Konzerte & Party

Internationale Künstler in Berlin

Kat FrankieEs ist glühend heiß an diesem Samstagmittag im August. Die Sonne brennt auf dem Asphalt vor dem Stadtbad Wedding. Das Bad ist seit Jahren geschlossen, mittlerweile von Street Art bedeckt. 200 Meter weiter rattert die S-Bahn über die Hochbrücke, ein Brötchen-Discounter lockt mit dem Slogan: „Wir backen, du König“. „Mir gefällt der Grunge hier“, sagt Kat Frankie und lächelt. Die Songschreiberin mit australischem Pass ist vor Kurzem von Kreuzberg in den rauen Westbezirk umgezogen. Ihr alter Kiez, das Wrangelviertel, war der grazilen Frau mit dem Porzellanteint zu angesagt geworden. „Ich hab dort überall nur Leute englisch sprechen hören. Ständig hast du dieselben Gesichter gesehen, auf der Straße, in den Cafйs“. Der Wedding dagegen ist Neuland: spannender, findet die 32-Jährige, die einst in Sydney als Innenarchitektin arbeitete. Hier hat Frankie eine neue Wohnung gefunden – „schöner, größer, billiger“. In wenigen Tagen erscheint ihr zweites Album „The Dance Of A Stranger Heart“. Darauf versammelt die Sängerin mit der ruhigen tiefen Stimme reduzierten Noir-Folk um Gitarre, Piano oder Cello. Mit Antifolk, der Etikette, mit der sie oft bedacht wurde, hat das wenig zu tun. „Ich war auch vorher nie wirklich ‚Antifolk'“, findet sie. „Ich hatte nur kein Geld und hab meine Songs mit den Mitteln aufgenommen, die mir zur Verfügung standen.“ Für Kat Frankie ist Berlin mehr als nur eine Durchgangsstation. „Wäre ich noch in Sydney, müsste ich drei Jobs parallel haben. In Berlin geht es mit der Musik allein. Die Stadt erlaubt es mir, so zu leben, wie ich es will.“ Andererseits: „Berlin ist auch mächtig in sich selbst verliebt! Die Begeisterung von denen, die hier sind, strahlt nach außen. Und das zieht wieder neue Leute an.“
Und das nicht zu knapp. 20 Jahre nach der Wende wimmelt es in Ost- und Westberlin von Musikern aus allen Herren Länder. Zu den bekanntesten gehören Rock-Provokateurin Peaches, Travis-Sänger Fran Healy, Matt Tong von Bloc Party, Star-DJ Radio Slave alias Matt Edwards und Joe Jackson. Während Rufus Wainwright, Gonzales und Erlend Шye schon wieder fort sind, kamen andere nach: Musiker von Stereolab, Bonaparte, Mъm, Efterklang und der Bloodhound Gang; Songschreiber wie Daniel Kahn, Justine Electra und Jessie Evans. Bands wie Dъnй oder die Dukes Of Windsor zogen gleich geschlossen her. Sie befinden sich in allerbester Tradition: Zumindest Westberlin galt in den späten Siebzigern und Achtzigern als Refugium der kreativen Internationalen. Die Berlin-Liebe von Kurzzeit-Exilanten wie David Bowie, Iggy Pop und Nick Cave ist legendär.
Mittlerweile steuern Megastars wie R.E.M., Pet Shop Boys oder Scissor Sisters die Stadt auch ganz gezielt für Arbeitsbesuche an, um hochinspiriert von Clubleben oder Mauerresten ihre Alben im „Hansa by the wall“ einzuspielen, oder soviel Nächte wie möglich im Berghain zu verbringen, um zu Hause in New York vom wilden Club­leben träumen zu können.
Walter SchreifelsAndere jedoch lassen sich sehr viel intensiver auf ihre neue Heimat ein. Walter Schreifels etwa kennt den Reuterkiez wie seine Westentasche. Der New Yorker – mit Bands wie Rival Schools einer der umtriebigsten Köpfe der New Yorker Hardcore-Szene der Neunziger, betrachtet seine Teilzeitheimat mit dem faszinierten Blick des Außenstehenden. Besonders gefällt dem 41-Jährigen der „Lebensrhythmus“ in Berlin. „New York brummt fortwährend, was auch toll sein kann. In Berlin findest du dagegen leichter zu einer Langsamkeit.“ Das Gefühl „unendlicher Möglichkeiten“ und der Do-It-Yourself-Ethos in der Stadt faszinieren ihn. „Wenn Leute eine Geschäftsidee haben oder einen künstlerischen Traum, dann stellen sie’s auf die Beine. Andererseits ist Berlin auch eine faule Stadt. Hier leben, glaube ich, nicht wenige Künstler, die einfach abhängen und das Geld ihrer Eltern ausgeben.“ Die teuren Mieten in New York hätten da fast ihr Gutes. „Das spornt dich an, deine Arbeit auch wirklich zu erledigen.“
Auf ruhige Wochen in Berlin freut sich auch Joel Gibb. Der Kopf der Hidden Cameras ist gerade zurückgekehrt, nach einer Reihe Auftritte auf Sommerfestivals. In seiner Wohnung in Rixdorf steht erstmal nur eins an: „Schlafen!“, sagt der 33-Jährige mit einem Seufzer. Danach geht es für den Allround-Künstler wieder an die Arbeit; dann wird er vor allem mit bildender Kunst beschäftigt sein: Zeichnungen und Malerei sowie mit genähten Wandbildern aus Filz, die Gibb an Orten wie der Kreuzberger „Exile“-Galerie zeigt. „Kunst, Musik, Videos – das sind die Dinge, mit denen ich beschäftigt bin. Einen festen Job hatte ich seit 2002 nicht mehr“, sagt er zufrieden. Mit den Hidden Cameras wird er später im Jahr nochmal touren. Zuvor gibt er eine Stippvisite bei einer alten Bekannten aus Torontoer Zeiten: Peaches, die momentan eine Cabaret-Show im HAU vorbereitet. „Ich weiß noch nicht, was genau ich dabei zu tun habe“, sagt Gibb und nippt an seinem Rhabarber-Saft. „Aber egal, was es wird – ich freue mich sehr, dabei zu sein!“
Fran HealeyEs sind immer wieder dieselben Gründe, die Musiker nach Berlin ziehen: dass es hier nicht nur genug Raum für die Künste gibt, sondern vor allem Zeit. Zeit, die nicht für dreifache Brot-Jobs zum Mietezahlen draufgeht. Sondern Zeit, die die Muse beflügelt. Das war auch ein guter Grund für Fran Healy, 2008 mit Frau und Kind herzuziehen. Hier hat der Travis-Kopf gerade sein erstes Soloalbum eingespielt, buchte sich dafür ins ehrwürdige Hansa-Studio ein. „Ob es mein Berlin-Album ist? Das wäre ein schöner Gedanke. Ursprünglich wollte ich es ‚Heaven Over Berlin‘ nennen. Aber dann fiel meine Wahl auf ‚Wreckorder‘. Mir gefällt der Gedanke von Aufbau und Zerstörung, wie beides auf der Welt gleichzeitig vor sich geht.“ Wohl nirgendwo anders lässt sich der Prozess steter Veränderung besser erleben als in Berlin.

Text: Ulrike Rechel

Foto Walter Schreifels (Mitte): Heidi Hartwig

Foto Fran Healy (Unten): Jens Berger

Walter Schreifels, L.U.X. (Berlin Independent Night), Sa 25.9., 21 Uhr, VVK: 12 Euro

Kat Frankie, Festsaal Kreuzberg, Do 28.10. VVK: 11?Euro

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