Queer Pop

„Fuck Them!“ – Interview mit der Pop-Band Years & Years

Die Years & Years sind die einzige Charts-Pop-Band mit offen schwulen Texten. Wir haben die Band getroffen, um über Androiden, queeren Pop und Depression zu sprechen

Universal Music International

Eure beiden neuen Video-Clips zu den Singles „Sanctify“ und „If You’re Over Me“ spielen in einer Phantasiewelt namens Palo Santo, wie ja auch das neue Album heißt. Diese Welt ist voller Androiden. Wie kamt ihr darauf? Haben euch Science-Fiction-Literatur und –filme inspiriert?

Olly Alexander: Absolut! Ich liebe Science Fiction schon ganz schön lange. Eines meiner Lieblingsbücher ist „Oryx und Crake“ von Margaret Atwood. Darin wird eine neue Spezies erschaffen, aus genetisch veränderten Menschen. Verblüffenderweise werden dann gerade diese Wesen mit der Zeit umso menschlicher. Nun ja, jedenfalls denke ich sehr gerne darüber nach, was wohl alles in Zukunft noch passieren könnte. Wir lieben Science Fiction, zum Beispiel den Film „Das fünfte Element“, „Star Trek“, „Star Wars“.

Star Trek! Habt ihr denn auch an den Androiden Data gedacht, dessen größter Wunsch es ist, menschliche Gefühle zu verstehen?

Olly Alexander: Oh, ich liebe Data! Jungs, warum haben wir, bevor das Album rauskam, nicht noch viel mehr über Data gesprochen? Unsere Androiden-Welt erinnert mich schon sehr an Data.

Emre Turkmen: Er ist bei weitem die am besten entwickelte Figur!

Michael Goldsworthy: Ich finde auch die Figur aus „Alien“ toll, die von John Hurt gespielt wird.

Olly Alexander: Ich muss gerade noch an Seven of Nine aus „Star Trek: Voyager“ denken. „Alien“ hab ich mir nie angeschaut.

Michael Goldsworthy: Waaaaaaaaaaas?!

Olly Alexander: Ich weiß.

Emre Turkmen: Bei „Voyager“ gibt es neben Seven auch noch den Hologramm-Doktor, der menschliches Empfinden besser verstehen möchte.

All diese Figuren sind keine Menschen, aber sie wollen verstehen, was uns ausmacht.

Emre Turkmen: Witzig, oder? Wenn sich Menschen Androiden ausdenken, nehmen sie fast automatisch an, dass diese Androiden das Menschliche verstehen wollen. Ganz schön anthropozentrisch, nicht?

Michael Goldsworthy: Stimmt. Ich könnte mir auch vorstellen, dass Androiden sich einen Dreck drum scheren, was mit uns Menschen ist.

Olly Alexander: Aber immerhin bauen wir Androiden ja grob nach unserem Ebenbild. Sie sind keine x-beliebige künstliche Intelligenz. Wir bauen sie gezielt so, dass sie uns ähneln. Warum eigentlich? Es gibt doch schon sehr viele Menschen. Vielleicht könnte eine künstliche Intelligenz auch in eine ganz andere Richtung streben. Aber das wiederum macht uns dann Angst: Was werden die dann mit uns anstellen?

Spannende Fragen. Und wie habt ihr eure Welt namens Palo Santo dann kreiert? Fing das an, als ihr Kinder wart? Oder erst kürzlich?

Olly Alexander: Auf eine Art schon seit ich noch ein Kind war. All die Dinge, die mich schon als Kind beschäftigten; alles, was mich angezogen hat – all das findet sich auch wieder jetzt in Palo Santo. Gewissermaßen war das also lang in meinem Kopf; es hat bloß eine Weile gedauert, bis all das zusammengebaut habe.

War ein Teil von Palo Santo dann trotzdem schon ein Schutzraum für dich, als du noch auf der Schule warst und schlimm gemobbt wurdest?

Olly Alexander: Oh! Also, meine Phantasie war sicher immer schon ein Safer Space für mich. Ich war schon immer so ein Tagträumer, hab Geschichten erträumt und auch aufgeschrieben. Joa. Ist jemand von euch so lieb und gibt mir ein Mineralwasser?

Emre Turkmen macht eine Flasche auf und reicht sie Olly Alexander.

