Konzerte & Party

Ist Musik schwul?

Hagen LiebingDie ersten Popstars, die mich als Kind faszinierten, waren ein Mann, der sich in einen schwarzen, zerlöcherten Elastikdress zwängte, und vier Prolos, die in knallengen Silberanzügen, Federboas und dickem Make-up aufliefen. Ich habe zu Alice Cooper, The Sweet und später auch zu Queen gerockt, ihnen nachgeeifert, ohne dabei zu wissen oder auch nur wissen zu wollen, ob davon jemand schwul sei. Sie waren ANDERS. Das war der entscheidende Punkt. Und ihr Mut, anders zu sein, half mir als Teenager dann selbst, gegen den Strom zu schwimmen.
Heute beschwören Medien, Plattenfirmen und selbst viele Künstler eine „queere Musik“. Die ist bei ihnen zum Synonym für selbstbewusste, schwul-lesbische Klänge geworden. Aus eigentlich für jedermann interessanten Individuen werden durch diese ­Pointierung leider nur noch Schubladenbewohner mit spezifischer sexueller Ausrichtung, die nebenbei auch Musik machen. Und deren Queer Music reiht sich ein in eine Folge weiterer nichtssagender Genres wie New Wave, ­Indie-Rock oder auch Fun-Punk.    
Wer sein Anderssein aber per Schubladenbegriff für sich reklamiert, der folgt nicht nur dem ganz gewöhnlichen Drang der Markenbotschafter nach dem griffigen Alleinstellungsmerkmal, sondern er beraubt sich auch selbst des schönen, attraktiven Irritationspotenzials. Denn wenn heute ein Teenager den schrägen Antony Hegarty oder Beth Ditto sieht, dann erliegt er erst gar nicht mehr dem Zauber des Geheimnisvollen. Er winkt einfach nur ab und sagt: Queer? Klar, kenn ich! Das findest du hinten im ­Regal zwischen Punk und Reggae.

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