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Interview mit Robin Proper-Sheppard von Sophia

Interview mit Robin Proper-Sheppard

Ein trüber Donnerstagmorgen, Hotel Michelberger an der Warschauer Straße. Robin Proper-Sheppard trägt trotzdem eine Sonnenbrille. Mit seiner Band Sophia macht er seit 20 Jahren traurige, melancholische, poetische Indiefolk-Musik, mit "People Are Like Seasons" von 2005 erspielte sich die Band erstmals eine größere Fangemeinde. Dabei ist der 47-jährige Amerikaner, der aus St. Diego stammt und mittlerweile in Brüssel und London lebt, im Gespräch nicht nur ein ausgesprochen herzlicher, sondern auch ein erstaunlich heiterer Zeitgenosse. Warum sind dann seine Songs nur immer so traurig?

tip Robin Proper-Sheppard, Sie leben seit einigen Jahren in Brüssel. Wir treffen uns wenige Tage nach den Terroranschlägen vom 22. März in Berlin. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?
Robin Proper-Sheppard Derzeit teile ich meine Zeit zwischen Brüssel und London. An dem Tag war ich aber in Rom. Ich wachte auf, bekam eine Nachricht von einem meiner Freunde in London. Sowas wie: "Ich hoffe, du bist nicht gerade in Brüssel." Ab dann kamen ständig Nachrichten an. Vorher hatten wir die Anschläge in Paris (vom 13. November letzten Jahres, Anm. d. Red.). Weil alle, die für diese Anschläge verübt hatten, vermutlich aus Brüssel kamen, wurde zweitweise die ganze Stadt regelrecht dichtgemacht. Bewaffnete Patrouillen fuhren unter meinem Fenster vorbei. Die Soldaten waren sehr cool, man fühlte sich eigentlich sicher. Und gerade als die Dinge wieder begannen, normaler zu werden, passieren diese Anschläge bei uns.

tip Mir kam Brüssel immer wie eine sehr ruhige Stadt vor.
Robin Proper-Sheppard Es ist ein Dorf! Ich habe mich mit einem Freund aus Brüssel unterhalten. Der sagte: "Es ist so eine kleine Community hier, natürlich werden hier keine Attacken passieren! Diese Leute werden doch nicht ihre Freunde, Mütter, Väter, Brüder, Schwestern in Gefahr bringen.  Die werden doch nicht ihre eigenen Leute hochjagen!" Und dann Bomben in der U-Bahn! Jesus!

tip Lassen Sie uns über das neue Sophia-Album sprechen. "As We Make Our Way (Unknown Harbours)" erscheint sieben Jahre nach dem vorigen Album "There Are No Goodbyes". Vor zwei Jahren stellten Sie den Song "It’s Easy To Be Lonely", jetzt der finale Song der Platte, als freien Download ins Netz. Damals hieß es, das neue Album würde bald darauf folgen. Sie sind das sicher dauernd gefragt worden: Warum kam das Album damals nicht raus?
Robin Proper-Sheppard Es ist nicht nur so, dass ich danach gefragt wurde – ich habe daran eine Million Male gedacht!

tip Was ist passiert?
Robin Proper-Sheppard Zum einen musste ich für eine Weile aus Europa weg. Ich habe ein paar Probleme mit dem Einwanderungsrecht, deswegen muss ich mich ein bisschen wegducken und herumfahren (lacht). Und ich landete wieder in Kalifornien – zum ersten Mal nach 15 Jahren. Die Session mit neuen Songs, die ich dort damals gemacht hatte, habe ich mehr oder weniger weggeworfen. Ich habe sie fast aus meinem Gedächtnis gelöscht. Die Aufnahmen waren großartig, die Atmosphäre war großartig. Aber ich fühlte es einfach nicht.  Nach all den Jahren wollte ich kein Album herausbringen, das mir nicht das richtige Gefühl gab. Das war auch hart für die Band. Die haben darauf gewartet, das Album fertigzustellen – um dann ein paar Wochen später einen Anruf von mir zu kriegen: "Ich muss das noch mal neu machen."

tip Sie haben wirklich alles gelöscht? Und nichts für eine B-Seite übrig behalten? Oder ein anderes Projekt?
Robin Proper-Sheppard  Wenn etwas nicht als A-Seite funktioniert, sollte es auch nicht als B-Seite funktionieren. Es war übrigens nicht die Session, auf der "It’s Easy To Be Lonely" entstand. Das habe ich in Brüssel mit verschiedenen belgischen Musikern aufgenommen.

