Konzerte & Party

Interview mit Walter „Wally“ Potts

Nach gut 20 Monaten in Treptow hat das White Trash Fast Food den Ballroom eröffnet. Mitbetreiber Walter „Wally“ Potts über Tarantino-Kisten, ?Motörhead-Tattoos und fliegende Gläser
Interview mit Walter

Ausgerechnet eine Kiste mit 15 Jahre alten Wurstlampen der kanadischen Künstlerin Laura Kikauka ist beim Transport aus Marzahn zu Bruch gegangen. Dort lagerte seit dem Umzug des White Trash von der Schönhauser Allee nach Treptow im April 2014 ein Großteil des Interieurs – auch der berühmte Asia-Kitsch und Laura Kikaukas viele Lampen. Die Würstchen rochen nicht lecker, erzählt Mitbetreiber Walter „Wally Potts beim Rundgang. Als wir ihn treffen, sind es wenige Tage bis zur Eröffnung des neuen, größeren Teils der alten Autohaus-Halle: des White Trash Ballrooms.

tip „White Trash Ballroom“ klingt wie „From Dusk Till Dawn“, nur ohne Vampire.
Wally Potts?Die Vampire kommen sowieso. (lacht) Wir schaffen uns einen Raum für viele verschiedene Veranstaltungen: von Theater und Fashion-Shows bis zu Underground-Dining-Experiences, Performance-Kochen und Kung-Fu-Workshops.

tip Sie sind im April 2014 aus Prenzlauer Berg an den Flutgraben gezogen. Wieso machen Sie die ganze Halle jetzt erst komplett auf?
Wally Potts?Wir mussten das ja alles bezahlen. Es macht mich sauer, wenn einer im Internet schreibt: Touristenfalle! Wir haben hier echte DJs aus Berlin, echte Bands. Das wird es nicht mehr lange geben. Nur noch den Industry-Shit. Die Clubs werden zu Läden der Musikindustrie. Wie in Los Angeles. Aber nicht mit mir! Ich bin der, der sagt: Wir schaffen das mit Burgern und Ribs und Tattoo-Shop!

tip Für die Miete in Prenzlauer Berg hat das aber offenbar nicht gereicht.
Wally Potts Als wir ausgezogen sind, stand am nächsten Tag im Berliner Fenster: ehemaliges White Trash zu vermieten für, ich glaube, 23.000 Euro pro Monat. Mehr als ich dort bezahlt habe. Du kannst nicht mit Burgern und Bier 20.000 Euro Miete im Monat zahlen. Das ist crazy.

tip Was hat sich am Flutgraben geändert?
Wally Potts?Es ist das erste Mal, dass ich von Eigentümerseite gewollt bin. Meistens war es so: Ich nerve nur. Und die wollen mich so schnell wie möglich wieder raushaben. Dieser Zwischennutzungseffekt: typische Gentrification. Ist uns auch einige Male passiert. Es war unser dritter Umzug. Wir haben damals keine große Eröffnungsparty gemacht. Die machen wir jetzt! Vorher war es nur ein Provisorium mit einem Raum für alles. Manche wollen nur essen, aber eine Band spielt lauten Rock. Dann hauen die wieder ab.

tip Die Kisten neben der Bühne im „alten Raum“ sehen auch sehr provisorisch aus.
Wally Potts Das ist unsere architektonische Lösung aus „Inglourious Basterds“. Wir kennen ein paar Leute von der Filmcrew. Die hatten für eine Szene 300 Kisten gebaut. Uns haben sie nach den Dreharbeiten  angeboten, alle Kisten mitzunehmen. Die „Tarantino-Boxes!“

tip Haben Sie zwischendurch mal gedacht: Warum tue ich mir das alles eigentlich an?
Wally Potts Ich habe mal überlegt, den ganzen Shit zu verkaufen und einen großen Tacos-Truck zu kaufen. Aber wahrscheinlich nicht in Berlin. Irgendwo, wo ein Strand ist.

tip Das „Zeit-Magazin“ nannte Sie den „inoffiziellen Gründungsvater dieses New Berlin“ – wo jeder Englisch spricht. Nervt das?
Wally Potts Fuck, ja! Ich kam 1990 über den Austausch mit einer Kunstschule von Los Angeles nach Berlin. Meine ersten Jobs waren auf Ost-Baustellen. Da konnte gar keiner Englisch. Drei Jahre habe ich gebraucht, um Deutsch zu lernen. So wenig habe ich nie in meinem Leben geredet. Immer nur zugehört. Interessante Therapie: nicht so viel Bullshit reden.

tip Klingt nicht nach einem geselligen Alltag.
Wally Potts Ich war oft allein mit meinem Hund. Meine erste Wohnung war in der Rigaer Straße in Friedrichshain. Ich war gepierct, mit Lederjacke und Glatze, tätowiert. Und wahrscheinlich der einzige Amerikaner in der Gegend. Aber Hund hilft! Hund hilft auch, Frauen zu treffen.

tip Ihre vierjährige Tochter hat es jetzt leichter.
Wally Potts Sie kann drei Sprachen. Italienisch, Deutsch, Englisch. Ihre Mutter ist Italienerin.

