Konzerte & Party

Interview mit Ricardo Villalobos – Teil 2

RicardoVillalobostip Stimmt es, dass Sie Straßenmusiker zu spontanen Sessions in Ihr Kreuzberger Studio einladen?
Villalobos Ja, ich arbeite gerne mit Straßenmusikern zusammen. Viele Osteuropäer, die jetzt auf der Straße stehen und ihre Standards spielen, sind extrem geübte Musiker mit sehr langer Berufserfahrung, die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks arbeitslos geworden sind. Bei den Sessions in meinem Studio geht es hauptsächlich um Improvisationen. Ich gebe eine rhythmische Struktur vor, und über die wird dann improvisiert.

tip Wie wichtig ist das Auflegen – mit all seinen Glücksmomenten und Strapazen – heute noch für Sie?
Villalobos: Das Auflegen ist für mich das Wichtigste überhaupt. Das ist für mich kein Job, sondern eine Leidenschaft. In zehn Jahren werde ich wahrscheinlich nicht mehr so oft auflegen, aber solange ich mir das gesundheitlich erlauben kann, werde damit ich weitermachen, es macht ja auch extrem viel Spaß.

tip Sie sind für Ihre Marathonsets von bis zu 20 Stunden bekannt.
Villalobos Na ja, jetzt, wo ich zwei Kinder habe, muss ich mich da schon ein bisschen einschränken und mir die Tage besser aussuchen.

tip Der Filmemacher Romuald Karmakar hat kürzlich Ihnen und Ihrer Arbeit als DJ mit dem Dokumentarfilm „Villalobos“ ein Denkmal gesetzt. Wie kam es dazu?
Villalobos Karmakar hat ja schon mehrere Filme über DJs und elektronische Musiker gedreht. Er wollte schon länger was mit mir machen, das hat sich dann im Rahmen des „24h Berlin“-Projekts ergeben, und daraus wurde dann mehr. Er hat Beobachtungen, Interviews und Partyszenen zu einem Film montiert, der einen intimen Einblick in die Welt des Feierns gibt, von der Mikrosituation in meinem Studio bis zur ganz großen Situation im vollen Club. Der Film zeigt, wie das alles miteinander zu tun hat, er zeigt die Energie und die Zusammengehörigkeit, die auf einer Party entstehen kann. Er zeigt Momente beim Feiern, in denen alle das Gleiche wollen. Dabei deutet er auch an, dass das Feiern durchaus eine politische Dimension hat.

tip In Berlin sind in diesem Jahr Tausende auf die Straße gegangen, um für den Erhalt von Orten zu demonstrieren, an denen solche Ausnahmezustände möglich sind. Glauben Sie, dass die Partykultur in dieser Stadt gefährdet ist?
Villalobos Nein. Der Zustand, den ich meine, ist niemals gefährdet, weil die Menschen immer wieder danach suchen werden und sich dabei von keiner Behörde aufhalten lassen. Es gibt Zeiten, in denen dieser Zustand massiver und sichtbarer ist, und Zeiten, in denen er in eine Subkultur zurückgedrängt wird. Aber es wird immer Leute geben, die alles daransetzen, dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit zu kultivieren und zu organisieren – oder eben die Musik dazu zu machen.

tip Klingt geradezu romantisch.
Villalobos Ja, vielleicht. Das ist wie ein Dienst an der Gemeinschaft, an dem jeder, der daran beteiligt ist, mitarbeitet, sei es als DJ, als Clubmacher, als Türsteher oder als Tänzer – alle sind daran beteiligt, und alle wollen das Gleiche.

tip In dem Karmakar-Film gibt es eine Szene, in der Sie eine Mussorgsky-Aufnahme der Berliner Philharmoniker aus den 60er Jahren analysieren. Sind Sie ein Nostalgiker?
Villalobos Nein, ich bin nicht nostalgisch. Es ist einfach so, dass die digitale Kopie einer Realität der analogen Kopie unterlegen ist. Und was die Aufnahmetechnik betrifft, waren die 60er Jahre ein goldenes Zeitalter. Jeder Tonmeister hatte ein langes Studium hinter sich, beherrschte drei Instrumente und kannte die ganze Partitur. Alle, die an diesen Aufnahmen beteiligt waren, die Musiker, die Dirigenten, die Aufnahmeleiter, waren 100-prozentig bei der Sache. Diese Ernsthaftigkeit gibt es heute nicht mehr. Durch die digitale Technik wird alles beliebig, es gibt kein Original mehr, nur noch Dateien auf Festplatten.

tip Die Neuvertonung der Großstadtsinfonie wird im Rahmen der Feierlichkeiten zum 20. Geburtstag des „Groove“-Magazins stattfinden. Was haben Sie in der Zeit gemacht, als das erste „Groove“-Magazin erschienen ist?
Villalobos Da habe ich Platten aufgelegt.

tip Was werden Sie tun, wenn „Groove“ seinen 40. Geburtstag feiert?
Villalobos Vielleicht ziehe ich einen Frack an.


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Interview: Heiko Zwirner
Foto:Lars Borges

20 Jahre „Groove
Ricardo Villalobos, Moritz von Oswald und Max Loderbauer
interpretieren „Berlin: Die Sinfonie der Großstadt“
Plus: DJ Koze, Wighnomy Brothers, Radio Slave, Die Vögel, Ewan Pearson,
Nick Höppner, Prosumer, The Cheapers

WMF
, Do 19.11., 23 Uhr

„Villalobos Der Film“ von Romuald Karmakar
wird im Rahmen des Festivals Around The World In 14 Films gezeigt,

Babylon Mitte
, Do 3.12., 21.15 Uhr

 

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