Future-R’n’B

„Ich bin die Regisseurin“ – Interview mit Kelela

Kelela gibt mit ihrer Passion für House und Grime dem R’n’B einen neuen Twist, der massiv nach Zukunft klingt. Wir haben mit ihr über das Miteinander von Stimme und Beat sowie Clubkultur und Hautfarben gesprochen

Foto: Campbell Addy

tip Es heißt, das erste Album sei immer das Leichteste – weil man sich dafür ein ganzes Leben lang vorbereiten konnte. Siehst du das auch so?
Kelela Nein, und zwar aus dem gleichen Grund. Ich hatte mein ganzes Leben lang Zeit, das ideale Album nicht vorzubereiten, sondern es mir zu erträumen. Es ist etwas Abstraktes. Um das wahr werden zu lassen, brauchst du Muskeln und Skills, die du dir erst erarbeitest, während du dieses erste Album machst. Ich glaube, das zweite Album wird mir leichter fallen. Weil ich inzwischen weiß, wie es funktioniert und ich vermeiden kann, was nicht effizient ist. Was auch daran liegt, dass bei meiner Musik die Grenze zwischen Abmischen und Produzieren ziemlich verwischt ist. Ich greife bis zum Ende in die Produktion ein.

tip Produziert hast du zusammen mit einigen sehr profilierten Tüftlern, unter anderem Arca. Diese Leute „liefern“ sozusagen die Beats. Was ist dein Beitrag zum Rhythmus?
Oh, ich singe ihnen vor, was ich haben will. Das schicken sie mir dann, und dann reden wir noch einmal darüber. Dann sage ich Sachen wie: „Hier will ich einen harten Beat, der dann hinter einem Filter verschwindet, sodass ich klinge, als wäre ich ganz alleine. Dann soll der Beat zurückkehren, aber irgendwie von unten“, solche Sachen. Manchmal singe ich ihnen aber auch die Änderungen vor. Bei Arca war es so, dass ich ihm drei verschiedene MP3-Versionen einer bestimmten Stelle schickte, und er ­konstruierte die Beats darüber. Manchmal improvisiere ich eine Gesangslinie, und dann arbeitet der Produzent direkt damit. Sehr kompliziert. Aber ich würde sagen, dass ich da die Regisseurin bin.

tip Nach all dieser Arbeit, hörst du am Ende noch Fehler auf deinem Album?
Ja. Es ist nie fertig. Am Ende geht es darum, es einfach loszulassen.

tip Wird die Musik auf der Bühne wieder zum Material, mit dem du arbeitest?
Nein, ich will es möglichst genau reproduzieren. Bei Stellen, an denen das nicht geht, bei gewissen isolierten Klängen, muss ich zwangsläufig abweichen. Da benutze ich Remixe und andere Lösungen. Ich variiere. Musik auf der Bühne ist aber auch etwas anderes als Musik auf Kopfhörern, da hörst du eher das ganz große Bild als die winzigen Details. Live mag ich gigantische Drums. Einfach, weil die live so gut funktionieren.

tip Spürst du auf der Bühne Unterschiede im Publikum?
Ja, es geht da eher um Städte. Andere Reaktionen. Wer in der Clubkultur sozialisiert wurde, tanzt eher. Das spürst du in Detroit. Wenn Leute mir Songzeilen zubrüllen, mitsingen wie beim Gospel in der Kirche, dann sind das in der Regel vor allem Schwarze in der ersten Reihe. Extrem ruhig war es in Helsinki, fast unheimlich. Extrem laut war es in Toronto.

tip Kennst du das Berghain?
Ja, und das Publikum dort kennt die Clubkultur. Die Leute drücken es aber anders aus als anderswo, wo die Menschen ihr ganzes Leben lang R’n’B gehört haben und sonst gar nichts.

tip Bist du Hörerin oder Tänzerin?
Beides. Beides, unbedingt.

tip Du hast mal gesagt, schwarze Musiker hätten im Business nicht die Gelegenheit, es zu vermasseln. Wie meintest du das?
Das zielte auf die weiße Mittelmäßigkeit ab und die Tatsache, dass Weiße damit durchkommen – und Schwarze nicht. Weiße würden etwa 85 Prozent meiner Ideen für fuckin’ genial halten. Schwarze müssen einfach ­besser sein, um wahrgenommen zu werden. Ich habe einfach das Gefühl, dass wir keine Scheiße bauen dürfen.

tip Gilt das für alle Genres?
Ja. Nimm mal den Punk. Da geht es nicht um Virtuosität, sondern nur um den Versuch. Die Energie. Es genügt manchmal, einfach die Gitarre zu zerschmettern, und das ist okay – für weiße Punks. Es gibt unglaublich gute schwarze Punkmusiker. Aber hast du von ­denen jemals gehört? Diese ganze Attitüde, dieses „Fuck it, ich brauche das nicht!“ … da spielt es eine wesentliche Rolle, ob das nun ein Schwarzer oder ein Weißer sagt. Der Weiße braucht nicht so viel Mut, er muss nicht so radikal sein. Als Weißer kommst du schon damit sehr weit, auf der Bühne einfach de­struktiv zu sein. Verstehst du, was ich meine?

tip Ich denke schon.
Neulich habe ich mich mit einer schwarzen Kollegin unterhalten und sie meinte: „Wenn das Label eine Weiße finden würde, die kann, was du kannst … sie würden sich vor Freude in die Hose machen.“
Stimmt es, dass du mal in einer Progressive-Metal-Band gesungen hast?
Nein. Das ist ein hartnäckiges Gerücht. Mein ehemaliger Freund (Tosin Abasi, Anm.d.Red.) ist eine Art Gitarrengott. Er ist wirklich sehr, sehr gut. In einem seiner Projekte habe ich mich mal als Sängerin versucht, aber das hat nicht geklappt. Es war auch weniger Metal, eher Free Jazz. Allerdings war es eine gute Übung, um mit all diesen komplizierten Rhythmen und Taktwechseln zurechtzukommen. Ich könnte nicht, was ich kann, wenn ich nicht mit ihm geübt hätte.

tip Du bist äthiopischer Abstammung. Gibt es davon Spuren in deiner Musik?
Höchstens indirekt oder abstrakt, nicht als Referenz. Obwohl ich das sehr gerne höre.

tip Deine Songs sind sehr persönlich. Wie bringst du diese Gefühle wieder auf die Bühne, Abend für Abend?
Das geht leicht. Es sind die Songs selbst, die sie mir jeden Abend wieder geben. Es wäre sehr schwer, nicht zu fühlen, wovon sie handeln. Es kommt ganz natürlich, und das genieße ich sehr.

Berghain Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain, Do 7.12., 21 Uhr, ausverkauft

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