Konzerte & Party

Isabelle Faust im Kammermusiksaal der Philharmonie

Isabelle Faust

Wenn sie beim Spielen im Konzert den Kopf leicht wegdreht, ist sie: unzufrieden. „Ups, habe ich jetzt ein Geheimnis verraten?“, kiekst Isabelle Faust, als ihr diese Mitteilung entschlüpft. Kieksen ist nicht unbedingt eine Grundverfassung von ihr, weder musikalisch noch sonstwie. Bei der grundvernünftig wirkenden, aus Schwaben stammenden, in Charlottenburg wohnhaften Star-Geigerin scheinen Girlie-Assoziationen überhaupt deplatziert. Konzertpausen, so verrät sie, verbringe sie nicht mit Comic-Lesen. „Da schaue ich mir lieber noch einmal die schweren Stellen an.“
Bei Bach etwa gebe es einige Takte, „da zieht’s einem die Schuhe aus, wenn es nicht ganz sauber gespielt wird“. Das sind dann die Takte, die am ehesten anfällig dafür sind, dass Isabelle Faust den Kopf schräg legt. Nach Anne-Sophie Mutter – aber eigentlich sogar vor ihr! – kann Isabelle Faust heute als die beste deutsche Geigerin gelten. Claudio Abbado wählte sie für seine Aufnahmen des Alban-Berg- und des Beethoven-Konzertes. Es waren fast die letzten Aufnahmen des großen Dirigenten.
Isabelle FaustIsabelle Fausts CD-Aufnahmen bestechen durch Präzision, Ausgefeiltheit und ein herrliches Übermaß an kammermusikalischer Feinarbeit. Dass sie sich von einem Orchester oder von einem Pianisten einfach nur so begleiten lässt, wird man bei ihr nicht erleben. Bei Faust ist grundsätzlich alles so sehr durchwirkt, durchwalkt, miteinander verzahnt und voneinander durchdrungen, wie es mit einfachem Primadonnen-Ehrgeiz ganz unvereinbar wäre.
Das kommt, weil sie eher spät zur Solistin berufen wurde. „Ich komme vom Streichquartett her und habe dort viele Jahre lang zweite Geige gespielt.“ Auf die Frage, ob man den Geruch von zweiter Geige, wenn man sie einmal gespielt hat, niemals im Leben wieder loswird, antwortet sie prompt: „Na, das hoffe ich doch!“ Sie ist eine prononcierte Teamplayerin. Selbst dann noch, wenn sie mutterseelenallein auf der Bühne steht. Wie bei Bach. Dessen sechs Sonaten und Partiten spielt sie beim Musikfest jetzt an einem, langen Abend. „Ein schöner Schlauch, stimmt schon“, sagt sie über das Programm. Doch für das Publikum sei es in Wirklichkeit leichter, ganz in diese Musik abzutauchen, wenn man sie „in einem Schwung“ höre anstatt portioniert und in zwei Hälften aufgeteilt. „Ich weiß nicht, wer es vor mir gemacht haben könnte, aber ich mache es immer öfter.“ Ein Hang also zu Bach im Wagner-Format. „Warum nicht? Ich würde zwar nicht davon ausgehen, dass Bach selber sich vorgestellt hat, dass diese Gebrauchs-Werke in einem Zyklus aufgeführt werden.“ Aber das sei doch immer so, egal ob man die Werke nun in einer oder in zwei Portionen serviert.
Zur Geige kam sie früh. Aber nur deshalb, weil ihr Vater mit 31 Jahren plötzlich das Instrument zu lernen begonnen hatte. Beide hatten denselben Lehrer. „Ich habe nach einer Art Suzuki-Methode angefangen. Also ohne Notenkenntnisse während der ersten zwei Jahre. Daher musste mein Vater mir die Stücke vorspielen. Mit fünf Jahren habe ich angefangen, mit zehn oder elf habe ich ihn überholt.“
Isabelle FaustIrgendwann beschloss man, ein innerfamiliäres Streichquartett zu gründen. „Eine sehr gute Idee“, so Faust. Eine „kleine, diskrete Tür“ ging auf, als sie 1987 den Leopold-Mozart-Wettbewerb in Augsburg gewann. Von da an begann langsam, ihre Solokarriere loszuzuckeln. Mitte der 90er-Jahre empfahl der französische Cellist Jean-Guihen Queyras die damals 24-Jährige der Harmonia Mundi France. An einen privat geführten Familienbetrieb also, der für seine nachhaltige Künstlerpolitik bekannt ist. Hier hat sie bis heute fast zwei Dutzend Aufnahmen veröffentlicht. Den Durchbruch brachten die Beethoven-Sonaten gemeinsam mit Alexander Melnikov. Und jene Bach-Sonaten und -Partiten, die sie jetzt erstmals live im Kammermusiksaal spielt.
Dass ihre Stradivari auf den Namen Dornröschen hört, wird in keinem Artikel über Isabelle Faust verschwiegen. „Die Geige heißt so, weil sie so lange vergessen und verschollen war.“ Jahrelang befand sich das Instrument „im Besitz der von Böselager-Familie“, so Faust, „von der ein Familienangehöriger beim Stauffenberg-Attentat mitgeholfen hat.“ Sie habe die Geige bei einem Händler in München gefunden. „Das Instrument wurde für mich angekauft und einer Stiftung übertragen. Es gibt einen Leihvertrag mit einjähriger Kündigungsfrist.“ Pro Monat werde eine kleine Summe fällig, so Faust. „Das Teuerste bleibt die Versicherung.“ Immer noch besser so als anders. Viele Stiftungen, die Instrumente besitzen, verlangen heute „eine nicht unerhebliche Miete für ihre Geigen“. Das bleibt Faust erspart.
Am besten klinge jede Geige übrigens zu Hause. Geigen sind wetterfühlig und „nicht jeden Tag gleich gut drauf“. Vor einiger Zeit sei sie in Kanada gewesen, „wo zwischen null und zwei Grad Celsius herrschten, mit Schnee, Regen und Sturm“. Dann nach Florida: „Hohe Luftfeuchtigkeit bei warmen Temperaturen.“ Und wieder zurück nach Boston. „Das mag eine Geige gar nicht.“ Inwiefern? „Der Klang wird fest, man kann ihn nicht zum Schwingen bringen.“ Vor allem die Obertöne entstehen nicht, so Faust. „Es klingt wie Pappe.“
Dergleichen hat sie in Berlin nicht zu befürchten, wo noch dazu ein Lokalbonus für entspannte Aufführungsbedingungen sorgen wird. Fausts Bach-Marathon verspricht eine der exquisitesten Konzentrations-Leistungen dieses Herbstes zu werden. Nicht nur für sie. Sondern für alle Beteiligten. Es ist einfach: Bach satt.

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Foto oben: Marco Borggreve

Fotos mittig und unten: Felix Broede

Isabelle Faust, Kammermusiksaal der Philharmonie. Fr 19.9., 19 Uhr, Karten-Tel. 25 48 91 00

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