Konzerte & Party

Interview mit Berthold Seliger

Berthold Seliger_Foto:Heiko_Laschitzkitip Ihr Spektrum umfasst Rock und Pop von Americana bis Ethno. Wo liegt da der gemeinsame Nenner?
Berthold Seliger David Thomas von Pere Ubu stand mal vor einem Coca-Cola-Soundwave-Plakat und hat aus voller Brust gesagt: „So was würde ich nie machen.“ Ich wiederum würde ihn niemals vertreten, wenn er so was macht. Ain’t singing for Pepsi, ain’t singing for Coke. Also das ganze Gegenteil von dem, was derzeit im Konzertbereich den Ton angibt. O2 kommt für mich nicht in Frage, denn abgesehen von den Brandmarks, denen die Musik doch vollkommen egal ist, ist es dort unglaublich steril. Meine Musik soll Emotionen transportieren und das Leben der Menschen bereichern. Dissidenz und Melancholie ist das Zauberwort, also Gesellschaftskritik und Trost.

tip Calexico spielen inzwischen in der Columbiahalle.
Seliger Man kann nicht ernsthaft gegen Erfolg sein. Und unter uns – Calexico wollten dort nicht hin, da musste ich richtig kämpfen. Es hat ihnen dann gefallen, aber andere Hallen kämen nicht in Frage.

tip Und die Ticketpreise liegen zwischen 20 und 30 Euro, in den Arenen hingegen ist unter 50 Euro nichts zu haben.
Seliger So ist der Kapitalismus, Nachfrage bestimmt den Preis. Es ist aber auch eine Frage der Bands und ihres Managements. Calexico sagen: Tickets dürfen nur bis zu einer bestimmten Summe kosten. Ist das einer Band egal, geht der Veranstalter nach dem Marktwert, und entsprechend teuer sind die Tickets. Anders, als sie gern behaupten, haben Bands einen maßgeblichen Einfluss auf die Preise. Allerdings kommt das Geld nur zum Teil beim Künstler an. Bei Patti Smith kostete das Ticket 38 Euro, wurde aber über CTS mit über 50 Euro veranschlagt. Mehr als der Veranstalter verdient auf jeden Fall CTS, obwohl die das geringste bzw. gar kein Risiko haben.

tip
Können Sie die Beobachtung bestätigen, dass zwar keine Tonträger mehr verkauft werden, die Leute aber hungrig in Konzerte laufen?
Seliger Das ist Unsinn. Es stimmt, dass Großkonzerte funktionieren – die ziehen Massen. Aber da, wo ich aktiv bin, ist es wie immer. Ich freue mich, wenn Lambchop oder Tortoise mit komplizierter Instrumentalmusik in die Charts gehen, aber wenn Ben Weaver ganze 60 Leute zieht, muss ich kämpfen wie eh und je. Sorgen macht mir, dass der Interessenkreis für anspruchsvolle Popmusik altert. Dass man sich nicht mehr so stark über Musik definiert, merke ich besonders am Wegbrechen der Unistädte. Marburg, Tübingen, Gießen – dort gibt es quasi keinen Konzertmarkt mehr.

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Interview: Christine Heise

Foto: Heiko Laschitzki 

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