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Interview mit Filmmusik-Dirigent Frank Strobel

Interview mit Filmmusik-Dirigent Frank Strobel

tip Herr Strobel, Sie gelten als „Filmmusik-Papst“ und müssen es also wissen: Haben die besten Filme auch grundsätzlich die beste Filmmusik?
Frank Strobel Nein! Hitchcocks „Die Vögel“ hat überhaupt keine Filmmusik, nur ein Sound-Design. Ich kenne gute Filmmusiken, zum Beispiel von „Lord of the Rings“, die im Konzertsaal längst nicht so gut zur Geltung kommen wie im Film. Alles was Peer Raben für Fassbinder komponiert hat, funktioniert super im Film, kann mich aber im Konzertsaal nicht wirklich überzeugen. Sie brauchen die Reibung mit dem Bild.

tip Sie engagieren sich besonders für Stummfilme und führen Stummfilmmusik häufig mit Sinfonieorchestern auf. Können die das überhaupt gut spielen?
Frank Strobel Inzwischen können sie es sogar ganz ausgezeichnet. Filmmusik und sinfonisches Repertoire sind im Grunde genommen der gleiche Topf. Noch besser funktionieren nur Opernorchester, weil sie über eine noch höhere Flexibilität im Umgang mit dem Tempo verfügen.

tip Stummfilme gelten als anstrengender als Tonfilme. Warum ist das so?
Frank Strobel Sind Sie sicher, dass das so ist? Ich glaube, Stummfilme sind nur im Fernsehen anstrengend. Nicht im Kino! Die Musik macht Stummfilme stringenter – und leichter konsumierbar. Der Musik folgt auch das Tempo des Films. Ich bin mir allerdings sicher, dass sich die Regisseure damaliger Meisterwerke im Grabe umdrehen würden, wenn sie sähen, dass ihre Filme heute zu langsam abgespielt werden. Das geschieht keineswegs so, wie es gedacht war.

tip Meinen Sie damit, dass die Zeitraffer-Ästhetik, die bei Stummfilmen heute wie eine Karikatur wirkt, Absicht war?
Frank Strobel Gewiss! Wir sehen Stummfilme heute zu langsam. Mit gemeinhin 18 Bildern pro Sekunde. Dabei gehen wir von einem Realitätsempfinden aus, das vom Tonfilm geprägt wurde. Wir betrachten Bewegungen, die zu schnell erfolgen, als unnatürlich. Nur: Die schnellere Bewegung war ein Stilmitel der damaligen Zeit. Man wollte sie, um eine größere Flüssigkeit zu erzeugen. Außerdem diente es burlesken Effekten.

tip Das bedeutet, dass wir heute einem Realismus-Missverständnis des Stummfilms aufsitzen?
Frank Strobel Ganz genau. Der Punkt ist: Film, zu Zeiten des Stummfilms, war nicht als reales Abbild unserer Welt gedacht. Sondern als etwas Künstliches. Das ist der Grundirrtum, dem wir heute zumeist unterliegen.

tip Die Schnelligkeit, mit der ein Film abgespielt werden soll, müsste sich doch an der Filmmusik ablesen lassen, deren Tempounterschiede sich in relativ engen Grenzen halten?
Frank Strobel Das ist auch so. Die Musik gibt das Tempo vor. Und dieses Tempo ist relativ unbestechlich. Genau das war für uns bei „Metropolis“ einer der entscheidenden Knackpunkte. Im Drehbuch von Thea von Harbou, das sich im Nachlass des Komponisten fand, sind die Meterzahlen und Sekunden jeweils genau vermerkt. Daraus folgt: „Metropolis“ wurde eigentlich noch weit schneller abgespielt als ihn heute jemals jemand gesehen hat.

tip Viele große Stummfilme gehören stilistisch zum Expressionismus – und hatten expressionistische Schauspieler wie Max Schreck, Conradt Veidt und Werner Krauss als Protagonisten. Ist auch die Filmmusik expressionistisch?
Frank Strobel Nein. Bei der Filmmusik in Deutschland gibt es zwei Hauptströmungen. Die Keimzelle der einen liegt in der Spätromantik, bei Richard Wagner und Konsorten – wie Richard Strauss, aber auch Franz Schreker, Alexander von Zemlinsky und Siegfried Wagner. Dazu gehört auch auch Giuseppe Becce, der die „Filmmusik“ zu Murnaus „Tartüff“ geschrieben hat. Man blieb innerhalb der Tonalität, die nur leicht erweitert wurde. Wagner ist der Sumpf, aus dem all das kommt, bis hin zu Eduard Künnecke und Gottfried Huppertz.

tip Und die Gegenströmung?
Frank Strobel Neue Sachlichkeit – mit einem Akzent auf dem Kontrapunkt. Also: Paul Dessau, Hanns Eisler und Paul Hindemith. Interessant ist, wie dies alles eingebettet war. Ein Premierenabend in einem deutschen Filmpalast bestand damals keineswegs nur aus dem Hauptfilm. Nehmen wir an, es gab „Tartüff“ mit Emil Jannings und Werner Krauss. Dann spielte man vorher eine Orchester-Ouvertüre. Dann folgte ein sogenannter Kulturfilm über das Liebesleben der Bienen oder dergleichen. Und eine musikalische Einlage mit einem Sänger oder einem Geiger. Vielleicht sogar eine Varietй-Einlage: Jongleur-Gruppen oder Trapez-Künstler. Große Häuser haben dann noch eine Tanzeinlage oder Pantomime gebracht. Erst dann folgte der Hauptfilm – mit Sinfonieorchester. Das Ganze dauerte mindestens drei Stunden.

tip War Edmund Meisel, der Komponist von „Berlin, Sinfonie der Großstadt“, einer der wichtigen Filmmusik-Meister?
Frank Strobel Ja. Meisel war Neue Sachlichkeit. Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ war sein Durchbruch gewesen. Seine Musik zu „Berlin, Sinfonie der Großstadt“, halte ich wirklich für einen Wurf. Das Mechanistische, Repetitive des Metropolenerlebnisses spiegelt sich hier musikalisch wieder. Integriert ist eine vollständige Jazz-Band. Sogar ein Fernorchester gibt es. Den Stil Meisels erkennt man sofort. Am Theater am Nollendorfplatz war er bei Erwin Piscator angestellt. Dann arbeitete er an der Volksbühne. Ein Linker, keine Frage. Und heute komplett vergessen. Seine Grabstätte auf dem Friedhof Heerstraße wurde inzwischen aufgelöst.

tip Sie selber dirigieren nicht nur Filmmusik, sondern auch normales symphonisches Repertoire. Kommen Sie überhaupt noch dazu?
Frank Strobel Kaum. Wer einmal den Pesthauch der Filmmusik angenommen hat, ist für gesündere Zeitalter verdorben. Schmeichelhafter ausgedrückt: Das ist die Rache der Konkurrenzlosigkeit. Mein Vorteil: Ich könnte drei Mal so viel machen. Aber ich will es nicht.

Interview: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Kai Bienert

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