Konzerte & Party

Interview mit dem Pianisten Francesco Tristano

Francesco_TristanoSein aktuelles Album „Long Walk“, das beim Konzert am 19. November in der Philharmonie im Zentrum steht, illustriert Musikgeschichte: Johann Sebastian Bach begab sich zu Fuß aus Arnstadt nach Lübeck, um dort von seinem Idol in Kompositionslehre unterrichtet zu werden. Diesen Einfluss legt Tristano mittels Stücken des norddeutschen Barockkomponisten und Bachs „Goldberg-Variationen“ offen.

Der Titel Deines Albums „Long Walk“ bezieht sich auf den Weg, den Johann Sebastian Bach zu Dietrich Buxtehude zurückgelegt hat.  400 Kilometer zu Fuß aus Thüringen nach Lübeck. Zu wem würdest du denn so eine Distanz  zurücklegen?
Das ist eine gute Frage. 400 Kilometer muss man erst einmal schaffen. Mein Opa ist nach dem 2. Weltkrieg von Luxemburg mit dem Fahrrad nach Hause gefahren, das waren auch 400 Kilometer. Ich kenne niemand, der heutzutage auch nur annähernd so eine Strecke zurücklegt. Aber zu wem würde ich gehen? Sicherlich zu einem Schriftsteller oder Philosophen.

Magst Du Namen nennen?
Meine Lieblingsschriftsteller sind alle tot. Ich wäre bestimmt zu Thomas Bernhard gegangen. Das wäre eine längere Reise gewesen, da er in Oberösterreich gestorben ist. Das wären dann über 1000 Kilometer gewesen.
 
Was imponiert Dir an Bernhard?

Seine Sprache erinnert an Musik! Er hat eine ganz eigene Verwendung der Syntax. Ein Satz bei Bernhard dauert bisweilen über vier und fünf Seiten. Ich habe schon einmal den ganzen Bernhard gelesen, aber ich gehe dann immer wieder zurück und lese nochmal einige Werke. Manches erscheint ja posthum.

Stellt Bach für Dich so den Bernhard in der Musik dar? Immerhin gab es  „Bachcage“ (2011) und jetzt das aktuelle Album, das  Buxtehude, Bach und Tristano beinhaltet.
Das ist schwer zu vergleichen. Bernhard war in der Literatur ein Einzelfall. Es gibt keinen Nachfolger, es sei denn, man redet von Elfriede Jelinek. Und auch dann finde ich das irgendwie nicht berechtigt. Bach hingegen war kein Outsider, im Gegenteil. Er hat viel für die Kirche gearbeitet, er war gut connected und kannte sich auch mit der Musik im Ausland hervorragend aus. Obwohl er Deutschland nie verlassen hat, war ihm die italienische Musik sehr bekannt, ebenso die englische Musik.

Seine Reise nach Lübeck klingt nun aber weniger angepasst an die damalige Zeit.
Das war ein Outsidersprung, den er weder groß geplant noch angekündigt hat, weder Buxtehude noch seinem Arbeitgeber. Als er zurückkam, stand er unter Hausarrest, weil er sich nicht abgemeldet und da ein paar Monate bei Buxtehude gehaust hat.

Welche Parallelen sind Dir in der Musik zwischen Buxtehude und Bach aufgefallen?
Ich bin ein großer Bach-Fan und habe, seit ich Klavier spiele, immer Bach spielen wollen. Als ich dann auf Buxtehude aufmerksam wurde, erkannte ich, dass es ohne Buxtehude den Bach nicht gäbe, oder wenigstens nicht in der Form, wie wir ihn heute kennen. Insofern stellt die CD zu einem gewissen Grad auch eine didaktische Arbeit dar. Es ist interessant zu sehen, wie Buxtehude auf einem Volkslied aufbaut, während Bach wiederum Buxtehude weiterführt. Das funktioniert wie ein Remix. Musik entsteht nie isoliert, sondern reagiert unmittelbar die Zeit

Remix ist ein gutes Stichwort.  Du giltst als Grenzgänger zwischen moderner elektronischer Musik und der Klassik.
Grenzen in der Musik existieren nur, wenn man sie wahrnehmen möchte. Daher habe ich auch nie bewusst den Versuch unternommen, zwei Welten zusammenzubringen. Es ist einfach so, dass ich ein Pianist bin, der elektronische Musik macht und dann ist es natürlich ein Hybridfall und das kann man dann nicht nur in einer Facette ausdrücken. Das heißt, der Konzertsaal ist wichtig, aber der Club ergänzt das und andersrum auch. Das Publikum ist jetzt viel offener und auch das Spektrum breiter als vor zehn oder fünfzehn Jahren.  

