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Interview mit Peter Sellars

Interview mit Peter Sellars
Peter Sellars, geboren 1957 in Pittsburgh, wurde 1983 Leiter der Boston Shakespeare Company. Sein dortiger, schwarzer „Don Giovanni in der U-Bahn“, Despina’s Diner in „Cosм fan tutte“ und die „Nozze di Figaro“ im Trump-Tower erregten weltweites Aufsehen. 1987 sorgte Sellars für die Uraufführung von „Nixon in China“ von John Adams. Neben Woody Allen und Norman Mailer spielte er in Godards „King Lear“-Film. Im Schauspiel inszenierte er unter anderem „Othello“ (New York 2009, mit Philip Seymour Hoffman als Jago). In der Berliner Tischlerei der Deutschen Oper lief im November seine Inszenierung der Simone Weil-Oper „La Passion de Simone“ von Kaija Saariaho. Seine Mozart-Inszenierungen versetzten die Opern radikal in die Gegenwart – und in die U-Bahn oder New Yorker Hochhäuser. Die Berliner Philharmoniker haben ihn als Artist in Residence eingeladen. Jetzt inszeniert er mit ihnen Debussys „Pellйas et Mйlisande“. Wir haben ihn bei den Proben getroffen.

tip Herr Sellars, gilt für „Pellйas et Mйlisande“ die etwas spöttische Beschreibung: Wie ‚Parsifal’, nur ohne die Witze?
Peter Sellars (lacht): Ja, in dem Sinne, dass das 19. Jahrhundert bei Debussy ein für alle Male vorbei ist! Der Unterschied: Bei Debusy dauert der Sex länger! Und er ist auch besser. Bei „Pellйas“ spürt man die ganze Zeit ein enormes Prickeln auf der Haut. Das ist Musik, die mit Berührung rechnet. Daher ist die Textur so fein, so transparent und sensibel. Die Sätze liegen vorne auf der Zungenspitze. Übrigens: Auch das Vorspiel ist besser.

tip Erstaunlich. Ich dachte, das sei – getreu der Vorlage von Maurice Maeterlinck – alles bloß Symbolismus?
Peter Sellars Würde ich nicht sagen. Das ist alles viel konkreter gemeint, als es meist inszeniert wird. Zum Beispiel wird Mйlisande im 8. Monat schwanger gezeigt. Wer sich darum symbolistisch herummogelt, liegt verkehrt. Ich glaube, das ist alles viel näher am Naturalismus dran als am Symbolismus.

tip In der Philharmonie bringen Sie das Werk „halbszenisch“ auf die Bühne. Sie sind der einzige weltberühmte Regisseur, der sich damit zufrieden gibt, oder?
Peter Sellars Für mich ist das eine Erleichterung. (lacht) Sobald das Orchester mit auf der Bühne sitzt, kann man sich nicht mehr hinter irgendwelchen Posen oder schauspielerischen Tricks verstecken. Das fliegt alles auf. Szenisch haben Simon Rattle und ich das Werk übrigens schon einmal auf der Bühne gemacht, vor 20 Jahren in Amsterdam. Das war für uns eine überwältigende Sache. Nur: Schon damals habe ich mich nicht damit wohlgefühlt, das Orchester in den Graben zu verbannen. Damals haben wir dieses Problem so gelöst, dass wir Musiker, die gerade nichts zu spielen hatten,  immer nach oben auf die Bühne schickten, damit sie sich das alles anschauen konnten.

tip Glauben Sie wirklich, dass Darsteller auf einer Konzertbühne ‚echter’ agieren können als in der Oper?
Peter Sellars Ja. Ehrlicher! Man kann da nicht ‚opernhaft’ werden, und diesen Ausdruck meine ich durchaus pejorativ. Es gibt keine künstliche Ausstellung der Gesten. Es gibt auch kein zusätzliches Licht. Alle stehen ziemlich nackt und ungeschützt da. Das ist ein Vorteil.

