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Jenny Wilson spricht über ihr neues Album, auf dem sie ihre Vergewaltigung verarbeitet

„Ich habe meinen inneren Kompass verloren“: Die schwedische Popmusikerin Jenny Wilson verarbeitet auf ­ihrem neuen Album die eigene Vergewaltigung – und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur aktuellen #MeToo-Debatte

Foto: Oskar Omne

Ende der 90er-Jahre war Jenny Wilson Gründungsmitglied der schwedischen Band First Floor Power, 2005 veröffentlichte sie ihr Solodebüt, das filigran-entrückte „Love & Youth“. Seither klang Wilson mit jedem Album elektronischer und wuchtiger – was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass ihre Themen dramatischer, fordernder wurden. 2010 erkrankte sie an Brustkrebs, eine Erfahrung, die das Album „Demand The Impossible!“ (2013) prägte. Die traumatische Erfahrung einer Vergewaltigung liefert den Rahmen für die Songs auf dem aktuellen, ihrem fünften Album „Exorcism“ (Gold Medal/Broken Silence).

Jenny Wilson, Songwriterin aus Stockholm mit einem Händchen für Electro-Pop, wirkt gestresst. Gerade aus Paris zurück, sitzt sie auf Durchreise in einem Café in Malmö. Dort herrscht emsiger Betrieb, während Wilson via Skype von einem dramatischen Erlebnis und den Folgen spricht: Vor zwei Jahren wurde sie in der Nacht auf dem Nachhauseweg vergewaltigt. Eine Erfahrung, mit der sie sich auf ihrem neuen Album „Exorciscm“ auseinander zu setzen versucht.

tip Sie haben sich entschlossen, mit ihrem neuen Album öffentlich zu machen, dass Sie vergewaltigt wurden. Was hat sie dazu bewogen?
Jenny Wilson Das ist nicht so leicht zu beantworten. Ich hatte jedenfalls nicht die ­Erwartung, dass mir die künstlerische Verarbeitung hilft oder irgendwie kathartisch wirkt. Mit meinem privaten Umfeld habe ich von Anfang an über dieses Trauma geredet, das war natürlich hilfreich. Aber das ist eine andere Ebene, die nicht in die Öffentlichkeit gehört. Ob es mich weitergebracht hat, über die Vergewaltigung Songs zu schreiben – da bin ich mir bis heute nicht sicher. Auch wenn es vermutlich gut war, sich mit dieser schrecklichen Erfahrung auf unterschiedlichen Ebenen auseinanderzusetzen. Doch der Grund, dass daraus ein Album wurde, ist wohl einfach: Ich bin Künstlerin und nutze mein Leben für ­meine Kunst. Wenn ich nicht darüber geschrieben hätte, wäre ich verstummt, in kreativer Hinsicht. Ich habe mir das Thema wirklich nicht ausgesucht. Es hat mich gefunden.

tip Wie sind sie das Songwriting angegangen?
Jenny Wilson Das schwierigste war die Arbeit an den Texten. Ich habe lange gebraucht, eine Sprache zu finden, die für mich stimmig ist. Ich war unsicher, wieviel ich preisgeben kann, wie verletzlich ich in der Öffentlichkeit auftreten will. Anfangs habe ich versucht, einen intellektuellen Zugang zu dem Erlebten zu finden und mit ganz unterschiedlichen Ideen gespielt: etwa die Geschichten verschiedener Frauen aufzuschreiben oder gar die Perspektive des Angreifers einzunehmen.

tip Auf jeden Fall wirken die Texte sehr direkt und unmittelbar. Sie ersparen dem Zuhörer wenig, sich selbst haben sie vermutlich auch nicht geschont.
Jenny Wilson Mir wurde klar, dass ich nah ran muss an den Kern dessen, was ich erlebt habe. Es galt, das ­Abgründige, das Brutale so aufzuschreiben, wie ich es erlebt habe. Deswegen sind die ­Lyrics, aber auch die Musik so roh und körperlich. Ich habe schnell gemerkt, dass die Textebene diesmal frei von Metaphern sein muss, dass ich auch nicht sonderlich poetisch sein kann – ­anders als etwa beim Vorgängeralbum „Demand The Impossible!“. Da ging es um meine Krebserkrankung, aber eben auch um die Gesellschaft. Die Krankheit wurde zur Metapher für soziale Verhältnisse und umgekehrt. Abstraktionen dieser Art hätten bei „Exorcism“ für mich gar nicht funktioniert.