Mit welcher Art elektronischer Musik bist du groß geworden?
Ich glaube, die allerersten elektronischen Klänge, die ich wahrgenommen habe, waren  Pink Floyd, Tangerine Dream, Kraftwerk und teilweise, Jean Michel Jarre.  Musik, die meine Mutter zu Hause aufgelegt und gehört hat. Das heißt, als ich dann in Kontakt mit Clubmusik kam, waren diese Klänge mir schon vertraut. Aber ich verstand nicht die Struktur und die Ästhetik. Das hat mich dann fasziniert, der Minimalismus und wie man einen elektronischen Sound generiert, sodass  ich sofort loslegte zu produzieren, nachdem ich mir Plattenspieler gekauft hatte.

Du kennst die Clubkultur zahlreicher Städte. Lange hast Du in New York gelebt, jetzt in Barcelona, während Du in Riga und Paris studiert hast und Berlin sehr gut kennst.
Berlin besitzt eine der besten Szenen, die leider kommerzieller wurde. Ibiza hat natürlich auch eine sehr wichtige Saison, die zwar nur halbjährig dauert. Außerdem finde ich Tokio super. Dort existiert ein sehr lebendiger Underground. Aber in  Berlin bin ich immer wieder erstaunt, wie viel tatsächlich los ist.

Welche Clubs hast Du denn ins Herz geschlossen?
Vor Kurzem hatte ich mit Brandt Brauer Frick ein Projekt im Horst Krzbrg und dann ein Projekt im Farbfernseher, sehr eng. Erstaunlich, wie viele Menschen in so eine kleine Bar passen. Tolle Energie.

Von den Clubs mal abgesehen, welche Orte schätzt Du in Berlin?
Ich kenne Berlin seit Mauerzeiten. Ich war oft mit meiner Mutter hier, weil viele Freunde in West-Berlin wohnten. Es hat sich natürlich wahnsinnig viel verändert und meine Stützpunkte sind nicht mehr in Charlottenburg, sondern eher in Kreuzberg, Friedrichshain und teilweise auch Prenzlauer Berg.  Berlin ist eine Stadt, deren Gesicht sich jedes Jahr ganz neu definiert. Unglaublich dynamisch.

Ist denn Ost und West für Dich noch sichtbar in der Stadt?
Schon ein bisschen, aber auch weil ich es sehen will, weil es so eine geschichtsgeladene Stadt ist. Daher ist die Uniformisierung, wie sie jetzt in Mitte passiert, schade. Ob Mitte, Paris, London oder New York – es sind die gleichen Geschäfte, der gleiche Style. Das ist eine der traurigen Facetten der Globalisierung. Die Innenstädte verlieren ihre Identität.  

Ist das so ein Phänomen, das Du überall auf Deinen Tourneen wahrnimmst.
Natürlich. Es gibt auch Ausnahmen, aber zum Beispiel New York hat in den Jahren zwischen 1998 und 2003 total in diese Richtung entwickelt. Manhattan sieht eigentlich aus wie Mitte, alles Luxus und kommerziell, und touristisch. Barcelona ist auch sehr touristisch geworden, in einige Stadtteile gehen die Einheimischen gar nicht mehr hin, weil es hat gar keinen Sinn macht, das ist wie Zirkus – ein riesiges Spektakel. Was in Berlin aus der Reihe fällt: Warum gibt es so viele Autohändler im Zentrum? Alle anderen Hauptstädte haben die Autohändler am Rande der Stadt, aber nicht im Zentrum. Unter den Linden hingegen? Wahrscheinlich waren das damals billige Flächen und da haben die zugegriffen, aber das macht dann auch eine Stadt, oder für mich zumindest, weniger zugänglich, wenn man dann so Konzerne hat, die das Stadtzentrum so okkupieren.

Was bedeutet denn für Dich Heimat? Du bist in Luxemburg geboren, hast an fünf verschiedenen Orten studiert, lebst jetzt in Barcelona. Wie würdest Du Heimat definieren?
Mein Koffer. Nein, ich fühle mich zwar nicht überall zu Hause, aber an sehr vielen Orten und das ist vielleicht auch etwas, dass ich von meiner Mutter habe, weil sie auch etwas vom Nomadismus geprägt ist. Sie ist sehr viel gereist und hat mich immer mitgenommen. Das heißt, die Freunde meiner Mutter sind jetzt meine Freunde und deren Kinder natürlich auch. Ich bin in vielen Städten schon als kleines Kind gewesen, aber ich bin immer wieder froh, wenn ich hier bin, es ist sehr inspirierend und gibt viel Energie.

Interview: Ronald Klein, Mitarbeit: Hanna Falkenstein 

Foto: Americ Giraudel

Francesco Tristano, 19. November, Philharmonie

Mehr über Cookies erfahren