Olly Alexander: Dank dir!

Der Name Palo Santo kommt ja vom magischen, heiligen Holz aus Südamerika. Eine psychoaktive Substanz. Schwebte euch das auch im Kopf, als ihr dem Album diesen Namen gabt?

Olly Alexander: Ohja! Als ich großwurde, habe ich mich auch schon sehr für Spirituelles begeistert. Obwohl ich nicht religiös bin. Sorry, das ist jetzt ne langweilige Antwort, aber ich habe mich durch die Archive von Tony Oursler gewühlt…

… dem Multimediakünstler…

Er sammelt schon sein ganzes Leben lang Paranormales, vom 19. Jahrhundert an bis in die Gegenwart hinein. Besonders die Objekte aus dem Victorianischen Zeitalter finde ich spannend. Ihre Faszination für Technik ähnelt in vielen Punkten der unseren, meine ich. Ja, das brachte mich auf Gedankenexperimente wie: Was wäre, wenn Androiden glauben, dass Magie real sei?

Fühlst du dich eigentlich bedroht durch diese Androiden? In den beiden Clips wirken sie recht ambivalent, sie nutzen dich als Entertainer, einer fesselt dich, wenn auch nicht grob bösartig.

Olly Alexander: Manchmal bisschen. Aber nicht so sehr. Ich glaube im Großen und Ganzen, dass Probleme durch Menschen entstehen. Deshalb denke ich über sie sehr viel negativer als über diese Androiden.

Und du genießt es, sie zu entertainen.

Olly Alexander: Ich glaube schon. Aber man kann etwas ja auch lieben und es trotzdem ambivalent empfinden. Wenn das Sinn ergibt?

Ich hatte beim Zuschauen Bedenken, ob die Androiden böse sind. Aber dann werden sie doch sehr wohlwollend in Szene gesetzt.

Olly Alexander: Ja, gut! Ich mag es mehrdeutig, immer. So spielt das Leben.

In einem Punkt seid ihr allerdings überhaupt nicht mehrdeutig, sondern sehr eindeutig: Du singst als Mann über Liebe zu anderen Männern. Wie wichtig ist das mit den Pronomen? War das ein Risiko beim ersten Album „Communion“ von 2015? Außer Troye Sivan und euch traut sich das im jungen Charts-Pop ja niemand.

Olly Alexander: Wir haben das ohne Fanfaren getan. Wir haben es einfach gemacht. Ich persönlich hatte definitiv auch Angst davor, denn ich habe ein bisschen Scham verinnerlicht – darüber, schwul zu sein. Das war schon eine Hürde. Ich hab versucht, nicht allzu viel darüber nachzudenken. Und dann wurde es doch ein großes Ding – eben deshalb, weil in der Popmusik nach wie vor kaum über gleichgeschlechtliche Liebe gesungen wird. Da gibt es einen Mangel. Deshalb versuche ich nun, umso mehr davon zu geben. Und wann immer ich bisschen Angst davor hatte, wollte ich es gerade deshalb umso mehr. Das ist geradezu Benzin aufs Feuer, weißt du?

Haben dich denn Leute in der Musikindustrie gewarnt, nicht so offen schwul zu sein?

Olly Alexander: Vorbehalte und Zurückhaltung gab es auf jeden Fall. Ich weiß, dass manche Leute glauben, dass nur Gays etwas mit einer gleichgeschlechtlichen Liebesgeschichte anfangen könnten. Ich persönlich glaub das nicht, also: fuck them! (lacht) Ich bin Songwriter, niemand könnte mich je dazu zwingen, meine Texte gegen meinen Willen abzuändern.

Und wie geht euch das, dem heterosexuellen Teil der Band?

Michael Goldsworthy: Stimmt, wir sind hetero. Und, ja, man kann sich doch wohl zu schwulen Liebesgeschichten in Beziehung setzen. Ich kann damit jedenfalls was anfangen.

Emre Turkmen: Schwieriger stelle ich mir Coming-Outs bei Schauspielern vor. Viele Leute haben dieses Bild, dass sie einen Schauspieler, der sich outet, nicht mehr glaubwürdig in einer romantischen Komödie mit einer Frau fänden. Ich würde nicht so denken. Aber wenn man in London oder Berlin lebt, vergisst man allzu leicht, dass Leute noch so ticken. Leute haben diffuse Angst vor etwas, bis es dann eben geschieht. Plattenlabels sind da auch nicht anders. Aber für Michael und mich war das nie ein Ding, dass Olly schwul ist.