tip Die „Matthäus-Passion“, die Sie 2010 in Berlin gleichfalls halbszenisch realisiert haben, war ein Höhepunkt der Arbeit von Simon Rattle in Berlin überhaupt. Hat sich das damals schon so angefühlt?
Peter Sellars Es war schon eine ganz wunderbare Arbeit. Für den Erfolg gab es Gründe. Erstens war uns klar, dass die Matthäus-Passion ein Mount Everest ist. Bach selber hat sich nur ein einziges Mal an eine Aufführung herangewagt. Außerdem hatte niemand vom Orchester das Werk vorher jemals gespielt. Nach Karajan war es ja in den Besitz der historischen Ensembles übergegangen. Und dann ist die Matthäus-Passion insofern ein Geniestreich, als – aufgrund der Doppelchörigkeit – immer sowohl die eine Hälfte des Chores wie des Orchesters der anderen zuhören muss. Das finden Sie nirgendwo sonst.

tip Sie wurden in den 80er Jahren berühmt durch einen Zyklus von Mozarts da Ponte-Opern in den USA, der erstmals eine radikale Aktualisierung praktizierte. Hat sich Ihre Arbeit seitdem stark verändert?
Peter Sellars Ich sehe eher Kontinuität zwischen meinen Arbeiten. Unverändert geblieben ist, dass mir Musikalität das Allerwichtigste ist. Der Unterschied: Ich mache weniger Witze!

tip Warum sind Sie ernster geworden?
Peter Sellars Das hat damit zu tun, dass in den vergangenen zehn Jahren in den USA alles dermaßen von der Stand-up comedy dominiert wird. Das ging mir irgendwann wahnsinnig auf die Nerven. Also haben wir gesagt: „Get serious!“ Das ist schließlich nichts Schlechtes. Außerdem, die Komponisten selber ermutigen mich dazu, ernst zu sein. Und schauen Sie sich auch den Klang etwa der Berliner Philharmoniker an: Er ist ernst. Bei Furtwängler war er sogar noch ernster.

tip Waren Sie als Regisseur früher radikaler?
Peter Sellars Ich bin immer genau so radikal gewesen, wie die Komponisten es fordern. Mozart war einfach ein sehr radikaler Komponist! „Figaro“, „Cosм“ und „Don Giovanni“ waren Publikums-Schocker. Da ging es um Libertinage, um Emanzipation und Sex. Ich bin dem nur gefolgt. Bei Haydn und Beethoven, die das Streichquartett erfunden haben, ging es darum, eine demokratische Musik-Form innerhalb einer autokratischen Welt zu finden. Das waren Intellektuelle, die aus der Misere einen Ausweg finden wollten. Heute dagegen beschäftige ich mich in den meisten Fällen damit, durch Uraufführungen neues Repertoire zu bilden. Das ist ganz etwas anderes. Grundsätzlich kann ich sagen, und das ist gleich geblieben: Ich behandle alle Komponisten, als seien es Zeitgenossen. Warum? Um sie in Frage stellen zu können.

tip Aufgrund Ihrer äußeren Erscheinung sind Sie oft als „Regie-Punk“ bezeichnet worden. Worin besteht Ihre Beziehung zum Punk?
Peter Sellars Punk war schon wichtig. Als wir frisch aus dem College kamen, war es die interessanteste Musikrichtung. Wobei ich The Clash immer besser gefunden habe als die Sex Pistols. Ich wohnte mit jemandem  zusammen, durch den ich alle neuen Platten hören konnte. Mich stört es auch nicht, wenn man bei mir an Punk denkt. Punk steht immerhin nicht für Konservativismus. Das ist doch schon mal was.

Interview: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Monika Rittershaus

Philharmonie Mi 16.12., 20 Uhr, Do, 17.12., 20 Uhr, Sa 19.12., ?19 Uhr, So 20.12., 19 Uhr, Karten-Tel. 25 48 89 99

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