Konzerte & Party

Interview mit Paul Kalkbrenner

Paul Kalkbrenner_Foto: Harry Schnitgertip Kann man Techno verfilmen?
Paul Kalkbrenner „Berlin Calling“ ist kein Techno-Film.

tip
Immerhin stellen Sie einen Technomusiker mit Drogenproblemen dar.
Kalkbrenner Natürlich zeigen wir den Techno, wir zeigen die Drogen, wir zeigen die Party. Aber das ist nur der Pinsel, mit dem wir unser Gemälde malen. Das Gemälde erzählt auf einer höheren Ebene von Sachen, die jeden angehen: Rausch, Ekstase, Kunst, Wahnsinn, Freundschaft, Hoffnung, Familie, Liebe. Man hätte dieselbe Story auch mit einem Rockmusiker oder einem Bildhauer erzählen können.

tip Als man Sie am Anfang des Films auf einem Festival spielen sieht und plötzlich der Bass aufdreht, spürt man aber schon sehr deutlich, welche Energie Techno freisetzen kann.
Kalkbrenner Das waren ja auch richtige Gigs, auf denen wir gedreht haben. Da ist nichts gestellt. Komischerweise kommt die Musik gerade bei Älteren gut an. Auch der Durchschnittsbürger, der bisher dachte, dass Techno nur „Da-da-da-dat“ ist, versteht plötzlich, worum es bei dieser Musik geht. Das haben wir zum Beispiel gemerkt, als wir „Berlin Calling“ beim Filmfest von Locarno gezeigt haben. Das war der Hammer. 8000 ganz normale Kinogänger auf einem mittelalterlichen Platz, die größte Leinwand der Welt. Wir wollten eigentlich keine Party machen, ich hab nur den Computer hingeschoben und wollte einen Track zum Abschluss spielen. Doch dann kam noch einer und noch einer – und plötzlich rockte es da – ich dachte, ich fass es nicht.

tip
Der Film verbreitet aber nicht nur gute Laune, sondern zeigt auch die düsteren Seiten von Techno. Der Dealer ist zum Beispiel eine ziemlich verstörende Figur.
Kalkbrenner Ja, aber der Dealer ist doch auch nur eine arme Sau. Das Ding ist – ein Film wird an einer Situation sowieso nichts ändern. Aber ein Film kann genau hinschauen. Wir stellen uns nicht hin und sagen: Leute, nehmt keine Drogen. Aber es ist wie mit Safer Sex: Aufklärung ist alles.

tip Die Hauptfigur Ickarus verliert allmählich die Kontrolle über ihr Leben. In einer der stärksten Szenen ist er in einem Hotel und reibt sich komplett mit Müsli ein.
Kalkbrenner Hammer, oder? Über diese Szene kann ich immer noch herzlich lachen. Ich selber habe so eine Situation noch nicht erlebt, aber ich kenne den Ickarus ganz gut, er ist sozusagen mein eigener Dämon, der meine schlechten Seiten noch übertreibt.

tip
Also spielen Sie sich selbst?
Kalkbrenner Hannes Stöhr hat gesagt, dass ein Spielfilm über einen Musiker immer auch ein Dokumentarfilm über seinen Hauptdarsteller ist. Dem kann ich auf jeden Fall zustimmen. Ich spiele schon mein ganzes Leben. Selbst wenn ich zu Hause bin, spiele ich so vor mich hin. Als Musiker lege ich auch Wert auf eine gute B-Note. Es gibt ja Live-Acts, die gucken die ganze Zeit auf ihre Laptops. Das sieht nicht gut aus. Das hat sich schon gewandelt in den letzten 20 Jahren. Der DJ steht nicht mehr nur in einer Ecke. Den zehnmal angesagten Overkill und Ausverkauf von Techno hat er unbeschadet überstanden, wie man an den weltweit vitalen und viralen Szenen sieht. Das ist ganz normal: Die Leute wollen ihre Stars sehen, und dann muss da auch eine Show ablaufen. Da muss einer stehen, der rockt, der selber abgeht. Kein Nerd.

tip Haben Ihre Eltern den Film schon gesehen?
Kalkbrenner Ja, ja. Früher gab es oft Probleme mit ihnen, ich sollte Abitur machen und dann studieren. Das hat alles nicht geklappt. Seit es gut läuft, sind sie sehr stolz.

Interview:
Laura Ewert

Foto: Harry Schnitger

Berlin Calling


Kinostart: 2. Oktober
Filmkritik in Heft 21 auf Seite 52

 

Mehr über Cookies erfahren