Pop

James Bay

„Ich lasse meine Fans nicht völlig im Regen stehen“ Beim Interview im Berliner Soho House ist James Bay kaum wiederzuerkennen. Der Sänger überrascht mit einer Kurzhaarfrisur. Von seinem Hut, einst sein Markenzeichen, hat er sich ­getrennt. Auch musikalisch geht der Brite neue Wege. Auf ­seiner zweiten CD „Electric Light“ verpasst er seinen Liedern mit elektronischen Beats einen frischen Anstrich

James Bay wurde am 4. September 1990 in Hitchin geboren. Mit elf Jahren begann er, Gitarre zu spielen. Sein Debütalbum „Chaos and the Calm“ schoss 2015 an die Spitze der UK-Charts, es war europaweit in den Top Drei vertreten und stand auf Platz 15 der ­US-Charts. Die CD verkaufte sich ­millionenfach. „Hold back the River“ wurde ein internationaler Hit. Der Brite, der in ­London lebt, bekam zwei Brit Awards und einen Echo. Sein zweites Album „Electric Light“ ist im Mai erschienen.

tip Sie scheinen sich komplett neu erfunden zu haben.
James Bay Sagen wir so: Stillstand langweilt mich. Ich habe keine Lust, bis in alle Ewigkeit als feinfühliger Singer/Songwriter unterwegs zu sein. Wenn ich mit meinem neuen Album bloß „Chaos and the Calm 2“ abgeliefert hätte, wäre ich nicht zufrieden gewesen. Für mich sind Musiker wie David Bowie Vorbilder, weil sie sich ständig verändert haben. Bowie hat mal gesagt: „Ich weiß nicht, was ich als nächstes machen werde, aber ich verspreche, dass es nicht langweilig sein wird.“ Ich denke, diesen Leitsatz sollte jeder Künstler verinnerlichen.

tip Haben Sie auf „Electric Light“ deshalb begonnen, mit Beats zu experimentieren?
Als ich meine neuen Stücke geschrieben habe, hörte ich ganz unterschiedliche Musik: Lorde, Frank Ocean, Chance the Rapper, LCD Soundsystem und natürlich Bowie. All das hat mich irgendwie beeinflusst. Trotzdem lasse ich die Fans meines Debütalbums nicht völlig im Regen stehen. Mit einigen Liedern schlage ich durchaus eine Brücke zwischen „Chaos and the Calm“ und „Electric Light“.

tip Ihr Song „Pink Lemonade“ huldigt klanglich aber eher The Strokes und Blondie.
Was für ein Kompliment – danke! Besonders die Blondie-Platte „Parallel Lines“ finde ich großartig. Sie hat einen tollen Sound. Das liegt wohl auch daran, dass Mike Chapman ein Ausnahmeproduzent war.

tip Steht die Musik bei Ihnen höher im Kurs als die Texte?
Beides sollte selbstverständlich Hand in Hand gehen. Wobei ich mir im Vorfeld kein bestimmtes Sujet für meine CD gesucht habe. Es war nicht abzusehen, dass sich das Thema Einheit durch die meisten Nummern ziehen würde.

tip Sie wollten also kein Konzeptalbum aufnehmen?
Nein. Ich war in einer ähnlichen Situation wie David Bowie mit seinem Major Tom: Erst im Rückblick bin ich mir der Tragweite meines Schaffens wirklich bewusst geworden. Als Bowie 1969 Major Tom in dem Titel „Space Oddity“ aus der Taufe hob, hatte er mit Sicherheit noch nicht den Plan, ihn 1980 in „Ashes to Ashes“ wiederauferstehen zu lassen. Das hat sich halt so ergeben. Obgleich uns aus heutiger Sicht sofort die Verbindung zwischen diesen beiden Liedern ins Auge springt.

