Konzerte & Party

Jan Vogler im Schloss Neuhardenberg

tip Herr Vogler, Cellisten gelten als sehr verträgliche, nette Leute. Haben Sie noch nie einen garstigen Kollegen getroffen?
Jan Vogler Doch, wir haben auch unsere dunklen Seiten. Nur müssen wir das Leben mit einem sperrigen, oft unterschätzten Instrument führen. Gute Cellisten sind Überlebenskünstler, die sich von der Melancholie ihres Instrumentes nicht haben anstecken lassen.

tip Haben Cellisten kein Anrecht darauf, eklig zu werden?
Jan Vogler Nein! Ich ärgere mich über Leute, die ihre Probleme mit sich selbst offen zur Schau tragen und an den Mitmenschen auslassen. Mag das nun eine Stewardess sein, die mein Cello nicht mag, oder ein „großer Künstler“, der denkt, er könne sich schlecht benehmen. In New York lebend, schätze ich die Amerikaner für ihre Höflichkeit. Das erleichtert das Leben kolossal.

tip Vermutlich „sucht“ sich jedes Instrument einen besonderen Typus Mensch. Welches sind die am wenigsten netten Instrumentalisten?
Jan Vogler Mir hat mal ein Posaunist Dresche angedroht. Er kam in der Probenpause auf mich zu, ein großer Kerl, da hätte ich keine Chance gehabt. Ist aber nix passiert. Ich komme sogar mit schwerem Blech gut aus.

tip Heutigen Cellisten sagt man nach, sie seien technisch besser geworden als Solisten früherer Generationen. Sind auch die Schüler – wie jetzt bei Ihrem Meisterkurs – besser geworden?
Jan Vogler Hören Sie mal Aufnahmen von Leslie Parnas aus den 70er-Jahren, von Emanuel Feuermann aus den 40ern oder von Daniil Shafran aus den 60er-Jahren! Das spielt heute niemand besser. Was tatsächlich gestiegen ist, ist technisches Grundkönnen. Es liegt an den vielen Musikschulen und an guten Lehrern in jeder Ecke der Welt. Einen besonders schönen Ton zu produzieren, eine Phrase meisterhaft zu gestalten und eine Idee mit Präzision und Geschmack umzusetzen, ist aber heute so schwer wie eh und je.

tip Es gibt heute eine Art Meisterkurs-Tourismus …
Jan Vogler Stimmt! Und ich gebe deshalb auch nur sehr wenige Kurse. Hier in Neuhardenberg ist der jüngste Teilnehmer 13. Das ist spannend, denn da kann man wirklich noch etwas bewirken. Wir wollen zeigen, wie Musik entsteht. Und da ist Kammermusik die Königskunst.

tip Außerdem geben Sie in Neuhardenberg zwei Meister-Konzerte. Wer war der letzte Meister, dem Sie selber begegnet sind?
Jan Vogler Die Fado-Sängerin Mariza. Außerdem Daniel Barenboim, Jewgeni Kissin und Nikolaus Harnoncourt. Mich fasziniert das. Nur nehmen wir uns heute für derlei zu wenig Zeit – auch als Hörer. Wir wollen ohne Umwege unterhalten werden. Das Zelebrieren ist aus der Mode gekommen. Das kommt aber wieder! Wir sehnen uns im Grunde genommen danach. Wonach genau? Nach einem tiefen und authentischen Kunsterlebnis.

tip Als Leiter des Moritzburg-Festivals kennen Sie sich mit Sommerfestivals aus. Ist das Publikum, wenn es rausfährt, anders drauf?
Jan Vogler Ja, ich empfinde das Publikum als konzentrierter und neugieriger als in der Stadt – obwohl es sich oftmals um dieselben Menschen handelt. Vor 20 Jahren war das noch anders. Da waren die Konzerte im Sommer weniger ernsthaft, auch improvisierter.

tip Der Klassik wird oft Überalterung vorgeworfen. Vermissen Sie jüngeres Publikum?
Jan Vogler Es gibt junges Publikum! Und es kommt, sobald ein Format, Werke und die Künstler ansprechend sind. Ich finde es andererseits völlig okay, wenn man einige Jahre braucht, ehe man mit Klassik was anfangen kann. „Überalterung“ – ein schreckliches Wort – empfinde ich, als Vorwurf genommen, als eine Unverschämtheit. Heißt das, ein Publikum ist weniger wertvoll, weil es eine bestimmte Altersgrenze überschritten hat? Und welche Grenze soll das bitte schön sein? Das sind schräge Argumente. Ich glaube, dass es für gute Musik immer ein gutes Publikum geben wird.

tip Welcher Cellist wird heute stark unterschätzt?
Jan Vogler Viele junge Cellisten haben es heute schwer. Trotzdem gibt es den „großen Unterschätzten“ nicht mehr, dazu bringen die sozialen Netzwerke zu viele Informationen unter die Leute. Das letzte unbekannte Genie war der russische Cellist Daniil Shafran. Rostropowitsch überschattete ihn. Dafür ist Shafran heute, viele Jahre nach seinem Tod, ein Star aller Cello-Fans. Qualität bleibt nicht unentdeckt. Nur manchmal dauert es eine Weile.

Interview: Kai Luehrs-Kaiser

WORKSHOP JAN VOGLER
Schloss Neuhardenberg, Großer Saal. Mo 3.8., ?ab 15 Uhr, Di 4.8.–Fr 7.8., jeweils 9–19 Uhr; ?Sa 8.8., 9–13 Uhr, Eintritt frei

KONZERTE JAN VOGLER
Schloss Neuhardenberg, Schinkel-Kirche, Sa 8.8., 18 Uhr; So 9.8., 15 Uhr, Karten-Tel. 033476-60 07 50

Jan Vogler
geboren 1964 in Berlin, ist einer der wichtigsten Cellisten aus Deutschland. Nach seinem Studium in Berlin und Basel (bei Heinrich Schiff) war er zunächst Konzertmeister der Staatskapelle Dresden. Seit 1997 ist er solistisch freischaffend und international erfolgreich. 1993 war er Mitbegründer des Moritzburg-Festivals, das er bis heute leitet. Seit 2009 ist er auch Intendant der Dresdner Musikfestspiele.

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