Konzerte & Party

James Blake im Berghain

James Blake

Wohin die Musik in diesem Jahrzehnt steuert? Darüber kann man sich immer noch vorzüglich streiten. Einer, der glaubt, etwas zu wissen, ist Geoff Barrow. „Ob man sich an diese Dekade als die Zeit erinnern wird, in der Dubstep und Pub-Sänger aufeinandertrafen?“, überlegte er unlängst laut auf Twitter. Den Zeitpunkt hatte er so gewählt, dass der Adressat nur James Blake sein konnte – der James Blake, über den zurzeit alle reden. Die Despektierlichkeit hat dann auch gleich für Wirbel gesorgt. Barrows Worte haben durchaus Gewicht, schließlich ist er musikalischer Leiter von Portishead und Betreiber des Labels Invada Records. Er gibt in Interviews gerne den Miesepeter, der auf Distanz zu allem geht, was erfolgreich ist und Wärme ausstrahlt. Das ist sein gutes Recht. Doch in diesem Fall liegt er mit seiner Kollegenschelte einfach nur falsch.
Wer das erste Album von James Blake noch nicht kennt, sollte bei Youtube vorbeischauen und sich eine in den Studios der BBC aufgenommene Live-Performance des Songs „The Wilhelm Scream“ ansehen. Der 22-Jährige sitzt vor seinem Prophet-Keyboard und singt schüchtern, aber dabei seltsam inbrünstig über seine Gefühle. Gitarrist und Schlagzeuger begleiten ihn unauffällig. Plötzlich ändert sich alles. Auf der Stimme liegt Hall, der Synthesizer surrt laut und deutlich, es entsteht eine Art Unterwasseratmosphäre.  Dieses beeindruckende Zwischenspiel zeigt, dass Blake Gefühl für kompositorische Dramatik besitzt. Wenn man ihm hier zuhört, denkt man ganz gewiss nicht an einen x-beliebigen Kneipenunterhalter. Man denkt eher an etwas, das es so noch nicht gibt. An Minimal Soul. Doch Blake tut sich schwer mit solchen Zuordnungen und nennt ein abschreckendes Beispiel. „Ich werde oft mit Jamie Lidell verglichen“, klagt er. „Wenn man sich das Zeug von Jamie Lidell und seine Art des Gesangs aber anhört, fühlt es sich wie ein Revival an. Um es ganz offen zu sagen: Wenn den Leuten dieser Vergleich einfällt, sollten sie ihr Gehör überprüfen lassen.
James BlakeAuf der sicheren Seite ist man, wenn man Blake mit Dubstep assoziiert. Dieses Genre geistert seit etwa zehn Jahren durch die Szene und meint eine an den jamaikanischen Dub angelehnte Spielform der elektronischen Musik mit schleppenden Rhythmen, unkonventionellen Klöppelgeräuschen, kaum Gesang und den tiefsten Bässen seit Menschengedenken. Es ist die Musik, mit der für James Blake alles angefangen hat. Bevor er eigene Stücke produzierte, war er in Britannien als DJ unterwegs. Sein zweites Wohnzimmer war der Londoner Club FWD, in dem sich bis heute beinharte Fans des Genres verschanzen. Blakes erste EP „Air & Lack Thereof“ erschien 2009 und gehört eindeutig ins Dubstep-Fach, hebt sich wegen Stimmsamples und verspielten Kleinigkeiten aber vom Gros vergleichbarer Produktionen ab, die viel düsterer und apokalyptischer klingen. Der Prozess der Entfernung von der reinen Lehre findet mit dem Debütalbum einen vorläufigen Höhepunkt. Hier zeigt sich, dass sich Blake von einem Produzenten introvertierter Tracks für die Liebhaberecke allmählich zum Künstler mit ernsthaften Songschreiber-Ambitionen entwickelt. Sein bekanntester Titel „Limit To Your Love“ stammt zwar aus der Feder der formidablen Leslie Feist, aber eigene Ergüsse wie „Measurements“ sind ebenfalls hörenswert. „Lindisfarne“ kann sich auf eine Insel im Nordosten Englands oder die gleichnamige Folk-Rock-Band beziehen. Das Thema Folk taucht interessanterweise auch in einem Gespräch mit der Online-Seite „Pitchfork“ auf: „Ich hatte eine Weile die Orientierung verloren, weil ich mir ein paar folkige Bands angesehen habe und ich mich dabei fragte, warum ich eigentlich ein Schlagzeug benötige.“ Blake scheint eine sprunghafte Art an sich zu haben, was die Vorlieben angeht. Seine frühen Leitfiguren waren Erik Satie und Art Tatum. Klassischer Pianist wollte er dann aber doch nicht werden. Am Londoner Goldsmiths-College studierte er populäre Musik. Heute hört man bei ihm die reduzierte Methodik eines Matthew Herbert, die Meditationen eines D‘Angelo und sogar die Dramen eines Antony Hegarty heraus.  
Blake hat einen breiten Horizont und allein schon aus diesem Grund beste Voraussetzungen, in die Geschichte einzugehen. Im Augenblick ist er aber der Musiker, der Dubstep aus dem Untergrund befreit und einem größeren Publikum zugänglich gemacht hat. Versuche in diese Richtung hat es in den vergangenen Monaten ja mehrere gegeben. Die Supergruppe Magnetic Man versucht es mit einer Annäherung an die hymnischen Klangflächen aus dem Rave-Techno, die Sängerin Katy B wird als weibliches Pop-Gesicht aufgebaut. Das hat auch seinen Wert, wirkt aber auch eine Spur zu verzweifelt und hysterisch. Bei Blake hat man das Gefühl, alles sei organisch entstanden, ohne Kalkül. Vor allem hat der Youngster auf wunderbare Weise die Ruhe weg. Und davon kann man in diesen hektischen Zeiten nicht genug kriegen.

Text: Thomas Weiland

James Blake + Cloud Boat, Berghain, Sa 16.4., 20 Uhr, ausverkauft

Mehr über Cookies erfahren