Future Jazz

Jamie Isaac spielt im Privatclub

Der mit dem King kotzt: Jamie Isaac, 24, macht absolut zeitgemäßen, jazzgetränkten Bossa Nova „für Teenager von 20 bis 30“, wie er sagt – weil ihm Chet Baker auf Heroin das Hirn weggeblasen hat. Grabes-texte, auf die man tanzen will, auch – Spoiler! – wenn man kein Teenie mehr ist

Foto: Bolade Banjo

Kein zweites Album wurde 2017 so abgöttisch gefeiert wie das von King Krule, dem 24 Jahre jungen Angry Man aus Albion. Dieser King hat einen weniger pissigen, dafür piano-affineren besten Freund: Jamie Isaac, ebenfalls 24, ein junger Jazzer, der nachdenklich-souligen Tracks auf seinem neuen, zweiten Album schön Bossa-Breitseite gibt – und wie ein unehelicher Sohn von Hot Chips Alexis Taylor und James Blake drüber singt, was ihm den Schlaf raubt. „(4:30) Idler“ heißt das Album, Morgens-Halb-Fünf-Müßiggänger. „So hab ich mich gefühlt“, erzählt Jamie Isaac beim Spazieren am Landwehrkanal. „Wie ein Leerdreher.“ Da hat jemand Schlafprobleme. „Halb fünf ist so ein Niemandsland“, sagt Jamie Isaac. „Zu spät für das eine und zu früh für das andere.“ Sein Trick, klar: Musik machen. „Das verschafft Befriedigung. Das hilft dabei, ins Schlummerland zu gleiten.“ Musik zum Grübeln macht er. „Für Teenager von 20 bis 30“, schmunzelt Isaac und dreht sich eine Zigarette. 20 Kippen Tagesdosis. Drogen nimmt er keine, doch sein Konzept von Romantik stammt, sagt er, von Chet Baker, dem Trompeter, ultra-high auf Heroin. „Man fühlt sich bei ihm im allerbesten Sinne wie unter Folterqualen. Auch seine Stimme wurde so gemixt, als wäre sie eine Trompete. Das hat mir das Hirn weggeblasen.“ Jazz ist ein großes Ding unter jungen Leuten in London, wo Isaac und King Krule zusammen wohnen. Auch sie kamen dem Jazz über Hip-Hop nahe. Irgendwann will man wissen, woher die Samples stammen. Sein Daddy, einst Drummer, hat Isaac im Auto Funk und Soul vorgespielt. „Acid-Jazz und so Zeugs. Dabei hat er im Rhythmus aufs Lenkrad getrommelt.“

Auch die 1964er Platte „Getz/Gilberto“ von João Gilberto und Stan Getz hat es Jamie Isaac angetan. In solcherlei Sommerklang versteckt er seine morbiden Texte mit akutem Hang zu Knochenmetaphorik. Er mag die Idee, dass Leute auf seine Grabestexte tanzen, verwendet viel Saxophon, das gleitet schön. „Vor allem Tenor, da hört man so richtig den Atem drin.“ Nie würde er einen Song ohne Klavier drin schreiben. „Man sagt immer Piano. Aber es heißt ja eigentlich Pianoforte. Das erste Tasteninstrument, das laut und leise konnte.“ Man spürt, dass Isaac im Herzen selbst ein Pianoforte ist. Auf der Klaviatur werden seine Songs geboren, niemals auf dem Laptop, der kommt später ins Spiel. „Der Song muss für sich funktionieren, bevor du mit der Produktion rangehst. Sonst verlierst du ihn.“

King Krule und Jamie Isaac wurden beste Freunde, als sie 14 waren. Sie trafen sich auf einer Schule für kunstaffine, also superweirdo Kids. Der King wollte wissen, welche Musik Isaac hört. „Die Foals, hab ich gesagt. Seine Lippen bebten, und er meinte: ‚Foals, diese Fohlen?!‘ Ich dachte: Was für ein Arsch ist das denn?“ Der Anfang einer wunderbaren Freundschaft. „Unsere Persönlichkeiten sind im Grunde sehr ähnlich. Nur die Art, wie wir unsere Emotionen mitteilen, unterscheiden sich. Da ist Archy, also King Krule, aggressiver. Soll nicht heißen, dass ich weniger zornig bin. Der Ärger drückt sich bei mir bloß anders aus.“ Was raubt ihm den Schlaf? Liebeskummer hat er nach eigener Aussage jeden Tag. „Du etwa nicht?“, fragt er entgeistert. „Mach dir selbst nix vor!“ Er, der Substanzcleane, neige jedenfalls zur Menschenabhängigkeit: „Meine romantischen Ideen sabotieren mich. Und ich stehe drauf, dass das gefährlich ist.“

Privatclub Skalitzer Str. 85, Kreuzberg, Fr 28.9., 20 Uhr, VVK 20 €

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