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Interview mit Lemmy Kilmister von Motörhead

Motörhead (c) Robert John
Foto: Robert John

Seit 35 Jahren ist Ian Fraser „Lemmy“ Kilmister als Sänger, Bassist und Boss von Motörhead im Gesetzlosen-Amt des Rock’n’Roll. Nun rollt das Trio zur alljährlichen Jahresend-Tour an, das zwanzigste Studioalbum „The Wörld Is Yours“ im Gepäck. Dienst nach Vorschrift kennt Kilmister dabei allerdings genauso wenig wie das Wörtchen Ruhestand. Auch kurz vor seinem Fünfundsechzigsten gibt sich Lemmy weiterhin als unverwüstliches Rock-Urgestein.

tip Motörhead waren zur Zeit des Kalten Krieges eine der wenigen Bands, die trotz Transit-Tortur gerne und regelmäßig nach Berlin gekommen sind. Wie ist Dein Verhältnis zu der Stadt?
Lemmy Kilmister?Ich mag Berlin, ich würde sogar gerne dort leben, wenn ich nicht bereits in Los Angeles wohnen würde. Schließlich hab ich ja auch genug Freunde in der Stadt. Und selbst die Sprachbarriere dürfte kein Problem darstellen, da ja wohl mittlerweile fast alle einigermaßen Englisch sprechen. Ich bin froh, dass es diese Grenzbarrieren nicht mehr gibt. Wir haben damals auch in der DDR gespielt und das war fürchterlich. Da passten die Türen nicht mal in den Türrahmen. Und an der Grenze haben sie immer die Nase unter deinen Bus gesteckt, um zu checken, ob da nicht ein armer Trottel drunter hängt, der versucht rauszukommen. Und dann immer dieser Zwangsumtausch … Gut, dass das ein Ende hat.

tip Gefällt Dir also das neue Berlin?
Lemmy Kilmister Architektonisch nicht, nein. Sie haben das Zentrum komplett ruiniert. Man sollte alles abreißen und noch Mal von vorne anfangen. Erst bauen sie diesen Glaspenis neben die Gedächtniskirche – da dachte ich schon es kann nicht schlimmer kommen. Bis ich das Sony Center und den Potsdamer Platz gesehen habe. Ich kann bessere Sachen als diese Scheiße auf dem Rücken einer Kippenpackung entwerfen. Fürchterlich. Aber mir gefällt diese typische Berliner Mentalität und die wird wohl immer überleben.

Foto: Robert John

tip Du selber lebst seit 20 Jahren in Los Angeles. Was hat dich als gebürtigen Briten damals aus Europa vertrieben?
Lemmy Kilmister Das Wetter in Europa ist deprimierend. Man steht auf und es ist dunkel. Man geht ins Bett und es ist dunkel. Deshalb bleibe ich wohl in L.A.. Hier ist es immer schön warm und die Frauen sind auch alle heiß. In Europa ist es nicht nur dunkel, sondern auch immer arschkalt.

tip Apropos Frauen. Bist du momentan in festen Händen?
Lemmy Kilmister Ja, in so vielen wie möglich (lacht). Man kann sagen was man will, aber alle Menschen beneiden doch in Wahrheit uns Rockstars. Wir sind die letzten Piraten, die letzten Wikinger, die es gibt. Wir fallen in deiner Stadt ein, bumsen deine Freundin und schon sind wir wieder weg. Das ist doch der Hauptgrund, warum man in einer Band spielt. Keiner macht das wegen musikalischer Inspiration. Die kommt vielleicht später dazu. Der Hauptgrund sind die Weiber. Früher ist man zum Zirkus oder zur Armee gegangen um so ein Vagabundenleben zu führen, heute ist man eben Rockstar. Oder Sportler.

tip Die Sportler-Karrieren-Option kam für Dich allerdings niemals in Frage, oder?
Lemmy Kilmister Nein, Sport ist überhaupt nicht mein Ding, war es noch nie. Schon alleine Fußball. Elf Typen rennen für anderthalb Stunden einem Ball hinterher. Die sollten sich mal überlegen, wie viel man mit diesem Energieaufwand vögeln könnte. Nein, da bleib ich lieber zuhause. Hör mir auch auf mit den ganzen Sportbegeisterten. L.A. ist voller Jogger. Sobald ich einen sehe, der dabei lächelt, würde ich mir auch überlegen damit anzufangen. Aber guck dir mal an, mit welch verbissenen Gesichtsausdruck diese Typen durch die Gegend rennen. Die sind doch alle besessen. Wenn du bei den Temperaturen dort den Berg hoch rennst, fällst du mit Sicherheit eines Tages tot um.

