Konzerte & Party

Jack White im Tempodrom

Jack White

Früher war alles ganz einfach. Früher war Jack White treibende Kraft der White Stripes. Doch dann begann die Band zu schwächeln. So sehr, dass ihre im letzten Jahr verkündete Auflösung keine Überraschung mehr war. Die Gründe dafür seien vielfältiger Natur gewesen, heißt es in der Abschiedserklärung. Es hätte weder musikalische Differenzen noch gesundheitliche Probleme gegeben. Man hätte schon weitermachen können, aber am Ende sei es Jack und Meg White wichtiger gewesen, das zu bewahren, was an dieser Band „wunderbar und besonders“ gewesen sei. Man darf gespannt sein, ob das wirklich die letzten Worte in dieser Angelegenheit waren. Von Ausnahmen abgesehen hat jede Band irgendwann einen zweiten und nicht immer notwendigen Anlauf unternommen. Aber vielleicht kommt es in diesem Fall wirklich nicht dazu. „Es wäre definitiv seltsam, wieder zu den White Stripes zurückzugehen. Ich müsste dann mein Spiel überdenken„, wird White auf contactmusic.com zitiert. Alles nur ein Spiel? Es wäre wirklich mal was Neues, wenn sich jemand gegenüber einer verbreiteten Unsitte verweigern würde. Wenn einer deshalb der Verlockung widersteht, einen erfolgreichen Namen zu melken, weil er sich ständig neu beweisen will.
Jack WhiteSei es, wie es sei: White geht auf jeden Fall geschickt vor. Er ist ein Stratege. Er weiß, dass es besser ist, wenn man wie beim Mensch-ärgere-Dich-nicht mehrere Figuren im Spiel hat. Eine davon steht für die Idee der Zweitband. 2005 gründete White mit ein paar Kumpels aus Detroit das sanftere Quartett The Raconteurs. Drei Jahre später machte er auf einer Raconteurs-Tour Bekanntschaft mit Alison Mosshart von The Kills. Es lief so gut, dass er mit ihr wenig später die mysteriös wirkende Gruppe The Dead Weather auf die Beine stellte. In beiden Fällen darf man von Versuchen sprechen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn White auch diese Bands bald aus dem Spiel nimmt. Denn es gibt ja noch weitere Betätigungsfelder für ihn. Eine betrifft die Rolle als Produzent und Wahrer der Musiktradition. Zwei der wichtigsten Klientinnen waren Loretta Lynn und Wanda Jackson. Deren große Zeit liegt mehrere Jahrzehnte zurück, aber ihre Songs und Stimmen sind im Gedächtnis geblieben und einmalig. „The Party Ain’t Over“ heißt das für Jackson produzierte Studioalbum. Es ist bei Whites Label Third Man Records erschienen, das sich mehr und mehr zu einem Mini-Refugium entwickelt. Es beherbergt nicht nur Büroräume, sondern auch einen Plattenladen und einen Live-Club. Auf dem Label erschienen zumeist Liebhabersingles im 7”-Format von ganz unterschiedlichen Künstlern. Beck hat gerade auf Third Man veröffentlicht, in der Vergangenheit taten es Jerry Lee Lewis oder Rapper Black Milk.
In gewisser Weise hat auch Whites neuester Move mit dem Label zu tun. Ausgangspunkt war ein Termin für eine Session mit RZA, den der Produzent von Wu-Tang Clan kurzfristig absagen musste. Da die anderen dafür vorgesehenen Musiker aber bereits angereist waren, entschloss sich White, mit ihnen spontan ein paar eigene Stücke aufzunehmen, aus denen sich nach und nach das Soloalbum „Blunderbuss“ entwickelte. Dieses fällt schon optisch auf. Bei den White Stripes stachen Rot und Weiß als dominante Farben ins Auge, bei The Dead Weather das Schwarze und nun kommt sowohl auf dem Plattencover als auch beim Bühnenoutfit das Blaue ins Spiel. Die Musik wird live je nach Lust und Laune entweder von der weiblichen Begleitband The Peacocks oder von einem männlichen Pendant namens The Buzzards gespielt. Schließlich wird man mit einem Sound konfrontiert, der sich in mancherlei Hinsicht anders als bei Whites bisherigen Etappen anhört. Der draufgängerische und minimalistische Garagenrock aus der Detroiter Zeit ist einer sanfteren und üppiger arrangierten Variante gewichen. Nicht der ruppigen Gitarre, sondern dem Piano fällt eine tragende Rolle zu. Einflüsse aus Whites heutigem Wohnort Nashville in Form von Country-Andeutungen sind ebenfalls auszumachen. Mit diesen Mitteln hat White seinen über die Jahre angeeigneten Stil nicht aus den Angeln gehoben. Er hat ihn aber so überarbeitet, dass er unverbraucht wie eh und je wirkt. White brachte es gegenüber dem britischen Magazin „Uncut“ folgendermaßen auf den Punkt: „Ich bin sehr daran interessiert, die vorgefassten Meinungen der Leute durcheinanderzubringen.“ Auch wenn es darum geht, kann er mit sich mehr als zufrieden sein.

Text: Thomas Weiland

Fotos: XL Recordings

Jack White, Tempodrom, Di 26.6., 20 Uhr, ausverkauft

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