tip Bowie war ein Superstar, den so ziemlich jeder geachtet hat. Warum haben Aus­nahmekünstler wie er gegenwärtig Seltenheitswert?
Weil man jungen Musikern nicht die Zeit gibt, zu experimentieren und zu reifen. Bowie gelang der Durchbruch erst 1971 mit „Hunky Dory“ – also mit seiner vierten Platte. Und danach waren seine Konzerte keineswegs ausverkauft. Die Hallen sollen oftmals nur halbvoll gewesen sein. Dennoch kam niemand auf die Idee, Bowie abzuschreiben. Wenn bei ihm mal etwas nicht so gut funktioniert hat, machte die Plattenfirma kein großes Aufheben darum. Bowie durfte Sachen ausprobieren, sich verändern, sich weiterentwickeln. Seien wir ehrlich: Stadien hat er erst in den 80er-Jahren gefüllt. Er musste lange darauf hinarbeiten.

tip Ist Ihrer Ansicht nach der Druck auf junge Musiker gewachsen?
Ich würde gar nicht unbedingt behaupten, dass wir unter Druck gesetzt werden. Das Problem liegt woanders. Heutzutage haben die meisten Menschen nur noch eine extrem geringe Aufmerksamkeitsspanne. Darum muss alles unheimlich schnell gehen. Der Erfolg soll praktisch über Nacht kommen. Dummerweise geht das nicht so leicht. Sonst hätte Bowie wohl nicht gut 15 Jahre gebraucht, um mit „Let’s Dance“ seinen ersten internationalen Hit zu landen. Einige Leute sind sogar der Meinung, Bowies beste Musik finde sich auf seinen ­beiden letzten Alben. Sprich: Er hat mehr als 40 Jahre gebraucht, um den Gipfel seiner ­Karriere zu erklimmen.

tip Zwischenzeitlich hatte David Bowie erhebliche Drogen­probleme. Wie ist Ihr Verhältnis zu Drogen?
Ein moderner Popstar lässt besser die Finger von Rauschmitteln jeglicher Art. Schließlich leben wir im Zeitalter der mit Kameras ausgestatteten Smartphones. Da muss man ständig auf der Hut sein und darauf achten, was man in der Öffentlichkeit tut. Das kann ich nur, wenn ich einen klaren Kopf habe.

tip Sind Sie ein Kontrollfreak?
Ich würde das anders formulieren: Ich bin sehr ehrgeizig und weiß, dass ich als Musiker im Wettbewerb mit anderen stehe. Ein Platz im Mittelfeld reizt mich nicht. Ich strebe danach, der Beste zu sein. Vielleicht spiele ich deshalb zur Entspannung gern Fußball. Dabei geht es ja auch ums Gewinnen.

tip Sie sind jetzt 27. Wo sehen Sie sich mit 30?
Ich möchte dann auf jeden Fall noch ein weiteres Album herausgebracht haben. Außerdem will ich in größeren Hallen auftreten, in weiteren Städten Konzerte geben und noch mehr Shows ausverkaufen.

tip Müssen Sie sich dafür permanent selber promoten?
Das hängt wohl davon ab, wie gut mein Produkt ist. Im Ernst: Ich versuche, nicht meine Person so stark in den Vordergrund zu rücken, sondern meine Musik. Die Leute sollen lieber einen meiner Songs hören, statt sich ein Foto von mir anzugucken.

tip Dabei posieren Sie inzwischen ziemlich lässig vor der Kamera.
Ich sehe das als Teil meines Jobs. Je häufiger ich Shootings mache, desto wohler fühle ich mich in dieser Situation. Doch anfangs tat ich mich mit Fotoproduktionen schwer. Ich fand es nicht besonders kreativ, mich in Pose zu werfen. Das war für mich lediglich ein notwendiges Übel.

HUXLEY’S NEUE WELT Hasenheide 107–113, Neukölln, Di, 12.6., 20 Uhr (ausverkauft)

Mehr über Cookies erfahren