Interview

Tocotronic

Tocotronic
Tocotronic
Foto: Michael Petersohn

tip Wir sitzen nicht ganz zufällig in dieser Zusammensetzung. Theaterregisseur Patrick Wengenroth hat in seinen Aufführungen bereits mehrfach Songs von euch verwendet…
Jan Müller: Echt, das wussten wir gar nicht.

tip Er hat die Songs sogar selbst gesungen.
Dirk von Lowtzow: Selber gesungen? (lacht amüsiert)
Patrick Wengenroth: Ich hab da so eine Pathologie, deutschsprachige Sachen zu verwenden. Weil ich ?den Leuten klarmachen will: Die Musik im Theater ist ?jetzt nicht die Pause, wo man sich dann den Hustenbonbon rausholen kann, sondern sie ist wichtiger Bestandteil, ?das ganze Ding fortzusetzen. Gerade euer Kapitulation-Manifest ist dabei einer meiner Lieblingstexte, sowohl ?in der Form, aber auch von der These her.

tip Dirk, du bist ja auch selbst im Theater engagiert, gerade erst wurde Renй Polleschs Oper „Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte“ in der Volksbühne aufgeführt.
Dirk von Lowtzow: Das war jetzt aber auch ein Sonderfall.

Tocotronic
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Foto: Michael Petersohn

tip Vor 20 Jahren hättet ihr das also nicht gemacht …
Dirk von Lowtzow: Das kommt immer ein bisschen auf das Theater an. 1996 hatten wir die Spielzeit an der Volksbühne ja auch schon mit einem Konzert eröffnet. Es lag einfach daran, wie sich die Theater positioniert haben, Theater wie die Volksbühne oder später noch das HAU waren ja Häuser, die sehr offen waren für andere Genres. Für Popkultur im Allgemeinen.
Jan Müller: Gerade in unseren Anfangstagen waren die Texte von Dirk ja auch stark von Thomas Bernhard beeinflusst. Stichwort: Burgtheater (lacht).
Dirk von Lowtzow: So wie es in der Literatur, im Film oder in der Musik gute wie schlechte Sachen gibt, ist das auch im Theater. Ich könnte also nie sagen: Dieses eine künstlerische Genre lehne ich komplett ab. Wir sind ja eher eine Generation, die schon mit dem Wissen um Popkultur aufgewachsen ist, und deshalb geht es hier immer um die Anhäufung von Spezialwissen, um das Rauspicken von den geilen Sachen, das steht diesem Kanon-Bildungsbegriff ein bisschen gegenüber. Wir haben uns ja auch mit Comics und komischer, geiler Avantgardemusik auseinandergesetzt.
Jan Müller: Es ist aber auch ein bisschen so wie mit der Gentrifizierung. Von Comics bis Avantgarde ist ja alles inzwischen in den Kanon mit aufgenommen worden. Vielleicht hat man sogar selber einen Anteil daran, dass die Sachen da reingesogen werden. Das macht es ein bisschen schwierig, weil dieser Underground, in dem man sich früher bewegt hat, ja auch schon ein geschützter Bereich ist, der sich dezidiert abgrenzen möchte. Und wir als Band, aber auch als Personen, waren eigentlich immer an so einer Schnittstelle. Irgendwann hat uns das gelangweilt, dass das so abgegrenzt war. Uns hat interessiert, Grenzen aufzubrechen. Das ist noch heute so. Aber das ist auch oft nur ein Streit über Begrifflichkeiten.

