Retro-Rock

Interview mit The Lemon Twigs

Freche Früchte: The Lemon Twigs sehen so aus, als seien sie gerade aus der Zeitmaschine gefallen – spielen aber den frischsten Rock der Saison. Wir hätten nicht gedacht, dass unser Gespräch mit Michael und Brian am Ende derart eskaliert

Foto: Autumn de Wilde
Foto: Autumn de Wilde

Michael (17, links) &  Brian (19) D’Addario Die Brüder aus New York spielen seit 2015 als The Lemon Twigs. Das Album „Do Hollywood“, das gerade durch die Decke geht, wurde, produziert von Foxygen, im San Fernando Valley bei L.A. aufgenommen

tip Michael, du bist erst 17. Eigentlich darfst du gar nicht in die Clubs, in denen ihr spielt.
Michael Wir nehmen die Hintertür. Da fragt niemand nach.
Brian Oft klären wir das auch im Voraus ab. Die sagen dann: „Aha, ihr seid die Band und ihr seid nicht mal 21?“ Dann schauen die uns ganz ermahnend an, und wir wissen, dass die wissen, dass wir eigentlich keinen Alkohol trinken dürfen.

tip Man könnte auch meinen, ihr seid zu jung, um Bands wie The Beatles zu kennen, ganz zu schweigen von weniger erfolgreichen Bands der 1960er und auch der 1970er, auf die ihr euch offensichtlich bezieht.
B Unsere Eltern hören das aber viel, dadurch haben wir das für uns entdeckt. Und anschließend noch andere Bands der Zeit, mit denen unsere Eltern nicht so viel anfangen konnten. The Who zum Beispiel und Pink Floyd.
M Meine Eltern standen eigentlich nur auf eine Handvoll Bands: The Beach Boys, The Beatles, Badfinger, Procol Harum.
B Procol Harum heißen die doch, wie im Wort „hair“, nicht wie in „car“!
M Siehst du, ich versuche mich britisch anzupassen und mein großer Bruder bleibt ein kleiner Yankee. (lacht) Procol Harum!

tip Habt ihr die auf Vinyl entdeckt oder auf Youtube?
M Meine Eltern sind mit Vinyl aufgewachsen. Die finden das nicht hip, für die ist das alter Kram. Die waren froh, als mit den CDs alles leichter wurde. Also gab’s bei uns eher CDs. Ich kann nicht behaupten, dass wir mit Vinyl aufwuchsen, aber jetzt mag ich es. Unsere Lieblingsbands haben wir eher übers Internet entdeckt. Über Freunde. Und Bands, die wiederum andere Bands liken. Das Internet ist … fabelhaft. (lacht)

tip Euer Album ist voller melodischem Irrsinn, Fanfaren mit Orchesterinstrumenten. Wie wollt ihr all das auf die Bühne bringen?
M Wir müssen das live einfach anders angehen, als Rockband, wir sind dann zu viert, haben einen Bassisten und einen Keyboarder mit dabei. Brian singt in der ersten Hälfte, dann ich. Auf dem Album hat Brian die Streicher und Hörner eingespielt. Aber live ist das für uns nicht gut machbar, also lassen wir’s lieber sein. Dafür bringen wir wuschelige Gitarrensoli, die sich auf dem Album nur andeuten. Das hat ’ne andere Energie, mehr Drive.

tip The Beach Boys klangen live ja auch viel reduzierter, wie man jetzt zum „Pet Sounds“-Jubiläum mit all den neu veröffentlichten Live-Aufnahmen wieder hören kann.
B Sie klingen da so spärlich, unbeladen.
M Aber das ist doch so cool! Wenn ich das Album 1:1 hören will, hör ich es mir einfach  zu Hause an.

tip Wie habt ihr eigentlich gelernt, all diese Instrumente zu spielen?
B Papa hat uns die Basics beigebracht, und dann waren wir besessen. Für die Gitarren hatten wir allerdings ganz klassisch Unterricht. Ich hab Kontrabass an der Schule gespielt, Cello hab ich mir dann selbst beigebracht. Trompete hab ich per You­tube-Tutorial gelernt. Was hat mein Bruderherz doch gleich gesagt? Das Internet ist … fabelhaft!