tip Der Eröffnungssong „Rapin’“ schildert die Vergewaltigung, doch andere Songs erzählen von einer unguten Beziehung. Im Song „Your Angry Bible“ etwa bekommen sie bei einem romantischen Lunch Blumen um die Ohren gehauen. War die Vergewaltigung ein Ausgangspunkt, sich mit anderen Formen missbräuchlichen Verhaltens aus­einanderzusetzen?
Jenny Wilson Ja, zum Teil schon. Aber auch die Beziehungssongs haben einen konkreten Hintergrund. In Folge des Traumas habe ich meinen inneren Kompass völlig verloren. Mir war vorher gar nicht bewusst, wie sehr ich mich auf mein Bauchgefühl verlasse. Wenn es einem gut geht, folgt man dem wohl automatisch. In dem ­Moment, in dem es mir schlecht ging, war das Bauchgefühl jedenfalls weg. Ich habe mich in diese Beziehung gestürzt, die sich als sehr destruktiv erwies. Da habe ich weitere Gewalt erfahren, nicht auf körperlicher, aber auf mentaler Ebene. Das alles hat mich sehr verwirrt. Ich hatte mich bis dahin für eine Frau gehalten, die auf sich aufpassen kann, die ein gutes soziales Umfeld hat. Insofern geht es auf dem Album nicht nur um die Vergewaltigung, sondern auch um die Folgen.

tip Ihre Selbstwahrnehmung geriet ins ­Wanken?
Jenny Wilson Ja, was allerdings nicht nur schlecht war. Ich bin jetzt 42 Jahre alt, da ist man schon ganz schön lange erwachsen. Man macht Dinge seit langem so, wie man sie eben macht. Mich von einigen Vorstellungen zu lösen, die nicht mehr stimmig waren, das war ein hilfreicher Prozess. Nicht umsonst heißt das Album „Exorcism“ – auch wenn ich die Details, inwiefern mich das Erlebte verändert hat, nicht öffentlich ausbreiten werde. Und natürlich will ich keineswegs behaupten, dass man etwas so Traumatisches erleben muss, um sich zu verändern.

tip Was auffällt oder auch irritiert: Der Sound von „Exorcism“ hat durchaus euphorische Momente. Zwar gibt es auch unbehagliche, dräuende Klänge oder roboterhafte Verfremdungen ihre Stimme. Doch oft flirrt eben auch eine positive Energie durch die Songs. Bei „The Prediction“, auf Text­ebene harter Tobak, kriegt man richtig Lust, durch den Park zu rennen.
Jenny Wilson Oder ganz schnell Auto zu fahren (lacht). Um über dieses schreckliche Erlebnis sprechen zu können, musste ich eine musikalische Umgebung schaffen, in der ich mich wohlfühle. Die Thematik in traurige Songs zu packen, hätte für mich nicht funktioniert, das wäre einfach zu viel.

tip Als Zuhörer fühlt man sich schon komisch, wenn man zu solch krassen Texten mitwippt oder sogar mitsingt.
Jenny Wilson Ehrlich gesagt bin ich in diesem Punkt egoistisch. Wenn ich mit der Arbeit an einem Album anfange, überlege ich, mit welcher Art von Musik ich arbeiten will. Und derzeit stehe ich eben sehr auf Techno, House oder auch HipHop. Deshalb wollte ich ein komplett elektro­nisches Album machen, das eine körperliche Energie hat.

tip Wie war es für Sie, als die Thematik aufgrund von #Metoo plötzlich so präsent wurde?
Jenny Wilson #Metoo war ein Geschenk des Himmels. Ich war mit dem Album fast fertig, als die Debatte losging. Ich war unglaublich erleichtert und fühlte mich dadurch auf sichererem Terrain. Vorher hatte ich die Sorge, dass von mir eine Art Wortführerschaft erwartet würde im politischen Sinne, Gewalt gegen Frauen betreffend. Das hätte ich gar nicht leisten können. Zum Glück haben das dann andere übernommen. Ich wollte nie allgemein über das Thema sprechen, sondern einfach nur meine Geschichte erzählen.

Ritter Butzke Ritterstr. 26, Kreuzberg, Do 26.4., 21 Uhr, Eintritt 18,30 €

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