Tocotronic 1995
1995
Foto: Mirjam Brüger

tip Auch eure Songtitel wie „Wir sind gekommen, um uns zu beschweren“ oder „Pure Vernunft darf niemals siegen“ sind ja schnell nicht nur von den Fans, sondern auch vom Feuilleton aufgegriffen worden. Wie verhält sich das denn heute mit der Publikumsansprache, wo ihr in Berlin wohnt und keine Clique, sondern den ganzen Kulturbetrieb vor der Haustür habt?
Dirk von Lowtzow: Als wir mit Tocotronic begannen, war man ja interessiert an der Gründung einer Pop-Band oder auch eines Pop-Konzeptes. Wir haben ja ganz viel Zeit darauf verwendet, so eine Art Image zu kreieren mit den Klamotten, dem Cover-Artwork, den Slogans, und so macht uns das eigentlich auch bis heute Spaß.
Jan Müller: Das richtet sich auch nicht an bestimmte Genre-Freunde. Das richtet sich an jeden. An die Öffentlichkeit. Aber leider hört es nicht jeder (lacht) .
Patrick Wengenroth: Die Konstruktion des Rahmens, also der Musik und der Typo, das Outfit ist also gleich wichtig, wie man eurem Buch entnehmen kann.
Dirk von Lowtzow: Ein Buch bringt natürlich mit sich, dass das Visuelle stark im Vordergrund steht. Es ist nun Mal keine Platte.
Patrick Wengenroth: Aber es ist doch enorm, wie viel Gestaltungswille und Fantasie da auch in die Optik reingeflossen ist.
Dirk von Lowtzow: Das kommt schon daher, dass wir alle aus dieser DIY-Szene kommen, uns das Umfassende da sehr interessiert hat. Es ist ja auch ein tolles Spielfeld, wenn man auf allen Ebenen ein Amateur ist und sich das dann aneignen kann. Wir haben zu Anfang die Plattenfirmen sicher auch zur Verzweiflung getrieben mit der ganzen Polaroid-Ästhetik, aber wir waren uns da immer sehr sicher.
Jan Müller: 
Unsere Aufnahmetechnik und die handwerkliche Kenntnis an den Instrumenten war ja auch eher unkonventionell. Das spielt schon alles zusammen, aber eine Gleichwertigkeit würde ich da auch nicht sehen.

 

Tocotronic
Tocotronic
Foto: Michael Petersohn

tip Die Produktionszeiträume eurer Platten haben sich zuletzt sehr verlängert. Es vergehen ja jetzt fast drei Jahre, bis ihr ein neues Album herausbringt.
Dirk von Lowtzow: Diesmal waren wir sogar vergleichsweise schnell, es waren nur zweieinhalb Jahre! Wir nähern uns da schon wieder unserem Frühwerk an. Das liegt natürlich daran, dass man sehr lange und intensiv tourt und dass man schon präziser arbeitet. Bei diesen ganz frühen Sachen war es schon so: Wir haben ganz viele Stücke einfach rausgehauen, alles, was einem durchs Gehirn ging, musste ziemlich ungefiltert raus. Ist natürlich ’ne aufregende Zeit gewesen. Erstens dieser Lebensabschnitt zwischen 20 und 25, und wenn man dann auch noch eine Band macht, die sogar reflektiert wird – damit war ja nicht zu rechnen –, dann hat das schon motiviert. Aber das Tempo hätte man nicht durchhalten können. Da wäre man aus der Kurve geflogen. Wir brauchten nach dieser Phase, in der man alles heiß gekocht rausgehauen hat, einfach mal etwas Privatleben, Zeit für uns.

Tocotronic
Tocotronic
Foto: Michael Petersohn

tip Seit der Zusammenarbeit mit Moses Schneider bei „Pure Vernunft darf niemals siegen“ ist der Sound aber auch sorgfältiger geworden. Auf der neuen Platte habt ihr nun erstmals auch einen Chor dabei.
Jan Müller: Na klar. Es kostet natürlich zusätzlich Zeit einen zu uns passenden Chor, in diesem Fall Cantus Domus, zu finden, zu arrangieren, das alles im Studio zusammenzukriegen. Nicht umsonst arbeiten wir ja schon so lange mit Moses Schneider zusammen. Es ist natürlich super, wenn man jemand gefunden hat, der als Typ zwar ganz anders ist als wir, aber dennoch sehr ähnlich tickt. Dass ist eine befruchtende Zusammenarbeit.