tip Dein Lebenswandel ist der Gegenentwurf zu gesund. Denkst du manchmal auch an den Tod?
Lemmy Kilmister Ich hab mit elf angefangen zu Rauchen. Zigaretten werden mich wahrscheinlich irgendwann umbringen, aber das ist ein Tod auf Raten und dauert seine Zeit. Drogen schmeiße ich auch nicht mehr so viele ein wie früher. Mittlerweile trinke ich hauptsächlich und nehme ab und an etwas Speed. Aber ich habe noch nie Drogen vertickt und rate auch niemandem, welche zu nehmen.

Foto: Robert John

tip Dafür trinkst Du täglich Deine Dauer-Dosis an Whisky-Cola. Merkst Du davon überhaupt noch etwas?
Lemmy Kilmister Ich werde seit 20 Jahren nicht mehr besoffen, nein. Ich mag einfach den Geschmack (lacht). Ich hab das gar nicht so realisiert, weil ich einfach das weiter gemacht habe, was ich immer schon mache. Und ich vermisse es auch nicht, vollgekotzt irgendwo im Graben zu liegen. Das ist mir früher ständig passiert.

tip Wie verbringst Du deine Zeit, wenn ihr mal nicht tourt oder im Studio seid?
Lemmy Kilmister Ich lese gerne und viel und erweitere mein Wissen. Jeder weiß ja, dass mein Hobby das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg ist, also lese ich unter anderem viel darüber. Alles was man Neues dazu lernen kann ist hilfreich. Es gibt kein unnützes Wissen, alles Wissen ist tatsächlich Macht. Ich bin dabei aber nicht auf der Suche nach einem höheren Bewusstseinszustand, sondern es interessiert mich stetig und täglich weiterzubilden und zu versuchen, dadurch ein besserer Mensch zu werden. Ich lebe nach der Devise: Behandele andere Menschen, wie du gerne selber behandelt werden möchtest. Das ist alles, was man beherzigen sollte.

tip Heiligabend dieses Jahres wirst du 65. Hast du schon mal über deinen Rock-Ruhestand nachgedacht?
Lemmy Kilmister Pensionierung ist der sichere Tod für jeden. Du kriegst eine goldene Uhr und das war es. Ich bin der Ansicht, dass man seinen Job solange ausführen sollte, wie man kann und bis man dabei tot umfällt.

tip Was bedeutet Rock’n’Roll für Dich persönlich?
Lemmy Kilmister Die einzige Konstante in meinem Leben ist Rock’n’Roll. Frauen kommen und gehen, die Moden ändern sich. Aber die Songs sind immer für dich da, sie sind genauso gut wie du sie erinnerst. Musik wird in deiner verklärten Erinnerung sogar immer besser.

tip Und wie gehst du damit um, von immer mehr Menschen als Rock-Ikone verehrt zu werden?
Lemmy Kilmister Ich bin keine verdammte Ikone, sondern nur ein alter Mann mit Diabetes, der zuviel trinkt, das ist alles (lacht).

Interview: Frank Thiessies


Wie es begann

Seine Karriere startete Lemmy Anfang der Sechziger als Gitarrist verschiedener Mersey-Beatbands, ehe er 1971 zu den Psychedelic-Rockern Hawkwind stieß. Dort hatte man zwar nur noch Platz am Bass für ihn, doch war es Lemmy vorbehalten, als Sänger von „Silver Machine“ für den einzigen Chart-Hit der Band zu sorgen. Wegen eines Drogendeliktes in Kanada wurde er jedoch 1975 aus der Band geschmissen. In Folge gründete Lemmy sein eigenes Trio und nannte es nach dem letzen Song, den er für Hawkwind geschrieben hatte: Motörhead. Seither wechseln zwar des Öfteren Gitarristen und Drummer, ganz vorne steht jedoch unumstößlich Ian „Lemmy“ Kilmister.

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