tip Diese Songs gehörten nicht zu den 50 Liedern, die quasi für eine Veröffentlichung fertig sind?
Robin Proper-Sheppard Nein. Auf dieser Session haben wir acht Lieder aufgenommen. Einer der Songs – er hat immer noch einen Arbeitstitel, "70’s Elliot", weil er für mich ein bisschen nach Elliot Smith klingt, wenn er bei Fleedwood Mac mitgespielt hätte – war der Lieblingssong des Bassisten Sander Verstraete, des Drummers Jeff Townsin und des Toningenieurs Kenny Jones. Am Tag, als wir die Platte fertigstellten, dachte ich: "Ich packe das nicht mit drauf." Weil es für mich nicht damit zusammenpasste, was ich mit der Platte sagen wollte. Schwer zu sagen, was es war. Jeder erklärte mir: "Du bist verrückt."

tip Aber es wird nicht wieder sieben Jahre bis zum nächsten Album dauern?
Robin Proper-Sheppard Nein, nein. Meinem Label-Manager bei Pias habe eine Art Setlist von Songs geschrieben, die ich auf einer akustischen Gitarre gespielt hatte, und gesagt: "Diese Songs sind fertig, veröffentlicht zu werden, wenn ich es will." Vielleicht in einem Jahr. Nicht erst in sieben Jahre, ganz sicher.

tip Wo kommt diese Unsicherheit her?
Robin Proper-Sheppard Ich habe diese Phasen, wenn ich eine Platte mache. Erst denke ich: "Das wird toll klingen." Dann bin ich halb fertig und denke: "Irgendjemand wird merken, dass ich keine Ahnung habe, was ich hier gerade tue. Alles klingt Scheiße". Und dann bin ich ganz fertig und denke: "Das funktioniert nicht." Bei "California", der aktuellen Sophia-Single, war das genau so. Ich wollte das nicht mal aufnehmen. Es war einer der letzten Songs, den wir für das Album eingespielt haben. Ich dachte: Es ist zu poppig.

tip Es ist ja auch poppig.
Robin Proper-Sheppard Jeff kam rüber und sagte: "Robin, das ist ein perfekter Sophia-Song. Textlich auch sehr dunkel. Aber mit diesem aufbauenden Gefühl." Und ich sagte: "Ach, du mochtest den wirklich?" Er: "Ich habe diesen Song öfter gehört als alle anderen, den wir in dieser Session aufgenommen haben."

tip Der Song  reicht zurück zu Ihrer Jugend in Kalifornien, wo alles begann: mit Ihrer ersten Band Society Line.
Robin Proper-Sheppard Ja! Da war ich gerade raus aus der High School! Das sind fast 30 Jahre. 1986 habe ich die High School abgeschlossen. Ich habe damals wirklich niemals gedacht, dass aus mir einmal ein Musiker werden würde.

tip Wieso nicht?
Robin Proper-Sheppard Es war einfach so. Ich dachte, ich werde vielleicht Lehrer. Ich wollte Philosophie lehren, oder sowas. Und jetzt bin ich in Berlin, gebe Interviews. Ich finde das immer noch total unglaublich.

tip Sie waren wirklich seit 15 Jahren nicht mehr in Kalifornien?
Robin Proper-Sheppard Ich war nicht mehr dort, seit meine Mutter gestorben ist, das war 2001. Ich habe 15 Jahre lang keinen amerikanischen Boden betreten. In meinem Kopf war so ein Gedanke: Jetzt gehst du zurück nach Hause. Aber nach ein paar Wochen hatte ich akzeptiert, dass Amerika nicht mehr meine Heimat ist. Obwohl ich nicht ständig in Europa leben darf, nicht in Großbritannien. Ich kann durch Europa reisen, sicher. Aber keiner lässt mich dauerhaft bleiben. Ich habe nicht wirklich eine Heimat.

tip Die letzte Sophia-Platte war vor sieben Jahren "There Are No Goodbyes", ein Trennungsalbum. Sie konnten sich das irgendwann kaum noch anhören, ohne dass es wehtat, hieß es. Geschweige denn, es live spielen. Ist es jetzt besser?
Robin Proper-Sheppard Ja. Ich habe mich seitdem aber auch nicht mehr richtig verliebt. Kleine Lieben, kleine Beziehungen mit wundervollen Menschen, ja. Aber da sind immer noch diese Narben von damals. Als meine Mutter starb, sagte mein Bruder, der auch einige schwierige Beziehungen hatte: "Wenn eine Beziehung endet, bleibt ein kleiner Schnitt zurück. Mit der Zeit heilt er. Aber wenn die nächste Beziehung schneidet genau an derselben Stelle hinein. Und nach und nach wird es schwerer und schwerer." Ich bin ja düster veranlagt. Aber damals dachte ich: "Das ist wirklich pessimistisch!" Aber jetzt verstehe ich, was er meinte.

