hoffnung so schön verwoben und während Wilson durchaus auch gerne mal aufs Gaspedal tritt, verzichtet Molvжr gänzlich auf Up-tempo-Nummern. Er findet die Kraft eher in der relaxten Langsamkeit. Gemein haben die beiden Musiker das Interesse an Experimenten und dem Ausloten neuer Möglichkeiten – wie sie es jeder für sich umsetzen, kann man in Berlin an zwei Abenden hintereinander miterleben.

Text: Martin Zeising

Foto Steven Wilson: Lasse Holie

Nils Petter Molvжr, Postbahnhof, Fr 21.10., 20 Uhr, VVK: 23 Euro

Steven Wilson, Heimathafen Neukölln, Sa 22.10., 20 Uhr, VVK: 35 Euro

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