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Pop Avantgarde

Interview mit Julia Holter zum Konzert im Funkhaus Nalepastraße

„Dieser krasse Scheiß kriegt mich schon sehr“ – Julia Holter ist die Speerspitze im Avantgarde-Pop. Während unseres Gesprächs blickt sie konsequent 90 Grad am Interviewer vorbei. Wie hoch ist eigentlich ihr Nerdfaktor?

Dicky Bahto

tip Hatten Sie mal Vögel als Haustiere, Frau Holter?
Julia Holter Ich selbst nicht, aber ein Mitbewohner hatte einen Nymphensittich.

tip Volière heißt ja Ihr neues Album: „Aviary“. Kreischende Vögel als Metapher für Aufruhr im Geiste.
Julia Holter Ich bin bei der libanesischen Autorin Etel Adnan darauf gestoßen. Die Kurzgeschichte heißt „I found myself in an aviary full of shrieking birds.“ Ziemlich neu, von 2009, die Autorin lebt noch. Richtig gut! Ich würde den ganzen Short-Story-Band empfehlen. In einer anderen geht’s um Erinnerungen, die einen stalken. In meinen Songs geht’s ja oft um Erinnerungen. Ich glaube, dass Erinnerungen nicht bloß mentale Zustände sind, sondern auch an ganz bestimmten Orten existieren, physisch.

tip Neuronale Korrelate für Bewusstsein. Wenn man sich Erinnerungen als kreischende Vögel vorstellt, könnte man sagen: Sie sind laut und lassen einen nicht zur Ruhe kommen.
Julia Holter Total. Das ist doch was sehr Relevantes für uns Menschen, nicht? Ich wollte einen Song machen, der nach Engeln klingt, die umherfliegen. Flügel. Dann bin ich durch Zufall auf einen mittelalterliches Troubadourlied gestoßen. Ich habe den Text verwendet für „Chaitius“. Die Troubadourgesänge, die ich nutze, sind übrigens auch zum Teil sehr frauenfeindlich, aufgeladen voller Zorn: Frauen sind dort entweder Engelchen oder sofort Hexen. Na toll.

tip Einige Ihrer Songs oder gar ganze Alben haben enge Bezüge zur Literatur: Euripides, Colette, Frank O’Hara, Virginia Woolf. Lesen Sie exzessiv?
Julia Holter Tu ich nicht mal! Ich bin eine echt langsame Leserin. Ich möchte auch nicht, dass meine literarischen Referenzen essentiell für die Musik sind. Auf meinem Album ist der Track „Colligere“, was sammeln heißt. Und so entsteht meine Musik: durch den Prozess des Sammelns. Ich benenne meine Quellen aus Respekt. Sie haben gerade Frank O’Hara genannt, und der macht das ja auch viel in seinen Gedichten: eine Sekunde lang ein Kunstwerk nennen, Statuen und so. Mir geht es dann aber nicht so, dass ich sofort googeln müsste, was es mit der Statue auf sich hat. Könnte man ja machen. Und so würde ich auch von meinem Publikum niemals erwarten, dass es alles in Erfahrung bringen müsste, was ich nenne. Wenn sie’s tun, freut’s mich natürlich trotzdem, weil das der Kram ist, den ich liebe.

tip Aber, mit Verlaub, man stößt doch nicht mal eben zufällig auf einen okzitanischen Troubadour aus dem 12. Jahrhundert. Sie sind sicher kein Lese-Nerd?
Julia Holter Bernart de Ventadorn ist schon recht bekannt. Ich hab ihn in der Kollektion „The Marriage of Heaven and Hell“ gefunden. Das ist ein Album von einem Ensemble, das mittelalterliche Musik spielt. Warten Sie, ich muss Ihnen das mal auf YouTube zeigen (Julia ­Holter zückt ihr Telefon).

tip Sie haben eine witzige Handyhülle.
Julia Holter Ich weiß.

tip Sieht aus wie ein Schuppentier mir Eulenaugen. Was ist das bloß für ein Tier?
Julia Holter Das weiß niemand. Keines, das ich kennen würde. Bah, da ist das Video: Gothic Voices. Christopher Page, ein Mittelalterexperte, hat den Gesang übersetzt. Ich hab das online gefunden, ich höre schon eine Zeitlang mittelalterliche Musik.

tip Ihr Album beginnt sehr kakophonisch, wenig mittelalterlich.
Julia Holter Es geht um Beklemmung. Social Media sind sehr laut. Das macht mich erst mal sprachlos. Dann baue ich einen Sound. Wellen aus Sound. Ich mag harsche Frequenzen und Verdichtung. Schichten.

tip Um sich zwischen den Sound-Schichten zu verstecken?
Julia Holter Für mich ist das kein Verstecken, sondern Spaß an der Aufnahme. Ariel Pink inspiriert mich da sehr. Wenn ich aufnehme, geht’s um die wirrsten Sounds, die ich aus mir rauskriege. Ein Resultat der Technologie, dass wir mit Vielspuraufnahmegeräten so detailliert arbeiten können. Dieser krasse Scheiß kriegt mich schon sehr.

tip Der zweite Track hingegen fühlt sich fast nach konventionellem Pop an. Ist das Berechnung? Kandidat für eine Single?
Julia Holter Ich gehe die Architektur eines Albums nicht strategisch an. Diesmal ist sie geradezu amorph. Ich stelle mir die Frage, ob etwas experimenteller ist oder nicht, nur am Rande. Erst am Ende hab ich gemerkt, wie lang das Album überhaupt geworden ist mit all diesen 7-Minütern. Ich habe mir gerade die Testpressung angehört. Ich höre meine Musik ja nicht so oft, weil …. ist halt meine Stimme.

tip Sie mögen Ihre Stimme nicht?
Julia Holter Ist schon okay. Aber in meiner Musik steckt eben auch viel Selbsthass. Kennen Sie das, wenn man sich selbst auf Band hört und ausrastet? Die meisten Menschen reagieren negativ auf ihre eigene Stimme. Wenn ich selbst nicht singen würde, könnte ich meine Musik wohl eher hören. Eigentlich wollte ich ja Komponistin werden und nicht singen.

tip Wenn Sie all Ihre unterschiedlichen Einflüsse zusammenbringen – geschieht das dann intuitiv?
Julia Holter Zumindest nicht verkopft. Wie gesagt, ich sammle. Magie ist unvorhersehbar. Wenn ich unter Leuten bin, gerate ich oft in einen Notfallzustand, da mich ihre Präsenz überfordert. Ich schreibe fast nur, wenn ich allein bin. Wenn ich Musik schreibe, versuche ich einen Ort zu finden, der es für mich ist. Und dann baue ich den Song drum herum.

Funkhaus Nalepastr. 18, Oberschöneweide, Fr 30.11., 20 Uhr, VVK 24,50 €

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