Konzerte & Party

Interview mit dem Pianisten Martin Tingvall

Martin_TingvallUdo Lindenberg lobte Dich als „Edvard Grieg des Jazz“. Auf Deinem Solo-Album schlägst Du jedoch ganz andere Töne an. Wie kam es zum Entschluss, eine reine Piano-Platte aufzunehmen?
Neben der Jazz-Formation, dem Martin-Tingvall-Trio, spielten Solo-Konzerte, die ich am Piano bestreite, immer eine große Rolle. Jedoch fehlte mir ein entsprechendes Programm. So entstanden die Songs, die auf dem Album „En ny dag“ zu hören sind. Außerdem gab es einen entscheidenden Einschnitt in meinem Leben, ich wurde Vater. Etliche Songs entspringen den unterschiedlichen Stimmungen, die der Familienalltag mit sich bringt.

Die Platte „En ny dag“ enthält verschiedene Stimmungen eines Tages.
Genau. Ich habe viele Anekdoten gesammelt und daraus einen fiktiven Tag zusammengestellt, der die unterschiedlichen Stimmungen vereint.

Auf dem Cover spazierst Du durch einen Birkenwald. Steckt eine tiefere Bedeutung dahinter? In der Mythologie gilt die Birke als Baum des Schutzes resp. als Frühlingsbringer.
Wow, das klingt cool. In der Tat steckt aber keine tiefere Bedeutung dahinter. Man sieht, dass ich in Bewegung bin, ich laufe durch den Wald. Was man leider nicht sieht, dass ich direkt auf einen wunderschönen Strand zulaufe, der sich an den Wald anschließt. Meer und Wald symbolisieren für mich die Natur, die mir ebenfalls als Inspirationsquelle sehr wichtig ist. Das Foto wurde übrigens in Südschweden aufgenommen.

Apropos Schweden, einer der Songtitel heißt übersetzt „Hissen der schwedischen Flagge an Midsommar“. Welche Gefühle sind denn damit verbunden?
Midsommar ist ein wichtiges Fest, das die kürzeste Nacht im Jahr zelebriert. Freunde und Familie kommen zu einer riesigen Sause zusammen. Das bedeutet mir sehr viel. Das Hissen der Flagge, nun ja, es muss nicht die schwedische sein… Ich bin zwar gern Schwede, aber man sollte den Stolz auf eine Nation nicht übertreiben. Von mir aus kann auch die Flagge von St. Pauli gehisst werden. In der Tat machen das Freunde von mir, da weht dann die Freibeuter-Flagge. Das gefällt mir, man sollte das alles nicht so ernst nehmen.

Du lebst seit vielen Jahren in Hamburg, hast davor in Malmö Musik studiert. Das dortige Malmö Opera och Musiktheater ist über die Landesgrenzen hinaus berühmt und es gibt auch eine lebendige Metal-Szene, wie anscheinend in zahlreichen schwedischen Metropolen. Wie ist es denn dort um den Jazz bestellt?
Sehr bescheiden. Die dortige Jazz-Szene ist sehr konservativ. Ich war da auch nicht besonders involviert, weil ich bereits während meines Studiums viel im Ausland gastiert habe. Das fand ich sehr befruchtend. Als ich dann graduierte, bin ich sofort nach Hamburg gezogen.

Und hast dort Udo Lindenberg kennenlernt, für den Du mittlerweile komponierst.
Ja. Das ergab sich ganz zufällig. Ich kam an einem Freitagabend erschöpft nach Hause. Ein befreundeter Ton-Ingenieur rief mich an und fragte, was ich morgen vorhabe. Ausschlafen, antwortete ich. Doch das klappte nicht, denn er hatte mich eingeplant, Udo Lindenberg kennenzulernen. Ich hatte von ihm schon mal gehört, konnte mir aber unter der Musik nichts vorstellen, also kaufte ich mir ein Best-Of-Album und hörte mich rein. Als ich am Nachmittag Udo vorgestellt wurde, sprang sofort die Sympathie über. Die Kompositionen für ihn waren gar keine Auftragsarbeiten. Ich hatte das Gefühl, dass die Musik zu ihm passen könnte, und er sah es glücklicherweise genauso.

Muss man Til Schweigers Filme mögen, um für ihn Musik zu kreieren?
Nein, das muss man nicht. Ich hatte den Song, der in „Zweiohrküken“ vorkommt, schon vorher aufgenommen. Aber ich mag Filmmusik. Für die WDR-Produktion „Das Jahr des Drachen“ habe ich den gesamten Soundtrack erarbeitet

Interview: Ronald Klein

Martin Tingvall, 9. Dezember, 20 Uhr, Roter Salon

Mehr über Cookies erfahren