Musikfest Berlin

Interview mit Wolfgang Rihm

„Jeder weiß, dass ich keinen Computer benutze“ – Der Komponist Wolfgang Rihm über die konzertante Aufführung seines Balletts „Tutuguri“ – und die Schönheit des Trivialen

Wolfgang Rihm
Foto: Kai Bienert

tip Herr Rihm, wir kommunizieren hier per Fax. Indiskrete Frage: Haben Sie denn keinen Computer?
Wolfgang Rihm Daran ist nichts Indiskretes, denn jeder weiß, dass ich weder E-Mail noch Computer benutze. Allerdings nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil ich keine Zeit habe und nicht tippen kann. Ich schreibe alles mit der Hand, das geht schneller. Ich brauche meine Zeit zum Arbeiten. E-Mails würden mich nur stören.

tip „Tutuguri“ ist eines der wenigen, großen Ballette der letzten Jahrzehnte. Werden Ballette so selten komponiert, weil man jede Musik „vertanzen“ kann?
Wolfgang Rihm Ja. Tanztheater ist eine starke künstlerische Audrucksform. Ich denke mit Bewunderung an Sasha Waltz’ Realisation meiner „Jadgen und Formen“. Wir wissen, dass jede Musik als Bewegungstheater realisierbar ist, Bach-Passionen werden ja auch „vertanzt“. Man könnte aus allen meinen Werken wunderbares Tanztheater zaubern, wenn man will… und kann. ­„Tutuguri“ wurde als Orchester- bzw. Schlagzeug-Komposition übrigens sehr oft aufgeführt. Der Schlagzeugteil (Tutuguri VI „Kreuze“) gehört zu meinen meistaufgeführten Werken und wird, glaube ich, sogar an Schulen als Bewegungstheater mit Schülern aufgeführt. Manche Werke haben erstaunliche Biographien.

tip Bei „Tutuguri“ handelt es sich um den tanzenden Priester in einem Poem von Antonin Artaud. Was fasziniert Sie dermaßen an schwarzen, okkulten Riten?
Wolfgang Rihm Ich empfinde nahezu jede Musik als einen rituellen Vorgang. Selbst lichte, ja heitere Formen empfinde ich, auf „pochende“ Archetypen bezogen, deren Ladung nicht oder kaum von uns beeinflusst, wohl aber „beantwortet“ werden kann. Am Grund jeder musikalischen Äußerung ist für mich eine Art perkussiver Motivation vernehmbar. Ist es unser Herzschlag? Die Peristaltik unserer nervlichen Reaktionsformen? Bei einem Sujet wie „Tutuguri“ gerate ich durch meine Arbeit ganz natürlich in die Nähe solcher urtümlich gespeisten Sphären.

tip Ihre großen Werke erfreuen sich in jüngster Zeit öfters der Wiederentdeckung. Ihre „Eroberung von Mexiko“ zum Beispiel, bei den Salzburger Festspielen, war die vielleicht erfreulichste Produktion der Saison. Wie sehen Sie selbst Ihre älteren Werke?
Wolfgang Rihm Für mich sind eigene Werke nicht „alt“ oder „neu“, da sie immer erst durch eine Realisation gegenwärtig werden – sie sind also immer Gegenwart. Ich gehöre nicht zu den Autoren, die entschuldigend vermelden: „Das ist aber ein ganz altes Stück.“ Es freut mich übrigens, dass Ihnen Konwitschnys und Metzmachers Salzburger „Eroberung“ so gut gefiel. Ich war mächtig stolz auf diese Produktion.

tip Musikalisch gesehen, sind Sie als Polystilist beschrieben worden. Haben Sie keine Sehnsucht nach einem einheitlichen Stil?
Wolfgang Rihm Die Vorstellung, Mozart habe im Mozart-Stil komponiert… während Brahms im Brahms-Stil komponiert habe und so weiter: Sie verstehen, dass ich nach dieser Sichtweise gar keine andere Wahl habe, als im Rihm-Stil zu arbeiten. Nachher ist man immer klüger. Von sogenannter Polystilistik als absichtlicher Strategie halte ich gar nichts. Wie viele Stile vereinigt Bachs h-Moll-Messe? Es ist vielleicht doch nicht so falsch, dass Komponisten nicht als Musikwissenschaftler komponieren.