Es sollte ja auch kein großes Ding sein. Aber wenn man sich jungen Charts-Pop anhört, gibt es da an schwulen Sängern eigentlich nur Sam Smith, Troye Sivan und Olly Alexander.

Emre Turkmen: Ziemlich cool, dass wir dabei sind, oder? Und all das geschah erst in den letzten paar Jahren. Ich glaube, da passiert gerade was. Zumindest in unserer kleinen Ecke der Welt.

Aber selbst Sam Smith, der sich geoutet hat, singt fast nie deutlich über Männer. Er macht es Heteros maximal einfach.

Emre Turkmen: Das hat er so entschieden. Er muss es nicht anders machen.

Olly Alexander: Finde ich auch. Wir erleben gute Zeiten für queere Artists in dem Sinne, dass ein paar Leute den Durchbruch gepackt haben. Aber drei junge, kommerziell erfolgreiche Künstler bilden noch keine soziale Bewegung. Und wir haben es ja mit einer so diversen Community zu tun. Da muss noch viel passieren im Pop, um das angemessen zu repräsentieren. Wenn wir jetzt darüber sprechen, ob Sam Smiths Texte explizit genug sind oder nicht, laden wir ganz schön viel Verantwortung auf seine Schultern. Weil es so wenige Künstler gibt, die out sind. Er ist aber nicht verpflichtet, all das allein zu stemmen. Ich hoffe, er singt einfach, wonach er sich fühlt.

Emre Turkmen: Ich denke, es geht um Sichtbarkeit und Möglichkeiten. Natürlich gab es immer schwule Popmusiker, darunter die besten aller Zeiten.

Freddie Mercury. Doch er hat sich nie geoutet, sondern seinen Lover versteckt.

Emre Turkmen: Exakt! Gerade verschiebt sich etwas in die richtige Richtung.

Geht ihr auf CSDs?

Emre Turkmen: Ja, wie viele Heteros. Ich war dort schon als Teenager, als es sich noch viel nischiger anfühlte. In New York und Toronto sind sind wir bei den Prides auch schon aufgetreten.

Angeblich haben Lady Gaga, Prince und David Bowie euer Album „Palo Santo“ inspiriert. Gaga finde ich klanglich sehr plausibel. Aber die andern beiden?

Olly Alexander: Da geht es mir mehr um ihren Spirit, ihre Charaktere. Sie waren so wagemutig, an Orte zu gehen, vor denen viele andere zurückgeschreckt wären. Sie hatten keine Angst vor Kontroversen. Außerdem haben Prince und Bowie Spekulationen über ihre Sexualität entfacht. Das inspiriert mich persönlich. Aber du hast recht, musikalisch sehe ich da auch keinen direkten Zusammenhang zu uns. Obwohl, Prince, vielleicht Prince.

Wie haltet ihr es mit den Pet Shop Boys und mit Hot Chip?

Olly Alexander: Wir lieben sie!

Emre Turkmen: Ja, wir lieben Hot Chip und die Pet Shop Boys auch. Wir haben die Pet Shop Boys kürzlich getroffen und sogar mit ihnen gearbeitet. Wir werden vielleicht bald was rausbringen oder auch nicht, wer weiß. Ach, die sind toll! Das fand ich schon als Kind. Wenn man sie trifft, sind sie das Gegenteil von dem, was man erwarten würde. Auf der Bühne ist Neil Tennant ja der Showmaster, während Chris Lowe hinter seinen Synthies nie was sagt. In echt ist es geradezu umgekehrt.

Olly Alexander: Und sie haben immer so tolle Storys auf Lager. Legenden!

Emre Turkmen: Sie haben ja mal mit Dusty Springfield gearbeitet für den Song „What Have I Done to Deserve This?“

Olly Alexander: Sie war bisexuell!

Emre Turkmen: Echt, das wusste ich nicht. Jedenfalls ist das einer meiner liebsten Songs aller Zeiten. Wow! Was war die Frage?

Mich interessiert, inwiefern euch solche Bands inspirieren, die melancholische Tanzmusik machen.