tip Das Sounddesign der Alben klingt dabei aber eigentlich so, als wäre es von unterschiedlichen Leuten produziert.
Jan Müller:Das hat einerseits sicher mit dem Material zu tun, aber das ist auch die Stärke von Moses, dass er wirklich wandelbar ist.
Dirk von Lowtzow:So aber generiert sich der spezifische Sound aus dem, was wir einbringen und wo wir gerade selber stehen. Und bei diesem Album war es eigentlich das gemeinsame Gefühl, dass wir mal ein Pop-Album machen wollen.

tip Die Plattenhülle ist in Rot gehalten. „Das rote Album“. Bezieht sich das auf die Liebe, die thematisch sehr präsent ist, oder auf die gemalte Farbfläche auf der Plattenhülle?  
Jan Müller:
Das ist von einem Freund, dem Berliner Konzeptkünstler Jan Timme. Das Konzept entstand dann in Zusammenarbeit mit uns.
Dirk von Lowtzow:Das sollte jetzt schon ein Konzeptalbum werden, so eine Art Enzyklopädie der Liebe. Und da lag Rot natürlich nahe.
Jan Müller:Und da denkt man dann tatsächlich lange drüber nach. Wie sieht denn das Rot aus? Ist das jetzt einfach gedruckt, ist es gemalt, ist es gerollt?
Patrick Wengenroth:Das ist ja wie ein Übermalungsvorgang von sich selber. Ich möchte mal auf einen speziellen Song zu sprechen kommen. „Solidarität“ gefällt mir auf der Platte besonders gut.
Dirk von Lowtzow: „Solidarität“ richtet sich an die Leute, die von anderen Leuten drangsaliert werden. Anlass waren ganz konkrete Ereignisse in Hellersdorf vergangenes Jahr, diese rassistischen Aufmärsche. Da ging es mir schon um die Leute, die diesem rassistischen Mob ausgesetzt waren.

Tocotronic 1995
auch Tocotronic, aber das war 1995
Foto: Stefan Müssigbrodt / Motor Music GmbH

tip Für die Erwachsenen findet ihr im gleichnamigen Song harte Worte, ihr selbst seid aber auch schon 44.
Dirk von Lowtzow: Das ist ja ein lustiges Lied. Es ist aus der Perspektive von Teenagern geschrieben. Die wiederum würden sich selbst aber nie als Babys bezeichnen, um sich strategisch gegen Erwachsene abzugrenzen, und das wir das so singen, die wir ja nun beileibe keine Babys mehr sind, das macht vielleicht das Scharnier des Stückes aus. Die Schweizer Sängerin Sophie Hunger meinte, das Stück sei dreimal um die Ecke gedacht und trotzdem mitten ins Gesicht. Dieses Kompliment gefällt mir.

tip Wann habt ihr eigentlich zum letzten Mal eure in den Neunzigern so stilprägenden Trainingsjacken getragen?
Jan Müller: Das war 2005. Da haben wir ein Covershooting für die Zeitschrift „Intro“ gemacht. Und da dachten wir uns, wäre doch witzig, wenn wir die alten Jacken mal wieder rausholen würden. Der Witz kam leider nicht so gut an.
Dirk von Lowtzow: 
Der wurde gar nicht so richtig bemerkt.

tip Wurdet ihr denn jemals von einer Sporttrikotfirma angesprochen, eure eigene Edition herauszubringen?
Dirk von Lowtzow: Nee, das kann ich auch erklären. Zu der Zeit, als wir die Jacken getragen haben, fanden die Firmen das Design der alten Jacken, die wir gut fanden, ja gar nicht mehr cool. Entweder waren die also ihrer Zeit voraus oder auch wir.

 

Der in Hamburg geborene Theater-Regisseur und Dramaturg Patrick Wengenroth inszeniert vorwiegend an der Berliner Schaubühne. Immer wieder hat er dabei auch Songs und Texte von Tocotronic verwendet.

Das Buch: Marin Hossbach, Jens Balzer u. a., ?“Die Tocotronic-Chroniken“, ?Blumenbar Verlag, 384 S., 49,90 Euro
Die Platte: Tocotronic, „Das Rote Album“ (Universal)

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