tip Außerdem gelten Sie als durchaus intellektuell. Was ist das Trivialste innerhalb der Schrift-, Bild- oder Filmkultur, an dem Sie Gefallen finden können?
Wolfgang Rihm Ich suche die Gegenstände, mit denen ich mich beschäftige, nicht eigens ab nach Trivialität oder Erhabenheit. Was gibt es Erhabeneres als Laurel und Hardy im Rausch der Zerstörung? Was ist trivialer als der Wunsch „requiescat in pace“? („Ruhe in Frieden“, Anm. d. Red.)

tip Sie leben in Karlsruhe, einer Weingegend, und wirken durchaus sanguinisch. Worin sind Sie es?
Wolfgang Rihm Wenn ich es bin, dann wohl in allem. Selbst bei Interviews bin ich selten cholerisch. Eher melancholisch. Jedenfalls phlegmatisch, denn ich antworte ja geradezu pfeilschnell…

tip Die Arbeit des Komponierens bezeichneten Sie in unserem letzten Fax-Dialog als das „ewig lange Sitzen und Schreiben, dieses elende Durchhaltenmüssen, um zu einer Gestalt zu gelangen“. Geht es denn nicht ein bisschen schneller?
Wolfgang Rihm Das ist eine ernste Frage. Sicher möchte ich manchmal auch so flüchtig arbeiten wie die meisten, aber ich kann es nicht. Schneller hingegen scheint wohl kaum eine(r) arbeiten zu können als ich. Woran liegt das? Nun – ich tue sonst nichts und schreibe alles mit der Hand.

tip Und dazwischen?
Wolfgang Rihm Dazwischen lese ich Bücher, esse und trinke Wein. Ja – und ich schwimme gern. Nun ja, ich verbringe auch relativ viel Zeit als Lehrer und Gremien-Mitglied. Aber auch dabei hört die Arbeit innerlich nicht auf. Ich bin also unentwegt an der Arbeit – ohne es eigentlich zu bemerken. Denn selbstverständlich glaube ich stets, zu wenig Zeit für die Arbeit zu haben. Daher bin ich ständig im Stress – ohne auch diesen substanziell zu bemerken. Ja, was bemerke ich eigentlich überhaupt? Manche Menschen empfinden mich als entrückt – wohl weil ich ihnen nicht näher rücke. Für verrückt werde ich eigentlich kaum gehalten. Dazu bin ich wieder zu sanguinisch – was natürlich eine Schutzstrategie ist… Aber Sie fragten ja eigentlich nach dem Oeuvre. Wie sagt Freud? „Das Werk wird, wie es will.“

Philharmonie Sa 3.9., 19 Uhr, Eintritt 15-90 €

Höhepunkte Musikfest Berlin

Nono: La lontananza nostalgica utopica futura (Isabelle Faust, Violine)
Kammermusiksaal, Fr 2.9., 21.30 Uhr

Rihm/Pintscher: Concerto Séraphin/sonic eclipse  (Ensemble Intercontemporain, Ltg. Pintscher)
Haus der Festspiele, Fr. 9.9., 20 Uhr

Ligeti/Bartók/Strauss: Lontano/Violinkonzert Nr. 1/Sinfonia domestica  (Frank-Peter Zimmermann, Bayerisches Staats­orchester, Ltg. Kirill Petrenko)
Philharmonie, Mi 14.9., 20 Uhr

Zappa/Varèse: Music for Low Budget Orchestra etc./Ecuatorial etc. Ensemble Musikfabrik, Ltg. Carl Rosman
Haus der Festspiele, So 18.9., 20 Uhr

Das komplette Programm finden Sie hier

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