Emre Turkmen: Wir lieben Hot Chip. Aber ich finde unser neues Album weniger Dance, mehr Pop. „Communion“ hatte wohl mehr Club-Vibes. Davon abgesehen: Man kann von jemandem inspiriert sein, ohne ihn zu kopieren. Wir haben ja aber noch viel mehr Musik gemacht, und längst nicht alles ist auf dem Album gelandet. Vielleicht kommt ja noch was nachträglich, das mehr hotchippy klingt.

Ist das ein Konzept bei euch, dass ihr oft tanzbar und doch auch traurig klingt? Im Club merken manche vielleicht erst mal gar nicht, wie traurig eure Songs im Grunde sind.

Olly Alexander: Ja, wie bei den Pet Shop Boys. „It’s a Sin“! Oder bei Frankie Goes to Hollywood.

Emre Turkmen: Mir würde aber auch kein großer Pop-Song einfallen, bei dem das anders wäre. Trojanische Pferde! Wie bei Madonna: „Like a Virgin“. „Like a Prayer“.Die Melancholie macht diese Lieder groß. Ohne sie …. landet man bei „Cotton Eye Joe“. (lacht)

Olly Alexander: Selbst „Believe“ von Cher ist melancholisch.

Michael Goldsworthy: Und sogar „I’m blue, da ba dee da ba daa“. Blue im Sinne von: Ich bin traurig, ich bin ein anderer und nicht normal. Jeder gute klassische Popsong hat etwas intus, das man nebenbei im Supermarkt leicht überhört.

Ist das nicht auch bisschen fies, Leute in eure Trojanischen Pferde, eure Songs, zu ziehen?

Emre Turkmen: Vielleicht sollten wir den Vergleich nicht so wortwörtlich durchziehen. Wir kommen ja nicht am Ende raus und bringen alle um. (lacht) Unsere Message ist Liebe und Frieden.

Olly Alexander: Peace and Love! (singt)

Emre Turkmen: Aber mal ehrlich: Wer lässt ein großes Pferd bei sich rein? Selbst schuld, irgendwie.

Ist aber auch leicht, das nachträglich so zu sagen.

Emre Turkmen: Die Leute waren ja auch alle erst Anfang 20. Kaum jemand ist so alt geworden wie wir heute. Vielleicht ist das Ding mit dem Trojanischen Pferd auch: Wir können der Schönheit nicht widerstehen. Und es geht nichts über einen Song, der schön und auch schön traurig ist.

Olly Alexander dehnt sich ausgiebig.

Olly Alexander: Sorry, wir haben im Bus übernachtet.

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Olly Alexander

Keine Sorge.

Emre Turkmen: Ich liebe traurige Akkordwechsel. Das gibt Tiefe.

Olly Alexander + Michael Goldsworthy: Ohja!

Olly, du sprichst inzwischen auch sehr offen über Depression. Das finde ich bewundernswert.

Olly Alexander: Dankeschön!

Das ist ja ein ziemliches Tabu-Thema.

Olly Alexander: Ich habe damit angefangen, weil ich in der Therapie gelernt habe, dass das meistens hilft, über das zu sprechen, was man gerade durchmacht. Und auch in meinem Privatleben bin ich aufrichtig mit meinen Gefühlen. Ich hatte Ängste und Depressionen, so viele Jahre lang, dass ich schließlich mal öffentlich drüber sprechen wollte. In den Songs geht es ja auch um meine Erfahrungen, also war das sowieso schon naheliegend. Ich hätte ehrlich gesagt gar nicht gedacht, dass das so ein großes Ding wird. Aber der Fakt, dass es das tat, hat mich weiter ermutig, das offen anzusprechen. Es ist offensichtlich ein Thema, das noch viel Gespräch erfordert.

Das wird sicher vielen helfen, die sich ansonsten nicht trauen würden. Gerade junge Menschen.

Olly Alexander: Das ist das Ding! Wenn jemand etwas von sich preisgibt, ist auch das Gegenüber eher dazu bereit, etwas preiszugeben. Offenheit führt zu noch mehr Offenheit.

Konzert auf dem Lollapalooza Berlin: Olympiastadion, Main Stage 1, Sa 8.9., 15:15-16:15 Uhr, Festivalticket 139 €, Tagesticket 79 €

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