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Zeitreise

Riot im Reihenhaus – Interview mit Tocotronic zum neuen Album „Die Unendlichkeit“

Tocotronic sind die Könige der Abstraktion: Niemand in Deutschland schreibt so verspulte und zugleich bewegende Lyrics wie Dirk von Lowtzow. Auf ihrem neuen Album „Die Unendlichkeit“ jedoch begibt sich die Band auf eine überraschend private Reise in ihre eigene Vergangenheit. Warum?

Foto: Michael Petersohn

Später werden sie kommen, um sich zu beschweren. Tocotronic werden Teens eine Stimme geben, die sich an den Orten ihrer Jugend von Idioten umzingelt wähnen. Werden erst wunderbar larmoyant klingen, toben, dann innehalten und zur Abstraktion finden, um schließlich einige der wundersamsten Songs einzuspielen, die je in deutscher Sprache erschienen sind: voller Rätsel und Referenzen, dabei nie selbstgefällig perfekt. Jeder romantische Alleszerdenker wird Tocotronic lieben. Und niemand, der was auf sich hält, wird die Band je völlig verstehen.

Jetzt aber, in diesem Moment, befinden wir uns in der baden-württembergischen Provinz der frühen Neunziger. Im Song „Hey du“ ist Sänger Dirk von Lowtzow der Junge mit langen Haaren, der den Breitbeinigen und Betonköpfen nicht passt: „Schwuchtel“ nennen die ihn. „Ist mein Stil zu ungewohnt/ Für den Kleinstadthorizont?“, fragt von Lowtzow. Gepresste Stimme, jugendlicher Trotz.
Allein, der Song ist keine lange verschollene B-Seite aus den Neunzigern, sondern Vorbote des neuen Studioalbums „Die Unendlichkeit“. Ein Bruch im Programm der Band: Von Lowtzow, der einmal im Interview sagte, er halte es für unappetitlich, Menschen mit seinem Privatleben zu belästigen, hat mit Jan Müller, Arne Zank und Rick McPhail eine Zeitreiseplatte aufgenommen. In zwölf Songs lässt von Lowtzow die eigene Vergangenheit Revue passieren – von der Jugend über die prägenden Hamburger Jahre bis ins Jetzt. Mit dem monumentalen, pychedelisch hallenden Titelsong, einem Aufbruch in die Unendlichkeit, beginnt die Platte; mit dem Leidenschaftsbekenntnis „Alles was ich immer wollte war alles“ endet sie.

Es muss eine schöne gemeinsame Reise ins Gestern gewesen sein, denn von Lowtzow und ­Gitarrist Jan Müller platzen gut gelaunt hinein in den nüchternen Konferenzraum in Berlin, in dem man sich zum Gespräch trifft. Sie wirken gelöst.

tip Dirk von Lowtzow, Jan Müller, wie kommt es, dass wir gerade jetzt so viel über Ihr Leben erfahren?
Dirk von Lowtzow Bei uns hat ein Umdenken stattgefunden, eine Befreiung von alten Dogmen. Schon das „Rote Album“ (das letzte Studioalbum von 2015; Anm. d. Red.) kündigte den Umbruch an, zum Beispiel mit dem Song „Date mit Dirk“, der ja von einer Art Selbstbegegnung erzählt. Von da war es der nächste logische Schritt, meine alten Abneigungen zu überdenken. Die Selbsterkundung ist eine inte­ressante Form, um sich selbst zu überlisten. Es war für mich schon überraschend, was man dabei zu Tage fördert.
Jan Müller Es gibt jedenfalls nun eine Frage nicht mehr, die ich immer als sehr belastend empfunden habe: Wie meint ihr das eigentlich?

tip Rückblicke können ein regressives Moment haben. Hatten Sie davor Angst?
Jan Müller Ein Rückzug ins Private wäre für uns als Band langweilig. Ich fände das nicht unzulässig, aber dann hätte „Die Unendlichkeit“ Dirks Soloalbum sein müssen. Die Songs sind nie nur reine Beschreibungen ihrer Zeit, es geht immer um einen Geisteszustand an einem bestimmten Punkt im Leben.
Dirk von Lowtzow „Die Unendlichkeit“ ist kein Herkunftsalbum im klassischen Sinne, es ist nicht identitär. In jedem Song gibt es einen Ausweg, eine Befreiung oder zumindest eine Bewegung, einen Zeitstrahl in die Zukunft. Wenn man autobiografische oder autofiktionale Texte liest, gleicht man die Erfahrungen mit dem eigenen Leben ab. Deshalb ist das Album eben nicht privat, sondern, im Gegenteil, eine Öffnung: Man tritt in Dialog mit seinem Publikum.