tip Seid ihr immer so harmonisch miteinander?
B Niemand ist das immer, Brüder schon gar nicht. Aber gerade weil Brüder gefährlich füreinander sein können, siehe Kain und Abel, statten wir uns mit demokratischen Rechten aus. Wir schreiben meistens getrennt voneinander. Aber wenn ich eine Idee für Michaels Song habe, hat er am Ende das Veto-Recht! Und umgekehrt. Das ist unser Deal. Wir versuchen, uns nicht auf die Palme zu bringen.

tip Ihr kommt aus Long Island, ganz im Osten, aber habt an der Westküste aufgenommen.
B Im Heimstudio unseres Produzenten Jonathan Rado von der Band Foxygen. Das war so was von gar nicht Hollywood, sondern im San Fernando Valley. Der Titel „Do Hollywood“ greift unsere naive Idee davon auf, was das heißen würde, die Platte in L.A. aufzunehmen. Die Lemon Twigs entern Hollywood? Alles klar!

tip Mögt ihr eigentlich Zitronen? Der Bandname klingt so.
B Ach, geht so, joah! Was haben Zitronen?

tip Vitamine.
M Ein klares Plus! Was noch?

tip Knallige Farben.
M Ja, diese Superleuchtfarbe! Andererseits würde doch fast jeder sagen, dass sie… ein bisschen zu sauer sind.

tip Apropos Zitronen: Eines der am meisten gefeierten Alben dieses Jahr ist wohl Beyoncés „Lemonade“.
M Und eine der hippsten Sängerinnen ist FKA Twigs. Mit beiden haben wir Beef, weil sie unseren Namen geklaut haben. (lacht)
B Ach komm, Beyoncé promotet uns doch. (lacht)

tip Eure Outfits sind nicht minder spektakuläre als die von Beyoncé. Ziemlich androgyn…
B Ich identifiziere mich sowieso mit keinem der beiden Gender, maskulin oder feminin. Ich fühle mich da in der Zwickmühle. Ich bin weder Macho noch besonders feminin, nur ein Mensch in einem Körper.

tip Du bist weder Junge noch Mädchen?
B Ja, weder noch.
M Komm, mach mal halblang, Brian! Sag doch sowas nicht! Du bist ein Junge. Es gibt Menschen, die wirklich zwischen den Geschlechtern stehen.
B Ich sag doch bloß, dass ich glaube, dass …
M Ja, ich weiß. Aber trotzdem! Ich hab schon mit Menschen gesprochen, die sich wirklich lange richtig unsicher waren. Aber bei uns ist das doch anders. Wir kümmern uns einfach nicht drum, ob unsere Kleidung als Mädchen- oder Jungskleidung gilt.

tip Ist doch prima, dass ihr diese konventionellen Schranken übergeht.
M Ja, aber dieser Satz von dir, Brian…
B Welcher Satz?
M Dass du dich generell mit keinem Gender identifizierst. Obwohl du das doch tust.
B Ich sage ja auch gar nicht, dass ich allgemein dagegen protestiere.
M Ja, aber trotzdem! Ich hab noch nie gehört, dass du diesen Satz jemals zuvor gesagt hast!
B Doch, hab ich, in der Gitarrenstunde.
M Hm, okay.

tip  Die Frage ist doch legitim, in wie weit Gender-Grenzen Sinn ergeben.
M Ja, stimmt schon, ich weiß auch nicht, warum man sich unbedingt mit einem der beiden Gender identifizieren sollen muss. Ist ja bloß ein Label. So als müssten wir uns entscheiden, ob wir nun Powerpop- oder Rockband sind. Oder: Was macht einen Film entweder zur Komödie oder zur Tragödie?
B Daran kann man sich doch in vielen Fällen den Kopf zerbrechen. Sehr guter Punkt!
M Das ist doch alles, was ich sage. Dann könnte man aber auch weitergehen: Warum nennt man eine Lampe eine Lampe? Und obwohl das alles nicht zwingend Sinn ergibt, ergibt es doch Sinn, diese Worte zu verwenden.
B Ich bin also ein Junge?
M Ja. Nein. Ach, ich weiß nicht.
B Ich sage, ich bin ein Junge, damit alle ihren Seelenfrieden haben.
M Doch nicht damit alle Ruhe geben. Um deiner selbst willen. Aber gut, wenn das für dich wirklich besser ist, kein Gender zu tragen – ist das natürlich dein Ding. Gut, dass wir jetzt mal drüber gesprochen haben.

Kantine am Berghain Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain, Mi 23.11., 20 Uhr, VVK 20 €

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