Konzerte & Party

James Chance & The Contortions im Hebbel am Ufer

James Chance

Im New York der späten Siebziger waren die Grenzen zwischen Punk und Jazz fließend. Sogenannte Non-Musicians, die kaum auf ihren Instrumenten spielen konnten, aber über unglaubliche Ausdruckskraft verfügten, hatten in den kreativen Schluchten von Südmanhattan Konjunktur.
Brian Eno machte sich auf den Weg über den großen Teich, um mit dieser Szene auf der Compilation „No New York“ den No Wave auszurufen. Neben Arto Lindsay und Lydia Lunch ging ihm dabei auch der Saxofonist James Chance in die Fänge. Der sah mit speckiger Tolle und zerknautschtem Anzug zwar wie der junge Chet Baker aus, gebärdete sich aber wie James Brown. Mit seinem Szene-Hit „Contort Yourself“ ging ihm eine kantige Funk-Nummer ab, die für ein paar Monate aus den Boxen aller In-Clubs hämmerte. Seine Contortions lieferten gar die Vorlage für die berühmten Lounge Lizards. „John Lurie folgte mir auf Schritt und Tritt und versuchte mich zu imitieren“, beschwerte sich Chance noch anderthalb Jahrzehnte später. Leider war Lurie mit seiner Kopie wesentlich mehr Glück beschieden als dem Original. Chance konnte mit seinem kurzzeitigen Erfolg nichts anfangen, verfiel dem Heroin und blieb nur Insidern in Erinnerung.
Bis er letztes Jahr mit seinem neuen Album „The Fix Is In“ plötzlich aus der Versenkung auftauchte. Sein Spagat zwischen funkiger Hipness und zwielichtiger Jazztradition а la Duke Ellington ist sogar noch provokanter als ehedem. Die Platte klingt wie ein im falschen Tempo abgespielter Film-Noir-Soundtrack, und von Chance’ Schnodderigkeit kann selbst Elvis Costello noch lernen. Ein Crooner des ewigen Undergrounds, verkörpert er auch nach seiner Auferstehung die menschlichen Abgründe im gentrifizierten New York.
James Chance ist ein Stück Zeitgeistgeschichte. Sein distinguiert lässiges Auftreten weist ihn als einen der letzten legitimen Nachfahren Humphrey Bogarts aus. Aber er hat nicht nur Charme und Stil, sondern beherrscht auch jenen sarkastischen Unterton zwischen sturem Überlebenswillen und Resignation, der sich spätestens seit Francis Scott Fitzgerald durch die amerikanische Kunst zieht.

Text: Wolf Kampmann

James Chance & The Contortions, Hebbel am Ufer – Hau 2, So 5.6., 19 Uhr, VVK: 16,50?Euro?/?erm. 11?Euro

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