tip Hat Sie das Vatersein verändert?
Wally Potts Insgesamt schon ein bisschen. Weiß nicht, ob wegen des Kindes. Es ist nicht mehr wie in den ersten Tagen. Wolfgang ( Sinhart, Mitbetreiber – Anm. d. Red.) und ich waren jeden Tag dort, von morgens bis …  – morgens! Aber nach 15 Jahren suche ich mir aus, wann ich da bin.

tip Wenn Motörhead kam, zum Beispiel? Die waren kurz vor dem Tod von Sänger Lemmy Kilmister Ende letzten Jahres bei Ihnen.
Wally Potts 40 Jahre Motörhead haben sie bei uns gefeiert. Das war vor acht Wochen. Wir kennen Motörhead seit Torstraßenzeiten. Meine Schwester hat einen crazy Motörhead-Kuchen gebacken. Am nächsten Tag fiel das Konzert aus. Alle dachten, die haben zu viel gesoffen im White Trash. Aber es lag nicht an Lemmy, sondern an Phil (Gitarrist Philip Campbell – Anm. d. Red). Der hatte was mit dem Magen. Er war aber gar nicht bei der Party dabei.

tip Das Konzert wurde kurz darauf nachgeholt.
Wally Potts Da sind sie wieder hergekommen. Lemmy war an dem Abend sehr gut drauf. Eine Besucherin hat mich gefragt: Kannst du Lemmy fragen, ob er auf meinem Arm unterschreibt? Dann ließ sie das bei uns drübertätowieren. Und Lemmys Freundin Cheryl hat sich „Motörhead“ eintätowieren lassen – auf den Hintern.

tip Ist es ein Konzept, nach Konzerten in der Arena nebenan die Bands herzuholen?
Wally Potts Wenn, dann nur für den Spaß. Oder für ein Showcase. Wie die Eagles of Death Metal, die immer vorbeikommen, wenn sie in Berlin sind. Oder Wolfmother. Statt für ihr Essen zu bezahlen, haben sie ein Set gespielt.

tip Neulich war auch Peter Doherty da.
Wally Potts Der rief mich am Abend vorher an: Hey man, kann ich vorbeikommen und spielen? Ich war im Ausland, hab das über Handy organisiert. Um zehn Uhr morgens rief er wieder an: Wir sind tatsächlich in Berlin! Dann haben wir es im Netz angekündigt. Wir mussten einige Gäste wegschicken, weil sie zu jung waren!

tip Das White-Trash-Publikum altert nicht mit?
Wally Potts Es hängt davon ab, was man anbietet. Durchschnittlich sind wir kein superjunges Publikum. Aber jetzt haben wir frühabends auch Familien, die kommen zum Essen. Viele Leute denken ja, wir spielen hier nur Slayer.

tip Was spielen Sie denn für die Familien?
Wally Potts Slayer! (lacht) Aber nicht so laut.

tip Damit die Kinder es gleich lernen?
Wally Potts Die Kinder finden es gut. Gitarren und Schlagzeug. Die wissen schon, man darf hier auf Stühle und Tische klettern. Nach ein paar Bieren stehen die Eltern auch auf den Tischen. Okay.  Solange sie nicht mit Gläsern werfen.

tip Mit Gläsern werfen?
Wally Potts Ich habe einmal ein Bierglas ins Gesicht bekommen. So ein Wut-Ding. Aber ich mag es, wenn man auf die Tische steigt, oder auf die Bühne. Deswegen haben wir im Ballroom auch Striptease, Dancing-Poles, Käfige, sowas. Es soll ein kleiner Spielplatz sein.

tip Ein Erwachsenenspielplatz.
Wally Potts Wir fragen vorher nach dem Ausweis (lacht).

tip Apropos Alter. Hatten Sie nicht mal die Idee eines Clubs für ältere Clubbetreiber?
Wally Potts Ja, das Retirement Village! Um unsere Rente zu sichern. Ich habe oft mit Ben de Biel von der Maria gesagt: Wir gehen nicht in Rente, wir gründen einen Rentner-Club, wo wir die Bar und die Konzerte machen.

tip Altersgerechtes Feiern sozusagen.
Wally Potts Die Gäste müssen ja nicht alt sein. Ich habe gehört, in Texas gibt es einen Old Strippers Club. Das ist ein Club, wo ältere Stripper, Barleute und Clubleute sind. Und der Laden soll angeblich immer voll sein!

Interview: Erik Heier

Foto: Harry Schnitger

White Trash Fast Food
, Am Flutgraben 2, Treptow, tgl. ab 12 Uhr, whitetrashfastfood.com

Drei Umzüge
Mitte der 90er-Jahre gründete Wally Poots das White Trash Fast Food im Haus Schwarzenberg in Mitte. Nächste Orte: ein Ex-Chinarestaurant in der Torstraße (wo Wolfgang Sinthart dazukam) und ein ehemaliger Irish Pub in der Schönhauser Allee. Seit April 2014 residiert das White Trash am Flutgraben 2 in Treptow.

White Trash Ballroom
Mit der Eröffnung des White Trash Ballrooms am vergangenen Wochenende verfügt man nun über 2100 Quadratmeter Fläche innen, 1000 Quadratmeter Biergarten außen und insgesamt 1000 Sitzplätze.

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