tip Auf der neuen Platte passiert musikalisch sehr viel. Dabei ist es gar kein lautes Album. Ich habe gelesen, Sie hätten die Platte im Wesentlichen mit Drummer Jeff Townsin eingespielt. Woher kommen all die Einflüsse her?
Robin Proper-Sheppard Als ich die erste Version der Platte weggeworfen habe, sagte ich mir: Ich will zurück zu den frühen Sophia-Platten. Nur wir in einem Raum. Mit dem Song, der schneller wird, und schneller, und dann wieder langsamer. Der atmet. Bei der ersten Session hatten wir einen Pianisten, einen Gitarristen, einen Bassisten, einen Drummer und mich. Bei der zweiten Session, die ich dann behielt, waren es nur der Bassist, der Drummer und ich. Es war nicht das Rock-Feeling wie mit The God Machine, aber der Spirit: "Okay, so funktioniert der Song." Und dann geben wir Dinge hinzu. Produzieren ihn fertig.

tip The God Mashine war Ihre Band vor Sophia, die sich 1994 nach dem plötzlichen Tod des Bassisten Jimmy Fernandez an einem Gehirntumor auflöste, die aber bei einigen immer noch Kultstatus genießt. Stört es Sie eigentlich, wenn immer noch die wenigen rockigeren Sophia-Songs mit The God Machine verglichen werden?
Robin Proper-Sheppard Nein. In Belgien gibt es jemanden, der ein Festival leitet. Ein großer Sophia-Fan. Aber er mochte auch The God Machine davor. Bei der ersten Single des neuen Albums, "Resisting", sagte er: "Stell dir vor, dass jemand einen lange verlorenen God-Machine-Song entdeckt, 23 Jahre später." Ich verstehe, was er meint.

tip Ich meine mich zu erinnern, dass vor mehr als zehn Jahren Jahren bei einem Konzert in der Columbia-Halle jemand im Publikum nach einem God-Machine-Song verlangte. Und Sie sahen nicht glücklich darüber aus.
Robin Proper-Sheppard Ich habe immer über God Machine geredet, das tue ich auch weiterhin. Es ist der Grund, warum ich jetzt hier sitze. Wenn ich damals nicht mit Ronald Austin und Jimmy Fernandez nach London gegangen wäre! Ich war damals in New York. Da dachte ich, ich werde vielleicht Plattenproduzent. Ich habe auch versucht, meinen Philosophie-Abschluss zu machen. Das ist ein großer Teil meines Lebens.

tip Hatten Sie eigentlich nie den Drang, mal  ein wirklich poppiges Album zu machen? Ein ganzes Album wie die Songs "California" oder "Holidays Are Nice" vom 2004er Album "People Are Like Seasons". Ein Album, das man auf einer Hochzeit spielen könnte.
Robin Proper-Sheppard Es gibt Leute, die spielen Sophia auf Hochzeiten!

tip Was sind das bitte für Hochzeiten?
Robin Proper-Sheppard "The Sea" kann man auf Hochzeiten spielen. Aber das war es dann auch… (lacht) Ich kann mir nicht selbst diktieren, in welche Richtung meine Musik geht. Da gibt es meinen schlimmsten Feind: Mich selbst! Die Sache mit Popsongs ist: Manchmal fokussiere ich zu stark auf die Musik und habe nicht die Texte dazu. Und ich schreibe keine glücklichen Texte! Selbst "Holidays Are Nice" ist ein düsterer Song.

tip Weil Sie einfach keine Songs schreiben, wenn Sie gerade glücklich sind?
Robin Proper-Sheppard Ich verbringe sehr viel Zeit allein. Ich bin ein Einzelgänger. Ich liebe das! Aber wenn ich tatsächlich richtig glücklich bin und die Gitarre in die Hand nehme, passiert etwas. Ich weiß nicht, was. Aber binnen drei Minuten ändern sich die Akkorde, es wird langsamer…

tip .. von Dur zurück zu Moll…
Robin Proper-Sheppard Das ist es! (lacht) Es ist die Person tief in mir, die mit der Musik hervorkommt. Ich kann das nicht erklären. Es ist kein Mysterium. Es ist einfach, wie es ist.

tip Das neue Album klingt trotzdem hoffnungsvoller als die Vorgängerplatte. Es endet mit: "We’re the sums of our choices and the chances we take."
Robin Proper-Sheppard Das ist die positivste Zeile, die ich in meinem ganzen Leben geschrieben habe.

Interview: Erik Heier

Foto: Philip Lethen

Sophia spielen am Samstag, 30.4., 20 Uhr, in der Kantine im Berghain, Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain. Das Konzert ist ausverkauft

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