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Iron And Wine im Berghain

sam_beamMit Wallebart, ätherischer Gesangsfarbe und seiner zurückgezogenen Lebensweise irgendwo im Grünen in Texas verkörpert Sam Beam den Inbegriff des Songwriter-Kauzes: einsilbig, mit genialen Zügen, zudem mit imposanter akademischer Vorgeschichte als Filmdozent mit Malerei-Abschluss an der Uni Florida; eine Karriere, die er zugunsten der Musik mit Iron And Wine an den Nagel hängte.

Der Wechsel ins Troubadour-Fach liegt gerade mal sechs Jahre zurück, doch längst gilt Beam als feste Größe unter Amerikas Songschreibern. Sein jüngstes, viertes Album wird in der Heimat nun erstmals unter der Flagge eines Major-Labels veröffentlicht. Das ist nicht die einzige Veränderung seit dem vorigen Album „The Shepard’s Dog“, das bereits die Richtung vorgab: weg vom zarten Barden, der seine Songs in sparsame Folkklänge а la Nick Drake hüllte. Stattdessen hat Beam Gefallen gefunden an seiner Rolle als Bandleader einer gut aufgestellten Truppe befreundeter Musiker.

Ein Schritt ins Rampenlicht, der für den 36-Jährigen „gut zusammenpasst mit dem vorigen Album“, erzählt er im Interview. „Da gab es doch auch schon ein paar tanzbare Songs. Diesmal gibt es davon allerdings viel mehr: schnellere Sachen, mehr Dur-Harmonien.“ Wenn Iron And Wine damit nebenbei ein breiteres Publikum erreichen als die bisherige Songwriter/Indie-Hörerschaft, dann hat der Familienvater keineswegs etwas dagegen. „Jeder muss schließlich von irgendwas leben“, sagt er sanft.

Der neuen Groove-Seligkeit stehen auf der Textseite gewohnt elementare Themen gegenüber: Um Tod und Leben geht es und um den schicksalhaften Pfad, den jeder zu gehen hat, so wie der Ich-Erzähler in „Walking Far From Home“. Zu seinen Songtexten, die eher literarischen Gedichten gleichen als Songs, mag Beam nicht allzu viel erklären, nur so viel: „Der Fluss ist ein Grundmotiv als klassisches Bild für das Leben, das ständig bewegt ist, dauernd in Veränderung begriffen. Wenn du aber einen Schritt Abstand nimmst und es betrachtest, bleibt es doch immer gleich.“

Die warm tönenden Story-Songs sind bevölkert von eher sinistren Figuren: flüchtigen Delinquenten, schmierigen Gockeln, komischen Millionären, aber auch mal Teenage-Lovern in der herrlich vergilbten Soulballade „Tree By The River“. Ungewohnt rockig startet das Album mit der verzerrten E-Gitarre in „Walking Far From Home“ – bevor Beam mit  hoher Gesangsmelodie а la Neil Young einstimmt.

An scheue Wohnzimmer-Poesie denkt man da kaum mehr, auch nicht an dahin wehende Americana-Epen, wie sie Beam 2005 gemeinsam mit Calexico einspielte. Im Lauf der Platte erweitern Orgel, Xylofon und Percussion die Klangpalette, dazu kommt eine Bläser-Abteilung samt gestopfter Trompete, Querflöte und Saxofon-Soli. „Ich liebe R’n’B aus den Siebzigern, einiges davon gehört zu meinen Dauerfavoriten. Und ich mochte immer Jazz, Leute wie Miles Davis und Coltrane oder Neueres wie Sonny Sharrock, dessen Musik gleichzeitig heavy ist und wunderschön. Solche Musik wird für mich wichtiger, je älter ich werde“, erzählt Beam, der seine Songs im Studio-Anbau seines Familienquartiers schreibt, wo er mit seiner Frau und fünf Töchtern lebt. Am deutlichsten wird die Begeisterung für komplexe Grooves und freiere Songstrukturen im humorig betitelten Finale, „Your Fake Name Is Good Enough For Me“ – laut Beam „ein Mix aus Drowning-Blues mit afrikanischer Percussion plus Brass-Band“.

Beflügelnd wirkten offenbar die vielen Gäste im Studio des sonst im Alleingang tüftelnden Songwriters: experimentelle Geister wie die befreundete Band Califone oder auch Pianist Thomas Bartlett, den man von seiner Arbeit mit Antony & The Johnsons kennt. Seinen Musikern ließ Beam bewusst viel Freiraum: „Improvisation hat eine große Rolle gespielt, gerade was die Bläser angeht“, betont er. „Auf die Art kam eine Lebendigkeit in die Songs, die man durch arrangierte Parts nicht erreicht.“ Seine Wandlung vom scheuen Troubadour zum Groove-Magier findet Beam dabei nicht sonderlich bemerkenswert. „Ich habe einfach keine Lust, mich zu wiederholen“, murmelt er freundlich in seinen Bart.

Text: Ulrike Rechel

Iron And Wine

Berghain, Di 8.2., 21 Uhr (ausverkauft)

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