Mit Tocotronic ist keine Retromania zu machen. Vielmehr scheinen sie ausbrechen zu wollen aus diesem hermetischen Gebilde namens Diskursrock, in das ordnungsliebende Popschreiber sie gesperrt hatten, seit sie nicht mehr über ihre Wut auf Kleinkünstler singen möchten. Im Gespräch spürt man bei von Lowtzow und Müller eine neue Lust auf Intimität zwischen Band und Publikum. Auffällig ist der Zeitkolorit der Lieder: Wenn von Lowtzow im Song „1993“ seine Flucht aus der „Schwarzwaldhölle“ besingt, schrammelt die Gitarre in schönster, adoleszenter Aufbruchstimmung. Wohin Toco­tronic auf ihrem Album auch reisen, die Musik reist mit. Eine Biografie als Sampler. Hält ein 46-jähriger Dirk von Lowtzow, der singt wie ein Twenty­something, den Hörer nicht stärker auf Abstand als ein Echtzeit-Dirk mit Echtzeit-Gedanken zur eigenen Vergangenheit?

tip Im Song „Hey du“ klingt der Gesang wie auf frühen Alben, verjüngt um Jahre. Warum die Inszenierung?
Dirk von Lowtzow Das Lustige ist, dass es überhaupt keine Inszenierung war, sondern einfach passiert ist. Als ich „Hey du“ dann zum ersten Mal gehört habe, war ich überrascht, dass ich klinge wie mit Mitte 20. Das ist das Magische an der Platte: Es gibt ihn wirklich, den Zeitreise-Moment.
jm: Wir hatten Dirk ein großes Verbot auferlegt: Beim Gesang durfte nicht geschauspielert ­werden.

Überhaupt, das Albumkonzept. Bei den Aufnahmen mit der Produzentenlegende Moses Schneider sei man streng chronologisch vorgegangen: Die Narration verfolgten Tocotronic von der Aufnahme bis zum Mixen weiter, damit sich die Stücke aufeinander beziehen könnten. Bei aller Konzeptstrenge sind die Songs textlich so konkret wie seit Jahren nicht.
Statt nach dem doppelten Boden zu suchen, kann man sich auf die Jagd nach Referenzen begeben. Songs wie „Electric Guitar“ funktionieren als ­Träger musikalischer Erinnerungen: „Du ziehst mir den Pulli vorm Spiegel aus/ Teenage Riot im Reihenhaus“ heißt es da im Refrain; ein Verweis auf Sonic Youth, eine Band, die für den jungen Dirk von Lowtzow ­„alles auf den Punkt gebracht“ habe. Vom zornigen Aufstand gelangt man im Songverlauf zur „Manic Depression“ – in Erinnerung an die Verzweiflung der Jugend, aber auch an den gleichnamigen Song von Jimi Hendrix, einer Ikone der „Electric Guitar“.

Manchmal befremden diese Coming-of-Age-Stücke in ihrer Direktheit. Muss man sich wirklich der Teenage Angst stellen, um sich heute zu verstehen? Diese Frage scheint derzeit nicht nur Tocotronic umzutreiben. Auch die Berliner Künstlerin Dillon veröffentlichte gerade mit „Kind“ ein Album, das sich mit dem Wachsen beschäftigt. Dirk von Lowtzow war Gastsänger im Titelsong. „How tall will I grow?“, fragt Dillon da, und von Lowtzow antwortet: „Only time will know.“

tip Im Pop, aber auch in der Literatur haben autobiografische Texte gerade Konjunktur. Wie erklären Sie sich das?
Dirk von Lowtzow Vielleicht ist im Großen etwas passiert, was bei uns im Kleinen passiert ist: Die Abkehr von einer postmodern grundierten Form zu schreiben, vom Wirrwarr und den tausend Metaebenen eines David Foster Wallace. Stattdessen gelangt man zu einer schlichten Form, ohne tausend Querverweise und Fußnoten.

Und tatsächlich: Waren es nicht zuletzt oft autobiografische Texte, die uns diese verflixt komplizierte Welt erklären sollten? ­Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ etwa, Maggie Nelsons „Die Argonauten“. Vielleicht verlangt die Zeit nicht nach Manifesten, sondern nach Identifikationsangeboten. Und die Band selbst? Scheint ganz bei sich zu sein. Auf die Frage, ob man „Die Unendlichkeit“ als Résumé begreifen kann, antwortet Jan Müller: „Für uns war es vor allem eine Befreiung.“

Tocotronic „Die Unendlichkeit“ (Vertigo/Universal)

Konzerte: Columbiahalle, Mo 16.4. + Di 17.4., 20 Uhr, VVK: 34 Euro

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